Bedrohungsszenarien Der große Unernst
Ob Erdbeben, Schweinegrippe oder Staatsbankrott: Der global vernetzte Zuschauer hat den Sinn für die Realität verloren
© Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

Der Blick in virtuelle Welten
Eine Frau im roten Kostüm tritt vor den Vorhang und sagt: »Es brennt.«
Das Publikum weiß nicht, wie es sich verhalten soll. Die Beherzteren im Saal lachen. Nur eine Dame aus der Provinz fasst ängstlich nach ihrem Täschchen. Der Connaisseur an ihrer Seite legt ihr die Hand auf den Oberschenkel. »Keine Sorge«, raunt er, »Regietheater.«
Die Frau auf der Bühne klingt weiterhin ernst: »Meine Damen und Herren, ich sage es ganz offen: Wenn wir nicht schnell und entschlossen handeln, wird jeder hier verbrennen. Oder ersticken.«
Einige Zuschauer werden unruhig, meinen, Rauch zu schnuppern, schielen nach den grünen Leuchten mit den Fluchtmännchen. Der Kritiker in Reihe sieben verdreht die Augen.
»Vor uns steht eine riesige Aufgabe«, fährt die Frau auf der Bühne fort. »Ich sage, eine Herkulesaufgabe, weil wir eigentlich Unvereinbares zusammenbringen müssen: den Brand bekämpfen und trotzdem niemandem den Abend verderben.«
Sogleich ist die Stimmung wieder entspannt. Selbst die Dame aus der Provinz setzt ein wissendes Grinsen auf.
Da springt ein Mann im schwarzen Anzug aus der Seitenbühne. »Das kann so nicht weitergehen«, ruft er und fuchtelt mit der Hand. »Bringen Sie Ordnung in den Laden, nehmen Sie endlich Ihre Verantwortung wahr!«
Die Frau im Rampenlicht kichert. Das Publikum ist größtenteils auf ihrer Seite und kichert mit.
Der Mann im Anzug merkt, dass er dabei ist, die Show zu verlieren. Auch er wendet sich jetzt direkt an den Saal, seine Rechte zeigt auf die Frau, die noch immer mit dem Publikum flachst. »Reden Sie mir nicht von Herkulesaufgaben«, donnert er, »Sie sind ja nicht einmal imstande, den neuen Getränkeautomaten in der Kantine aufstellen zu lassen.«
»Eins zu eins«, raunt der Connaisseur seiner Provinzbegleitung zu und applaudiert.
Dieses Stück wird nicht im Deutschen Nationaltheater in Weimar aufgeführt, sondern im Deutschen Bundestag in Berlin. Unlängst trug es den Titel »Generaldebatte zum Haushalt«, ebenso gut hätte es »Die Parlamentsdebatte zur Finanzkrise« oder »Die aktuelle Stunde zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan« sein können. Die grundlegende Dramaturgie wäre dieselbe gewesen.
Diejenigen, die gerade an der Macht sind, übernehmen die Rolle des Beschwichtigers. Um in diesem Fach zu reüssieren, ist es unumgänglich, auf den »Ernst der Lage« hinzuweisen und zu betonen, man tue dies »schonungslos«. Kein Regierungsdarsteller darf jedoch die Bühne verlassen, ohne Zeilen wie »Ich habe den Eindruck, dass die Dinge gut vorangehen« oder »Ich versichere Ihnen, wir sind auf einem guten Weg« abgeliefert zu haben. Das Orchester möge weiterspielen, auch wenn die ersten brennenden Balken auf die Hinterbühne krachen.
Diejenigen, die gerade nicht an der Macht sind, versammeln sich zum Erregungschor. So laut wie möglich deklamieren sie, die Regierenden seien komplett unfähig, noch das geringste Problem in den Griff zu bekommen. Der Weltenbrand drohe, wenn der Zuschauer sich nicht bald entschlösse, sie, die anderen, an die Macht zu bringen. Alle Alarmglocken schrillen, auch wenn es nur der Pförtner war, der sich in seiner Loge heimlich eine Zigarette angesteckt hat.
Während vorn im Rampenlicht hektisch auf- und abgewiegelt wird, schwelt die Frage, ob es nun tatsächlich brennt, eigentümlich unbeantwortet vor sich hin. Auch der Zuschauer stellt sie sich allenfalls unterschwellig. Die Vorstellung, er selbst könne Brandopfer werden, flößt ihm wie eh und je Grauen ein. Doch solange ihm keine echten Flammen entgegenschlagen, ist es ein Grauen, das er sich gern einflößen lässt. Die Welt als Thrill und Zerstreuung.
Der global vernetzte Zuschauer des frühen 21.Jahrhunderts hat seinen Instinkt für die Realität verloren. Seine eigene Urteilskraft reicht nicht mehr aus, um zu unterscheiden, wo der Theaterdonner aufhört und die wirkliche Bedrohung anfängt. Auch die Medien helfen ihm nicht, wenn es darum geht, Sinne und Verstand zu schärfen. Im Gegenteil: Immer schneller und unter immer grelleren Jahrmarktsklängen treiben sie das Karussell der schlechten Nachrichten aus aller Welt an: Schweinegrippe, bombardierte Tanklaster in Afghanistan, Erdbeben in Haiti, Griechenland vor dem Staatsbankrott. Alles furchtbar, alles scheinbar ganz nah und dann doch wieder weit weg. Mit jedem Tag, an dem die Verhältnisse in seiner kleinen Welt stabil bleiben, erscheint dem Zuschauer der Katastrophenhorizont mehr und mehr als flirrender Bühnenprospekt. Doch wenn er die überreizten Augen für einen Moment schließt, kommt die Angst, und er fleht nach Politikern, die versprechen, dass ihm in seiner Nussschale nichts zustoßen wird, ganz gleich, wie wild die Wogen draußen toben.
Nervös gelähmt starrt der Zuschauer auf die politischen Akteure und Aktricen, die ebenso nervös gelähmt agieren. Auch sie scheinen nicht mehr fest im Sattel der Wirklichkeit zu sitzen. Da verirrt sich ein prominentes Regierungsmitglied ins falsche Rollenfach, schwingt sich zum Anführer des Erregungschors auf, um spätrömische Zustände zu beklagen – und tut anderntags alles dafür, das selbst entfachte Strohfeuer wieder auszutreten. Dass der Preis dafür ein milliardenfach dekadenter Staatshaushalt ist – wen kümmert’s? Hauptsache, das Karussell dreht sich weiter.
Der kleinmütigen Ratlosigkeit im konkreten Handeln entspricht der Größenwahn, wenn es ums vermeintlich Ganze geht. Dieselbe Regierung, die sich quälend schwer damit tut, eine vernünftige Gesundheitsreform durchzuführen, verkündet im nächsten Atemzug die »Rettung des Weltklimas« als angeblich ernst gemeintes politisches Ziel. Der Zuschauer, zwar längst skeptisch geworden, was die konkrete Gestaltungsfähigkeit der Regierenden angeht, spielt mit, weil er immer noch bereit ist, an den unrealistischsten Heilsplan zu glauben – solange dieser seine eigenen Ängste und Hoffnungen widerspiegelt. Und solange er mit glaubwürdigem Pathos vorgetragen wird.
In der sogenannten Informationsgesellschaft, bei der es sich in Wahrheit um eine Gesellschaft handelt, in der keiner mehr weiß, welche Information er noch glauben und was er mit all den Informationen, die er sekündlich abrufen kann, anfangen soll, wird Glaubwürdigkeit zum letzten Fetisch. So gesehen verhält sich ein Verteidigungsminister nur konsequent, wenn er in erster Linie darum kämpft, seinen Ruf als Ritter von der aufrechten Gestalt wiederherzustellen. Denn seine Gegenspieler sind ebenfalls mehr damit befasst, herauszufinden, was er wann gewusst und warum verschwiegen hat, als die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, wie die Lage in Afghanistan tatsächlich aussieht und ob es noch sinnvolle Strategien für den verfahrenen Bundeswehreinsatz am Hindukusch geben kann. Glaubwürdigkeit verkommt zum Glaubwürdigkeitstheater.
Auch jenseits der politischen Bühne hatten die meisten Skandale, die die deutsche Öffentlichkeit in letzter Zeit aufscheuchten, mit Glaubwürdigkeit und deren Verlust zu tun. Eine Autorin, deren Buch als Ausbund juveniler Authentizität gepriesen wurde, musste sich nachweisen lassen, dass sie die Exzesse, die sie beschreibt, wohl doch nicht gelebt, sondern lediglich von einem Kollegen abgeschrieben hat. Aktuell ringen die Kirchen, die traditionell als eine der letzten Bastionen der Glaubwürdigkeit galten, darum, ihr beflecktes Image zu reinigen. Verständlich ist der Zorn auf katholische Priester, die Zölibat predigen und Pädophilie leben. Verständlich war auch der Spott, der über einer evangelischen Bischöfin ausgegossen wurde, die in der Fastenzeit mit 1,54 Promille eine rote Ampel überfuhr.
Grotesk allerdings war, was geschah, nachdem jene Bischöfin aus ihrem Fehler Konsequenzen gezogen und ihre hohen Ämter niedergelegt hatte. Die Öffentlichkeit reagierte betreten, als mache es ihr Angst, dass da eine wirklich gehandelt hat, anstatt sich mit einem publikumswirksamen Auftritt im Büßergewand aus der Affäre zu ziehen.
Noch tiefer ging der öffentliche Schock, als es ein Nationaltorwart im vergangenen Herbst nicht mehr ertrug, der Welt vorzuspielen, alles sei in bester Ordnung, und mit seinem Selbstmord den letzten verzweifelten Schritt aus der Wirklichkeit hinaus tat. Das Publikum weinte fassungslos, als habe es ganz und gar vergessen, dass Tragödien anders enden können als damit, dass einer ein auflagenstarkes Buch über sein privates Unglück schreibt.
Dem Leben lässt sich der Ernst, der bisweilen tödlich werden kann, nicht austreiben. Doch was fängt man an mit dieser Erkenntnis in Zeiten, in denen alle darauf bedacht sind, jenen Ernst entweder mit illusorischen »Wir kriegen das schon in den Griff«-Floskeln kleinzureden oder durch Katastrophengeschrei zum unlösbaren Problem aufzublasen, vor dem der Einzelne dann tatsächlich nur noch kapitulieren kann?
»Mehr Ernsthaftigkeit wagen!« Dies wäre der Satz der Stunde. Aber wer soll ihn sagen? Und wäre er in dem Moment, in dem er auf der großen Bühne ausgesprochen wird, nicht unweigerlich die nächste Parole, die sich besonders frenetisch beklatschen ließe, bevor man im Pausenfoyer zum Buffet schreitet?
- Datum 01.04.2010 - 14:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31.03.2010 Nr. 14
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"Glaubwürdigkeit verkommt zum Glaubwürdigkeitstheater"
Schöner Artikel, der das mal auf den Punkt bringt. Ich empfinde es auch immer schwerer Informationen zu einem Thema zu filtern, weil man doch ziemlich häufig mit unnötigen Beiträgen bombadiert wird. Diesen Artikel sollten sich auch ein paar Zeitredakteure zu Herzen nehmen!!
Eine schöne Tautologie dabei, wie scharfsinnig sich dieser Artikel unter seinen Nachbarn ausnimmt, während er den Scharfsinn als solchen lobt. Selten sind hier so treffende politische Beobachtungen zu lesen. Und so gut formulierte noch seltener...
Stilistisch hervorragend und vor allem ein gut lesbarer Text. Frau Dorn ist eine ausgezeichnete Beobachterin und hat die Fragwürdigkeit unserer Erregungsgesellschaft exakt auf den Punkt gebracht. Ich sehe die Problematik ebenso und habe nichts zu kritisieren.
Indes: Was wir auf der Politbühne sowie dem öffentlichen Raum erleben ist die hilflose Vorstellung von Protagonisten, die nicht anders können. Selbst wenn sie wollten, gelänge ihnen kaum eine seriöse Reform. Unser Gemeinwesen ist nämlich total vermachtet. Wo immer man mit dem ernsthaften Wandel begänne, bekäme man es flugs mit erheblichen Widerstand der jeweiligen Platzhirsche zu tun.
Darum wissen unsere bauernschlauen politischen Eliten selbstverständlich. Insofern verlegen sie sich aufs "business as usual" und führen - freilich im Verbund mit den Medien - jenes Verwirr- und Schmierenstück auf, das Frau Dorn so vorzüglich in Text gegossen hat.
Thea Dorn hatte mal Martin Walser in ihrer Talksendung zu Gast. Es stellte sich heraus, dass sie kaum Ahnung von der Sache hatte, um die es ging! Peinlich! Genau so dieser Artikel! Peinlich, verantwortungslos! Würde man Frau Dorn die Verantwortung für ein Kernkraftwerk übertragen, das 20 Jahre länger laufen soll als die Betriebsdauer es vorgibt?
Wenn es so wäre...warum haben sich dann wesentlich weniger Menschen gegen die Schweinegrippe impfen lassen als gedacht? Wenn wir so realitätsfremd wären, dann wäre doch eine Panik ausgebrochen. Und was war? Fast jeder wusste irgendwann dass die Anzahl der Todesfälle durch die Schweinegrippe weit unter der der normalen jährlichen Grippe geblieben ist. Von Panik in dem Sinne keine Spur...oder habe ich irgendeine Ironie nicht verstanden?
Ein normaler Mensch hat überhaupt keine Zeit, diesen Schwachsinn zu lesen, den Frau Dorn wie eine Kette vor uns ausbreitet.
In wessen Diensten steht Frau Dorn?
Wird sie hier gedruckt, um der babylonischen Verwirrung durch die Medien noch zu stärken?
Glaubt der Westen mit derartigen Darstellungen wirklich noch ein en Anspruch auf Demokratie und Aufklärung in der großen weiten Welt zu haben?
Wem nützt diese mittelalterliche Verwirrung noch mehr als dem kriegslüsternen und selbstverliebten Amerika?
Es sind die oppurtunen Schreiberlinge derselben Macht.
Frau Dorn stellt ein paar berechtigte Frage, gibt darauf aber alte, überkommene Antworten. Woher soll die Ernsthaftigkeit, die sie im Schlußplädoyer einfordert, denn plötzlich kommen? Unsere Gesellschaft lebt in massenhaftem Luxus, niemand hungert, niemand dürstet (außer nach Gerechtigkeit). Das hat zur Folge, dass sich die Wahrnehmung auf reale oder eingebildete Probleme verschiebt. Dennoch - auch früher wusste niemand genau, was eigentlich los ist, wurden die Leute ständig in künstlich geschaffene Hysterien versetzt und gegeneinander aufgewiegelt. Quantitativ mag sich, auch durch die massenhafte Verbreitung von Informationen, etwas geändert haben, qualitativ aber nicht.
Also entweder habe ich die Ironie in Ihrem Beitrag nicht gefudnen oder Sie sind solchen Beiträgen schon genug auf dem Leim gegangen...
Also entweder habe ich die Ironie in Ihrem Beitrag nicht gefudnen oder Sie sind solchen Beiträgen schon genug auf dem Leim gegangen...
Da gibt es einen Bankenkrise und die gibt es weil einige zu gierig sind - statt den Leuten zu sagen, es gibt eine Geldsystemkrise und wir können nicht handeln, weil wir die Hoheit des Handelns abgegeben haben.
Der Euro als auch der Dollar wird sterben und wir brauchen schnell eine neue Währung, eine die den Zinseszinssparfehler nicht hat, dann geht alles seinen guten Gang aber zuvor verliert ihr alle eure Sparvermögen als auch eure Schulden.
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