Performance Hotel, Stuttgart Tausche Tanz gegen Bett

Folge Nr. 123 aus der Serie ”Was mache ich hier?”: Ein Besuch im Stuttgarter Performance Hotel, in dem die Gäste Darbietungen gegen Übernachtungen tauschen können

Gegen eine künstlerische Darbietung kann man hier auf einer Matratze oder einer Isomatte übernachten

Gegen eine künstlerische Darbietung kann man hier auf einer Matratze oder einer Isomatte übernachten

»Jetzt kommen die vorwitzigen Protagonisten«, sagt die Künstlerin und schält eine Ingwerwurzel. »Sie haben eine Tendenz zur Selbstdarstellung – gerade deshalb wirken sie auf manche faszinierend.« Dann schnippelt sie eine rote Schote klein und fährt fragend fort: »Es gibt Menschen, die sagen, dass sie Chili lieben. Sie würden aber nie eine ganze Schote essen – kann man da von uneingeschränkter Begeisterung sprechen?«

Man könnte das Kochen nennen. Aber Janina Haltke bereitet ihre Kichererbsen auf orientalische Art in Deutschlands erstem Performance Hotel zu. Es steht in Stuttgart. Sein Ruf ist bis in den Mittleren Osten gedrungen. Die Zeitung Arab News hat über dieses Haus berichtet. Und seine Besonderheit so formuliert: »Perform or pay« – wer etwas aufführt, übernachtet hier kostenlos. Wer das nicht will, zahlt zehn Euro. Dafür gibt’s Matratze und Bettzeug. Eine Nacht auf dem Boden kostet 50 Cent.

Anzeige

Dieses Hotel versteht sich als Protest gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Es praktiziert eine alternative Ökonomie: Auf der Basis des Tauschhandels umgeht es den üblichen Geldkreislauf. Mit ihrer Kichererbsen-Performance bietet Janina Haltke, Referendarin am Gymnasium, einen realen Wert. Dafür bekommt sie ihre Übernachtung.

Die Küche, in der sie an einem Donnerstagabend in Aktion tritt, erinnert an eine improvisierende WG. Die Einrichtung ist zusammengestückelt, Packungen mit diversen Teebeuteln sind zu einer kunstvollen Installation um den Ghettoblaster geschichtet. Ursprünglich war dieses Hotel ein schmales Winzerhaus, erbaut um 1800. Es steht im Stuttgarter Osten, in einem traditionellen Arbeiterbezirk. Der Gaskessel und die Werkshallen von Daimler sind nahe, die Staatsgalerie ist weit weg.

»Hier haben wir keinen Repräsentationsdruck«, sagt Susanne Jakob. Sie ist Dozentin an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und betreut dieses Projekt, gemeinsam mit Georg Winter von der Hochschule der Bildenden Künste in Saarbrücken. Ihr Hotel soll die Distanz der Kunst zur Gesellschaft verringern. »Wir wollen die Bewohner dieses Viertels nicht provozieren, sondern integrieren«, sagt Winter. »Das ist unsere Utopie von Performance: Sie erschöpft sich nicht in einer Aufführung. Sie zielt auf Beteiligung.«

Leser-Kommentare
    • Sitt01
    • 29.04.2010 um 13:44 Uhr

    ein interessanter Beitrag. Klar, dass derartige Performance-Kunst in einer eher vom Biedertum geprägten (west-) europäischen Welt für Aufsehen sorgt. Über Geschmack lässt sich streiten, aber ich bin angenehm überrascht von der Farbenkomposition.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service