Prolog auf dem Theater

Wuppertal sieht aus wie Wladiwostok 1962. Sagt Rainald Grebe, und sein Wuppertaler Publikum lacht, ertappt, beschämt, befreit. "Wenn man immer nur den Osten mästet / das rächt sich." Applaus, politisch inkorrekt, aber was soll’s, die Lage ist sowieso hoffnungslos. Der Berliner Liedermacher ist ins Bergische gekommen für ein Benefizkonzert zugunsten des Stadttheaters Wuppertal, eines der traditionsreichsten Dreispartenhäuser des Landes, Peymann hat hier mit Minetti den Lear gemacht, Zadek war da, Luc Bondy. Das Ensemble hatte mal 30 Schauspieler, heute sind es noch 14. Nun soll der Etat um weitere 20 Prozent gekürzt werden, das wäre das Ende. Das Schauspielhaus, ein stilsicherer weißer Bau der Sechziger, Japan an der Wupper, ist bereits seit einem Jahr geschlossen und soll 2012 ganz aufgegeben werden. Noch wird gespielt, im notdürftig hergerichteten Foyer oder im Opernhaus, das ein paar Kilometer westlich liegt, die stadtzersägende B7 runter. Grebe, ein Freund des Intendanten, spendet seine Gage der Streikkasse, "für ein paar sinnvolle Dinge, T-Shirts bedrucken oder Plastiksprengstoff kaufen".

Als Sidekick hat Grebe einen Liliputaner mitgebracht, der aus dem Wuppertaler Haushaltssicherungskonzept die schärfsten Stellen vorträgt, als sei’s erotische Literatur. 134 Seiten zum Internet-Download, in denen sich die Stadt nackig macht und ihr ganzes Elend ausbreitet: 1,8 Milliarden Euro Schulden, Wirtschaftskrise, Strukturwandel; allein die Wohnkostenzuschüsse für 45.000 Langzeitarbeitslosen verschlingen fast 100 Millionen Euro im Jahr. Ihren Beitrag zum Aufbau Ost, 20 Millionen jährlich, finanziert die Stadt auf Pump. Deshalb wird nun gespart, "um zu gestalten", wie das Motto des Konzepts lautet: Die Verwaltung baut Dutzende Stellen ab, fünf Schwimmbäder, zwei Stadtteilbibliotheken und ein paar Schulen werden geschlossen, alles andere wird teurer: der Zoo, Musik- und Volkshochschule, Sinfoniekonzerte, die Hundesteuer, das Parken. Der Kulturetat wird um ein Drittel rasiert. Realistisch, notwendig, verantwortbar sei all das, heißt es im Konzept. "Die Türken wollen auch keine Einakter sehen von der Jelinek", singt Rainald Grebe, und der Zwerg erklärt, dass die Toten nur noch einmal wöchentlich unter die Erde kommen – is’ billiger.

1. Akt – An Pinas Grab

"Media vita in morte sumus" steht auf dem efeuüberwachsenen Stein, mitten im Leben sind vom Tod wir umgeben. Ein passendes Motto für den Welttheatertag, der in diesem Jahr in Wuppertal stattfindet und auf dem Waldfriedhof Varresbeck beginnt. Unter dem Stein ruht, beschirmt von hohen Buchen, zu Füßen einen kleinen Teich, Pina Bausch. Dank ihrer Kunst kennt die ganze Welt nun "Whoopataal", und die Choreografin wäre nichts geworden ohne das Theater, dem es an den Kragen geht. Arno Wüstenhöfer, der Intendant von 1964 bis 1975, hat sie entdeckt und gegen anfängliches Unverständnis in Schutz genommen. Er liegt ein paar Wege weiter, und auch er bekommt, wie Pina, an diesem von Spechten durchhämmerten Morgen ein Gebinde mit weißen Lilien aufs Grab. "Dankbare Grüße in den Theaterhimmel" steht auf der moosgrünen Schleife.

Zwei Dutzend Menschen und zwei Hunde sind zu der symbolischen Aktion gekommen, Auftakt der Proteste gegen die Sparpläne der Stadt. "Niemand außerhalb Deutschlands versteht, wie man das Theater schließen kann, an dem Pina Bausch gearbeitet hat", sagt Holk Freytag, der Chef der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins. Er hat den Tag organisiert, an dem 59 Bühnen aus der ganzen Republik mit Auftritten an sechs Orten die größte Solidaritätsdemonstration in der Geschichte des deutschen Theaters auf die Beine stellen werden. Die Gedenkgemeinde ist sich einig: Wenn Pina noch lebte, hätte niemand gewagt, Hand an ihr Haus zu legen.

Stimmt das? Der Mann, dem der Vorwurf gilt, lächelt: "Die Frage stellt sich so nicht." Johannes Slawig, CDU, ist der Wuppertaler Stadtdirektor und mitverantwortlich für das 134 Seiten lange Schreckenspapier. Natürlich steht er nicht an Pinas Grab, die Stadtspitze bleibt das Protestwochenende über in Deckung. Aber im Vorzimmer von Slawigs Büros, in dem er zum Gespräch empfängt, hängt ein Plakat des Tanztheaters Pina Bausch.

Man muss sich den Historiker Johannes Slawig als einen kultivierten Mann vorstellen, einen Sisyphus des Kommunalen. Er weiß natürlich, dass seine Kürzung von 216 Millionen Euro bis 2014 weniger bringt, als die Stadt in einem Jahr an Miesen macht. Trotzdem wirkt er durchaus stolz darauf, einem bereits nackten Mann noch was aus der Tasche gefischt zu haben. Das Sparprogramm, dessen kritischer Teil erst im Sommer endgültig beschlossen werden soll, findet er keineswegs sinnlos. "Wir müssen das Wachstum der Verschuldung bremsen. Sonst wälzen wir alles auf die nächsten Generationen ab." Den Karren der städtischen Finanzen einfach vor die Wand zu fahren und die Folgen den Verantwortlichen in Düsseldorf zu überlassen, "das kann ich mit meinem Verantwortungsbewusstsein nicht vereinbaren", sagt der Mann mit der Fliege. Und gibt im gleichen Atemzug zu, dass die Lösung all seiner Probleme nur aus Düsseldorf und Berlin kommen kann.

Denn Wuppertal ist ja längst überall. Ein Defizit von zwölf Milliarden Euro werden die deutschen Städte und Gemeinden im Jahr 2010 aufhäufen; ihre Ausgaben für Soziales haben sich seit 1992 auf 40 Milliarden Euro verdoppelt; aus der wichtigsten Einnahmequelle, der Gewerbesteuer, sprudelten im vergangenen Jahr aber 17 Prozent weniger als 2008. Die strukturelle Unterfinanzierung sei vor allem ein NRW-Problem, sagt Slawig, das Land habe viele Aufgaben an die Städte delegiert, ohne ihnen das Geld dafür zu geben. Oberhausen, Hagen, Duisburg, Mülheim oder sogar die europäische Kulturhauptstadt Essen – 30 von 427 Kommunen sind fast pleite. Deshalb haben sich 19 Städte zusammengetan und in einem Memorandum "Wege aus der Schuldenfalle" aufgezeigt. Slawig nennt drei zentrale Forderungen: Mehr Geld vom Bund, kein Geld mehr von den westdeutschen Armenhäusern für den Aufbau Ost und ein Entschuldungskonzept, sprich: eine Art Bad Bank für den Mühlstein alter Verbindlichkeiten.

Letztlich ist die Konsolidierung genannte Selbstverstümmelung ein Hilfeschrei. Und Johannes Slawig weiß, dass die Theater besonders quieken, wenn es ihnen an die Wäsche geht. Womit sich der Druck auf Bund und Land für eine Reform der Gemeindefinanzen erhöht. Wenn Wuppertal ein Freibad schließt, zuckt der Rest des Landes mit den Schultern. Beim Theater aber reichen die Wellen der Empörung bis nach Berlin – kein Zufall, dass sich in der Hauptstadt gerade eine Gemeindefinanzkommission gebildet hat. "Aber wir haben das nicht nur deshalb gemacht!", sagt Slawig. "Das Theater wird sich ändern müssen."

"Seit 60 Jahren geben wir zu wenig Geld für die kommunalen Theater", wird später der Kulturstaatssekretär des Landes, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, bei seinem Auftritt auf dem Welttheatertag sagen. "Das muss neu verhandelt werden." Und weil demnächst ein neuer Landtag gewählt wird, schiebt er noch ein Versprechen nach: dass der Ministerpräsident Jürgen Rüttgers keiner Steuerreform zustimmen werde, "in deren Folge Theater geschlossen werden". Das schauspielerfahrene Publikum aber hat sein Urteil schon gefällt: "Münchhausen!"