Währungsunion Zucht für Zocker

Merkels Powerplay in Brüssel ist gut für Europa und den Euro

Bundeskanzlerin Merkel stand mit ihren Positionen in der Griechenland-Debatte  oft allein da

Bundeskanzlerin Merkel stand mit ihren Positionen in der Griechenland-Debatte oft allein da

Gerade noch hat Newsweek der Kanzlerin, alias »Frau Europa«, die Führung offeriert, aber: »She does not want the job.« Nun hat sie zugegriffen. Gegen den Willen von Nicolas Sarkozy, der Kommission und manchem EU-Kollegen hat sie sich durchgesetzt: Kein Cent für die Griechen, nicht jetzt, nur bei »sehr großen Schwierigkeiten«. Seitdem ist Merkel »Madame Non« in Frankreich und Staatsfeind Nummer eins in Athen.

Der hoch geschätzte Joschka Fischer spricht von einem »einmaligen europapolitischen Desaster«, das »Frau Germania« angerichtet hätte. Ihm schwant, sie liege voll im Trend. Deutschland als »Motor« der Integration sei gestern; jetzt drängten die »engeren nationalen Interessen« nach vorn.

Anzeige

Was aber ist, wenn selbige Interessen in Wahrheit die europäischen sind (ganz ohne Wilhelm Zwo zu bemühen)? Schließlich geht es um die Zukunft des Euro, einer wackelnden Säule der Integration. Die Skeptiker haben dem Projekt schon vor der Geburt just die Krise vorausgesagt, die von Griechenland (dahinter Portugal, Irland, Italien, Spanien, kurz: PIIGS) losgetreten worden ist.

Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Die Begründung, ganz knapp: Keine Währungs- ohne politische Union. Bildlich: Wenn es keinen Zugführer gibt, müssen alle zusammengekoppelten Triebwagen (die Staaten) im gleichen Tempo (mit gleicher Haushaltspolitik) rollen. Wenn einer den Dampfdruck erhöht oder gleich mehrere es tun, droht die Entgleisung. Logisch.

Das haben Hellas und Co. dennoch getan, ganz abgesehen davon, dass Athen seinerzeit die Bilanzen geschönt hat, um sich unter der Hürde der Beitrittskriterien durchzumogeln. Die PIIGS haben massiv mehr ausgegeben, als sie eingenommen haben. Um den extravaganten Lebensstil zu finanzieren, haben sie sich die »Kohle« aus dem Ausland geholt: die Griechen 270 Milliarden Euro – bis an den Rand der Pleite. Jetzt sollte Europa die Verschwendungssucht im Nachhinein alimentieren, und da hat Madame zu Recht »non« gesagt.

Hat der Euro nicht schon zehn Prozent gegen den Dollar verloren? Ist es nicht Athens Pflicht, seinen Oikos (»Haus«, »Haushalt«, daher »Ökonomie«) zu ordnen? Hat nicht Irland das schon mit strengstem Sparen geschafft? Der Sünder soll Solidarität bekommen, aber Reue und Umkehr müssen sein. Hinzu kommt, dass der Artikel 125 des Lissabon-Vertrags es den EUlern strikt verbietet, für die Schulden eines Euro-Landes einzuspringen.

Genau diese Wende hat Merkel mit ihrem »Jetzt nicht« angemahnt. Anpassen müssen sich die Dauer-Säufer, nicht die halbwegs Nüchternen (wobei kein EU-Großer sich derzeit an das Defizit-Limit von drei Prozent hält). Grausam? Ja. Aber auch »zielführend«, wie es auf Neudeutsch heißt. Voltaires Satz, wonach die harsche Strafe »die anderen dazu ermutigen« möge, die Tugend zu ehren, gilt auch hier. Ein Multi-Milliarden-Geschenk für die Griechen hätte Iberer und Italiener keineswegs ermutigt, ihre Oikos-Aufgaben zu machen.

Wer ist dann der schlechte Europäer? Doch nicht eine Merkel, die eine zentrale Errungenschaft zu retten versucht, indem sie den Temposündern das Bremsen verordnet. So wankelmütig ist der Zeitgeist: Daumen rauf, Daumen runter. Hauptsache, der Euro bleibt oben.

 
Leser-Kommentare
  1. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion /ft

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... und denken Sie stets daran, dass Josef Joffe einer der Herausgeber ist.

    ... und denken Sie stets daran, dass Josef Joffe einer der Herausgeber ist.

  2. Sehr geehrter Herr Joffe! Leider weiß ich nicht, wie Sie zu Ihrer Bewertung kommen. Gerade Sie müssten doch (als Teilnehmer bei diversen Bilderberg-Konferenzen) etwas informierter sein.
    1. Griechenlands Staatsbankrott ist nicht zu vermeiden (Sinnzitat Weltonline vom 02.04.2010)!
    2. Wenn Griechenlands Staatsbankrott nicht zu verhindern ist, dann ist der von Spanien und portugal wahrscheinlich auch nicht zu verhindern, oder?! (über Italien erlaube ich mir zur Zeit keine Berurteilung)
    3. Wie stabil kann ein Euro mit mindestens 3 sicher bankrotten Volkswirtschaften denn sein?
    4. Gehören auch Sie zu den Eliten, die den stabilen Euro predigen, aber still und heimlich schon in Sachwerte umschichten?
    5. Halten Sie in dieser Situation die Beweihräucherung unserer Kanzlerin für wirklich demokratiekonform?

    Ich möchte hier für meinen Teil äußern, dass mich diese Form der Berichterstattung immer mehr an Erfolgsmeldungen der DDR im Jahre 1989 erinnert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zapfen
    • 10.04.2010 um 1:11 Uhr

    Indem Griechenland nun zur Disziplin gebracht wird,
    werden es auch die Regierungen von Portugal und Spanien wesentlich leichter haben, Sparmassnahmen durchzusetzen und einen halbwegs vernünftigen Haushalt statt eines verrückten zu beschließen!!!
    Die Stabilität des Euro kann nur über das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit ZUR STRENGE HIN der EURO-Regierungen der EU hergestellt werden!
    Dies ist also primär NICHT MECHANISTISCH - real-fiskalisch, sondern erstmal psychologisch- d.h. auf der Vertrauensebene!
    Das Vertrauen in die Sanierung der Haushalte von PORT. und Span. und GR. muss von diesen demonstrativ durch Härte gegen sich SELBST hergestellt werden!
    Weichei geht hier nicht, Leute !!!!Nicht alles kann immer weich sein!
    Italien und Irland haben das schon vorexerziert, wie das geht!

    • Zapfen
    • 10.04.2010 um 1:11 Uhr

    Indem Griechenland nun zur Disziplin gebracht wird,
    werden es auch die Regierungen von Portugal und Spanien wesentlich leichter haben, Sparmassnahmen durchzusetzen und einen halbwegs vernünftigen Haushalt statt eines verrückten zu beschließen!!!
    Die Stabilität des Euro kann nur über das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit ZUR STRENGE HIN der EURO-Regierungen der EU hergestellt werden!
    Dies ist also primär NICHT MECHANISTISCH - real-fiskalisch, sondern erstmal psychologisch- d.h. auf der Vertrauensebene!
    Das Vertrauen in die Sanierung der Haushalte von PORT. und Span. und GR. muss von diesen demonstrativ durch Härte gegen sich SELBST hergestellt werden!
    Weichei geht hier nicht, Leute !!!!Nicht alles kann immer weich sein!
    Italien und Irland haben das schon vorexerziert, wie das geht!

  3. Und wieder ein hervorragender Kommentar Joseph Joffes in der ZEIT. Gegen den Mainstream, selber ausgedacht und begründet. Ich liebe meine ZEIT und mein -Abo.

    Klin

    • Lutz1
    • 02.04.2010 um 13:08 Uhr

    Medien zeigen immer mehr, daß sie die die Hand die sie füttert nicht beißen.
    Dieser Artikel ist absulut flach aber vielleicht soll er das ja auch sein.
    Hier wird wieder eine Täuschung produziert. Griechenland ist schuld bei 2% der Wirtschaftsleistung im Euroraum.
    Das ist Ablenkung, auch wenn die Griechen Fehler gemacht haben, die entscheidende Frage das ist die Systemfrage denn dort liegen die Ursachen für unseren existenziellen Probleme Herr Joffe und sie wissen das.
    Die Zucht für Zocker Überschrift ist ein Witz in dem Kontext.Aber sie wäre goldrichtig wenn sie einen Artikel über Banken und die Hochfinazkaste schrieben.
    Was sie Herr Joffe bei ihrer Aufgabe in diesem Spiel natürlich nie tun würden da es kontraproduktiv für die Ziele ihrer Vereinigung wäre.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zapfen
    • 10.04.2010 um 1:17 Uhr

    Zocken sind natürlich nicht
    die URSACHE,
    sondern nur eine Begleiterscheinung der Krise!
    Die griech. Regierung hat mit falschen Zahlen den rest der EU mehrfach betrogen,
    das hat nichts mit Zockerei oder Wetten zu tun!
    Bitte erst nachdenken, dann schreiben und nicht umgekehrt !

    • Zapfen
    • 10.04.2010 um 1:17 Uhr

    Zocken sind natürlich nicht
    die URSACHE,
    sondern nur eine Begleiterscheinung der Krise!
    Die griech. Regierung hat mit falschen Zahlen den rest der EU mehrfach betrogen,
    das hat nichts mit Zockerei oder Wetten zu tun!
    Bitte erst nachdenken, dann schreiben und nicht umgekehrt !

  4. Zitat: "Genau diese Wende hat Merkel mit ihrem »Jetzt nicht« angemahnt."
    Für mich ergibt sich daraus "Wann denn" und ich meine die Antwort ist bereits gegeben worden. Wenn Griechenland die IWF-Kredite nicht bedienen kann, müssen die EZB-Mitglieder einspringen. Deutschland laut Presse mit 27%.
    Wenn Fischer sagt: "Deutschland als »Motor« der Integration sei gestern; jetzt drängten die »engeren nationalen Interessen« nach vorn.", liegt das wohl daran, dass die Deutschen sich finanziell nach der Decke strecken müssen. Die Zeit der Spendierhosen ist vorbei - wir sind selber Pleite, wenn auch nicht so Pleite wie Griechenland.

  5. Die blumige Darstellung einer Notbremsung lässt eine schwärmerische Verehrung des Autors für eine Kanzlerin erkennen, die einfach keine Wahl hatte, um wenigstens eine undichte Stelle zu stopfen, wo noch andere warten.
    Das System der Bereicherung ist längst aus dem Ruder gelaufen nachdem jeder in seine Richtung rudert.
    Das nun die griechische Selbstbedienergesellschaft zur Raison gebracht wurde, kann bei anderen Aspiranten etwas mehr Vorsicht und Zurückhaltung einkehren - bis "die Katze wieder aus dem Haus ist".
    Das Spiel geht weiter und die Werte vernichtende militärische "Weltbefreiung" findet keinen ernst zu nehmenden Gegner.
    Dieses Europa trudelt von einer Krise in die andere und wird das Machtvakuum hinter einer untergehenden Großmacht so kaum ausgleichen können.
    Der hier so bieder gefeierte Sieg der Kanzlerin kann nur noch Träumer begeistern, die die entscheidenden Entwicklungen einfach verschlafen haben.

    • joG
    • 02.04.2010 um 15:16 Uhr

    ....und auf Sand fundiert ist, so muss nicht das ganze Haus einstürzen. Man kann mit einem Gerüst stützen. Wenn aber der gesamte Bauplan schlampig und die Materialien marode sind, ist es oft besser zu planieren. Beim Neubau kann man die alten Fehler korrigieren.
    Mit dem Stabilitätspakt cum Euro und den EU Grundvertrag hat man ein sehr schiefes Haus gebaut.

  6. ... und denken Sie stets daran, dass Josef Joffe einer der Herausgeber ist.

    Antwort auf "[Entfernt]"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service