Am Ende des Tages schwirrt einem der Kopf von so viel Sex. Stundenlang hatte Adolf Holl aus seinem Leben als Priester in Wien erzählt, von den Ehefrauen, den Pfarrgruppenleiterinnen, den Huren. Etwas verloren tauchte in den Erinnerungen auch immer wieder der Beichtvater Weiß auf, wie er in einem schlecht riechenden Exerzitienhaus sitzt und Holl zuhört, der ihm pflichtbewusst von seinen Sünden berichtet. Ratlos schenkte der Beichtvater ihm irgendwann eine Geißel, von Nonnen geknüpft, mit der er sich drei Mal in der Woche den Rücken auspeitschen sollte. Gegen die Fleischeslust. Genützt hat es nichts. Holl hat die Geißel alsbald verschenkt.

Adolf Holl ist in diesem Jahr 80 geworden. Zwanzig Jahre lang war er katholischer Priester in Wien, seit 1976 ist ihm die Ausübung des priesterlichen Amtes untersagt, im Jahr zuvor hatte er im Fernsehen gesagt, er halte den Zölibat seit über zehn Jahren nicht ein. Dieser Auftritt war der Höhepunkt einer Attacke gegen die Kirche, die 1971 mit dem Buch Jesus in schlechter Gesellschaft begonnen hatte; darin bezweifelte er, dass Jesus überhaupt eine Priesterkirche gewollt habe. Seitdem hat Holl fast jedes Jahr ein weiteres Buch geschrieben, in dem er seine Kirche heftig kritisiert. Ganz los wurde ihn die Kirche jedoch nie. Er ist immer Kleriker der Amtskirche Wien geblieben. Mit kirchlicher Krankenversicherung und 300 Euro Pension.

Die Wohnung, in der Adolf Holl immer noch jeden Tag schreibt, liegt im 19. Bezirk Wiens, in einem ruhigen Hinterhaus mit Blick auf einen großen Garten. Es ist die Wohnung eines Schöngeistes. An der Garderobe hängt seine Sammlung an Schiebermützen, der Boden ist mit dicken Teppichen ausgelegt, in den Jugendstilanrichten sammelt er kleine Mokkatässchen, Armband- und Taschenuhren. An den Wänden abstrakte Ölgemälde, Bücherregale und ein Prozessionskreuz. Auf dem Bett liegen Christian-Dior-Hemden von der letzten Reise. Ein schöner Ort. Und ebenjene Begeisterung für das Schöne war es auch, die ihn ursprünglich für die Kirche eingenommen hat.

Holl setzt sich in einen der tiefen Lederstühle und erinnert sich. Er verwandelt sich in den kleinen Messdiener Adolf, der mit pochendem Herzen hinter dem Priester in der Sakristei steht. Der ihn beobachtet, wie er das Schultertuch umlegt, Albe, Zingulum, Manipel, Stola und Messgewand, wie er dann nach dem Kelch greift und in den Chorraum hinaustritt. Glocken läuten, Weihrauch duftet, der Priester flüstert die Wandlungsworte über den Oblaten und verwandelt sie damit in den Leib Christi. »Er zauberte, und wenn er den vor ihm knienden Menschen dann die Hostien auf die Zunge legte, waren die Menschen selig.«

Und wer denkt bei so viel Macht und Erhabenheit an Sex? Adolf Holl sagt, er nicht. Nicht mit 13, als Ministrant. Nicht mit 18, als er in das Priesterseminar eintrat. Nicht mit 23, als er zum Priester geweiht wurde. Nicht mit 26, als er seit drei Jahren Priester an der St. Johannes Kirche am Kepplerplatz Kaplan war. Er ist 27 Jahre alt, als sein scheinbar so stabiles Lebensmodell ins Wanken gerät und er seinen Sexualtrieb nicht mehr aus seinem Leben ausblenden kann. Beim Lesen eines erotischen Krimis hat er seine erste Erektion.

Wie geht ein Leben mit dem Zölibat? Es ist schwer, einen Priester zu finden, der darüber spricht, denn die Schuldgefühle sind groß. Vielleicht gibt sich Holl deshalb so betont ohne Scham. Der Zölibat ist eigentlich ein Zeichen der Hingabe an Gott. Der Priester stellt sein Leben, seinen Leib und seinen Geist Gott zur Verfügung, um ihn auf diese Weise in der Gemeinde gegenwärtig werden zu lassen. Die Voraussetzung dazu ist eine ungeteilte Liebe zu Christus. So sieht es die Kirche.