urbi et orbi an Ostern. Bis jetzt hat der Papst noch nicht von eigenen Fehlern gesprochen © Alberto Pizzoli/AFP/Getty Images

Was ist der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche eigentlich nicht mehr? Er ist nicht mehr begrenzt. Nicht mehr lokal, regional oder national begrenzt. Nicht mehr begrenzt auf Täter, die missbrauchten, und Bischöfe, die vertuschten. Der Skandal um den Missbrauch von Menschen, um Macht und Vertrauen trifft inzwischen ins Zentrum der Weltkirche.

Wie aber reagiert dieses Zentrum, also der Vatikan, die Kurie und schließlich die Gemeinschaft der Bischöfe weltweit? Personell chaotisch, regional zersplittert, in der Sache uneins und also wirkungslos. Wäre die Lage nicht so ernst, man wäre geneigt zu sagen: Ein solches Durcheinander galt in Rom bisher als protestantisches Privileg.

Das Missverhältnis zwischen der globalen Krise der Kirche und der Reaktion der Kurie ist gewaltig. Ostern in Rom hat es offenbart. »Geschwätz des Augenblicks« nannte der Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodana, die Kritik der weltlichen Öffentlichkeit. Als »albern«, »unfair«, »nachgeplappert« bezeichnete der Präfekt der Glaubenskongregation und höchste Amerikaner im Vatikan, Kardinal William J. Levada, Berichte der New York Times über den Fall Lawrence Murphy. Der Vatikan hatte den amerikanischen Priester und Schulleiter trotz mutmaßlich 200-fachen Missbrauchs gehörloser Kinder nicht aus dem Priesterstand entfernen lassen wollen. Und als »falsch und verleumderisch« attackierte der Chefankläger des Vatikans, Charles Scicluna, die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung über die Verstrickung des damaligen Erzbischofs Joseph Ratzinger in einen Fall von Vertuschung in München.

Weltkirche gegen Weltpresse – zwei Sorten Weltgewissen prallen aufeinander, ein religiöses und ein säkulares. Beide Seiten appellieren an denselben Juror: eine Weltöffentlichkeit, in der am Ostermontag eine Meldung der ZEIT zum Fall Murphy binnen weniger Stunden von Belgien bis Brasilien, von Italien bis Kanada aufgegriffen wurde. »Verstimmt« sei der Vatikan über den ZEIT-Bericht, wonach nicht Papst Benedikt die Vertuschung des Missbrauchs durch den Direktor der Gehörlosenschule zu verantworten habe, sondern die Nummer zwei im Vatikan, der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. »Verstimmt« ist eine der harmloseren Vokabeln, mit denen der Vatikan derzeit gegen missliebige Berichterstatter vorgeht. Das Zentrum der Kirche schlägt um sich und tut dies immer zielloser und undifferenzierter.

Die Wut verblüfft, weil die Kirche seit Jahrhunderten geübt ist, in sich zu ruhen. Und weil die Kritiker sich jeder Häme enthalten haben. Über der Maßlosigkeit der Reaktion ist die Kirche in Gefahr, ihre Mitte zu verlieren, all jene Gläubigen und sogar Glaubensfernen, die ihr zugetan waren, sei es aus persönlicher Frömmigkeit oder politischer Wertschätzung ihrer Wirkung in sozialen Fragen. In diesem Sinne, nicht wegen persönlicher Verstrickungen, zeigt sich Papst Benedikt XVI. bisher der Dimension der Krise und der Größe seiner Aufgabe nicht gewachsen.

Am 19. April begeht der Deutsche auf dem Heiligen Stuhl sein fünfjähriges Jubiläum im Amt. Wenn er wenigstens einen Grund zum Feiern haben möchte, muss er die Wurzelsünde seiner Kirche im Umgang mit dem Missbrauch angehen. Zu lange hat die Kirche einen Gegensatz zwischen ihrer politischen und ihrer pastoralen Rolle konstruiert. Um die Kirche »politisch« vor den Folgen der Verfehlungen ihrer Priester zu schützen, hat sie den Tätern »pastoral« vor allem Schutz und Fürsorge angedeihen lassen. Dazwischen hat sich eine Kluft aufgetan, in die am Ende immer die Opfer gestürzt wurden: Sie verschwanden aus dem Bild. Ihr Leid, ihre Geschichte fielen der doppelten Loyalität des Vatikans zum Opfer – der zu den Tätern und zu sich selbst.