Misshandlung im Internat Prügel im Namen des Herrn

In einem Tiroler Ordensinternat wurden Schüler jahrelang gepeinigt. Ein Zögling erzählt seine Leidensgeschichte.

In der zweiten Woche lernte ich, wie kalt ein verfliester Boden sein kann. Eine gefühlte Ewigkeit musste ich, damals 14 Jahre alt, in der Nacht mit nackten Füßen auf den Kacheln des Duschraums stehen. Als ich meine Zehen kaum noch spürte, stellte ich mich frierend auf mein TShirt. Ein Erzieher sah das – und ordnete eine Verlängerung der Tortur an. Nach zwei Stunden und mit tauben Füßen durfte ich zurück ins Bett. Am nächsten Morgen schmerzte mein Hals.

Mein Vergehen? Ich hatte gegen das Redeverbot verstoßen, das um 21.30 Uhr in Kraft trat. Als ich nach einem Wochenende zu Hause spät im Schülerheim eintraf, hatte ich meine drei Zimmergenossen mit »Hallo« begrüßt. Einer der Erzieher hörte das und ahndete das Delikt. »Mitkommen!« Kurz darauf fand ich mich bibbernd im Duschraum wieder.

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Dies sind meine Erinnerungen an die Zeit im Don-Bosco-Schülerheim in Fulpmes. Eine Zeit, in der drakonische Strafen, Willkür und körperliche Züchtigung auf der Tagesordnung standen. Es sind Erfahrungen, die nichts mit sexuellem Missbrauch oder klandestinen Annäherungen der Pädagogen an ihre Schutzbefohlenen zu tun haben. Doch die Internatsschüler waren einem System ausgeliefert, das Sadismus und psychische Unterdrückung institutionalisiert hatte. Ein Regime, das Gewalt als alltägliche Erziehungsmethode bei Jugendlichen einsetzte. Noch im Jahr 1996, als ich in das Internat eintrat, herrschte in dem Heim im Stubaital das Primat der Schwarzen Pädagogik.

Seit rund 90 Jahren betreibt der Salesianerorden das nach seinem Gründer Don Bosco benannte Internat in Fulpmes. Dort boten die Patres auswärtigen Schülern, welche die Fachschule für Werkzeugmacher besuchten, in einem ehemaligen Grandhotel eine Bleibe. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die geistlichen Herren ausquartiert, um einer Heereshochgebirgsschule der Wehrmacht Platz zu machen. Doch seit 1956 leben die Mönche wieder in Symbiose mit der nahen Metallfachschule, die mittlerweile zu einer Höheren Technischen Lehranstalt (HTL) für Maschinenbau aufgewertet worden war. Im Laufe der Jahre mehrmals ausgebaut, beherbergt der Gebäudekomplex des Don-Bosco-Heims mit seinen nüchternen, bis zu fünf Stockwerken hohen Wohntrakten über 200 Schüler. Seit je genoss die Einrichtung im Dorf Ansehen – und einen Monopolstatus. Alternativen gab es in dem 4000-Seelen-Ort nicht. Wer aus dem Heim flog, stand zwangsläufig vor einem Dilemma: Wohin? Also schwiegen die meisten zu den autoritären Methoden, denen sich vor allem einer der gottesfürchtigen Pädagogen verschrieben hatte: Pater Max.

»Ich bin euer Wohltäter!«, behauptete der damalige Heimdirektor stets von sich selbst. An seinem Geburtstag, quasi einem der höchsten Feiertage, pflegte er die Zöglinge über die Heimsprechanlage zu wecken: »Ja wer hat heute Geburtstag? Richtig: Euer Wohltäter!« Der Pater, ein beleibter Herr Anfang 70, dessen Blick zwischen Heilsbringer und Dämon changierte, glaubte ganz im Sinne des Ordensgründers Don Bosco zu handeln, wenn er sein krudes Weltbild verbreitete. An einem Abend erklärte er im voll besetzten Speisesaal: »Zwischen den Schenkeln einer Frau findet sich der Eingang zur Hölle.«

Wie überhaupt Pater Max, der stets in Kollar und Pullunder auftrat, die Gefühlsregungen seiner pubertierenden Schutzbefohlenen zu unterdrücken wusste. Gottgefällige Entsagung und eine enthaltsame Lebensweise waren ihm Prinzip. In den Zimmern durften keine Poster hängen, die Abläufe glichen denen in einer Kaserne. Selbst ein zweites Päckchen Taschentücher auf meinem Nachtkästchen erschien ihm als hedonistischer Frevel – was mir eine zweite Nacht auf dem kalten Fliesenboden einbrachte.

»Gut ist, was ich glaube, was gut ist«, postulierte Pater Max. Wer gegen diese Prämisse verstieß, wurde mit Wutausbrüchen und Schlägen auf den rechten Weg gebracht. Nachdem sich beim Mittagessen ein Schulkamerad zu viel Soße gegönnt hatte, wurde er von Pater Max geohrfeigt. Wenn wir uns seiner Meinung nach zu viel auf den Teller geschöpft hatten, ließ er uns bis spät in die Nacht im Speisesaal sitzen. Eine Maßnahme, die dem Credo des Heimleiters folgte: »Mit Religion erziehen und formen.« Geformt wurde von dem Pater und den Erziehern mit einprägsamen Methoden: Stecknadelpikser in den Hintern, Schläge ins Gesicht, Ziehen an den Ohren oder Kniebeugen. Einer der Pädagogen hatte eine ganz spezielle Methode entwickelt. Die Delinquenten hatten mit dem Rücken zur Wand und den Knien im rechten Winkel so lange auszuharren, bis sie vor Schmerzen zusammenbrachen.

Ich wohnte von 1996 bis 1998 in dem Don-Bosco-Heim. Die Stockwerke waren streng nach Jahrgang gegliedert. Auf dem Gang, der zu den Schlafräumen führte, waren die Kleiderspinde aufgefädelt. Darin befand sich der gesamte persönliche Besitz. Die Vierbettzimmer waren tagsüber verschlossen. Erst kurz vor der Nachtruhe sperrte ein Erzieher die Räume auf. Darin warteten auf jeden Zögling exakt drei Möbelstücke: Bett, Kleiderständer, Nachtkästchen.

Leser-Kommentare
  1. Ich habe Patres in meiner Kindheit und Jugend immer eher als etwas zu liebevoll erlebt, was ich allerdings als nicht minder abschreckend erlebte.

  2. Hat er doch offensichtlich "ein gutes Werk" vollbracht.
    Welch unglaubliche Verblendung. Vielen Dank für den Bericht !
    Ich könnte lediglich von einer ordentlichen Sex-Heft Sammlung im Keller eines Klosterinternats berichten. Es war bekannt wem diese zugänglich war. Wir fanden dies damals natürlich eher spannend und irgendwie durchaus menschlich...

  3. und diese leute wagen es, über den genossen becker den stab zu brechen: http://bluthilde.wordpres...

    wahrhaft empörend!

    • DAS
    • 08.04.2010 um 17:05 Uhr

    Das ist eine schlimme Geschichte. Als Christ von solcher Verblendung und solchem Unrecht zu lesen, tut weh.
    Die Täter tun nicht nur ihren Opfern schreckliche Gewalt an, sie verraten auch die vielen Pater/Pfarrer/Pastoren, die ihre wichtige Arbeit auf korrekte und großartige Weise tun.

    • grrzt
    • 08.04.2010 um 17:21 Uhr

    ich erinnere mich, dass in den 70iger Jahren in Köln ein gleichnamiges Kinderheim wegen aggressiver Übergriffe der Erzieher geschlossen wurde.....Mir fällt auf, dass von staatlichen Einrichtungen (wenn ich mich richtig erinnere) in diesem Zusammenhang in den letzten Wochen nicht die Rede war. Vielmehr: "Wo Prügel - und mehr - drin war, stand Kirche drauf" Na, ob das ein Zufall ist?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Odenwaldschule
    Ein ehemaliger Schüler hat die Vorfälle dort mit der filmischen Gewaltorgie „Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick verglichen.

    Ich hoffe dem verdacht des nicht-Zufalls zerstreut zu haben.

    Eventuell liegt es einfach daran, dass wie Daniel Cohn-Bendit es ausdrückte "keine einfache Antwort" gibt.
    "Aber sicher ist ein grundsätzlicher Denkfehler der Linken der Glaube, dass der Mensch eigentlich gut sei. Und dann sind sie immer erstaunt, wenn sich einige als böse entpuppen. Auch wenn wir sie bewundert haben: Vergessen wir nicht, dass die Suche nach dem menschlichen Makel nicht nur eine literarische Erfindung ist."

    Odenwaldschule
    Ein ehemaliger Schüler hat die Vorfälle dort mit der filmischen Gewaltorgie „Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick verglichen.

    Ich hoffe dem verdacht des nicht-Zufalls zerstreut zu haben.

    Eventuell liegt es einfach daran, dass wie Daniel Cohn-Bendit es ausdrückte "keine einfache Antwort" gibt.
    "Aber sicher ist ein grundsätzlicher Denkfehler der Linken der Glaube, dass der Mensch eigentlich gut sei. Und dann sind sie immer erstaunt, wenn sich einige als böse entpuppen. Auch wenn wir sie bewundert haben: Vergessen wir nicht, dass die Suche nach dem menschlichen Makel nicht nur eine literarische Erfindung ist."

  4. Odenwaldschule
    Ein ehemaliger Schüler hat die Vorfälle dort mit der filmischen Gewaltorgie „Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick verglichen.

    Ich hoffe dem verdacht des nicht-Zufalls zerstreut zu haben.

    Eventuell liegt es einfach daran, dass wie Daniel Cohn-Bendit es ausdrückte "keine einfache Antwort" gibt.
    "Aber sicher ist ein grundsätzlicher Denkfehler der Linken der Glaube, dass der Mensch eigentlich gut sei. Und dann sind sie immer erstaunt, wenn sich einige als böse entpuppen. Auch wenn wir sie bewundert haben: Vergessen wir nicht, dass die Suche nach dem menschlichen Makel nicht nur eine literarische Erfindung ist."

    Antwort auf "Don Bosco ...aha...."
  5. @ Klaus Fuchs

    Waren Sie der, der auf unserem Blog kommentiert hat?

    Ich hoffe, Sie haben gemerkt, dass das ein Satireblog ist und die Beiträge entsprechend als Parodie zu verstehen sind. ;)

  6. Ich musste bei der Lektüre unfreiwillig lachen. »Ja wer hat heute Geburtstag? Richtig: Euer Wohltäter!« Und manche Leute verstehen schon absichtliche Satire nicht! (siehe 7.)

    Und wütend kann ich nur noch werden, bei jedem verlogenen Wort dieser Bagage: »Unser Auseinandergehen seinerzeit war gewiss etwas turbulent, und nachträglich hätte man es sich anders gewünscht«
    "man" hätte es sich anders gewünscht - wer ist man? Nicht einmal in einer späteren Betrachtung kann der Mann von sich sprechen.

    Und wirklich neidisch bin ich auf die humoristische Zunft: welch herrliche Zeiten für Kabarettisten, die können wirklich aus dem Vollen schöpfen!

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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  • Schlagworte Misshandlung | Internat | Afrika | Innsbruck
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