Weltweite Abrüstung Der große Traum

In Washington treffen sich mehr als 40 Staats- und Regierungschefs, um über die Sicherheit von nuklearem Material zu sprechen. Aber es geht um mehr – um eine Welt ohne Atomwaffen

Umfangreiche nukleare Arsenale bedrohen bis heute die Menschheit

Umfangreiche nukleare Arsenale bedrohen bis heute die Menschheit

Es ist viel die Rede davon, dass die USA als Weltmacht ausgedient haben. Doch manchmal geschieht es, dass der US-Präsident ruft und die ganze Welt seiner Einladung folgt. Chinas Hu Jintao, Indiens Manmohan Singh, Russlands Dmitrij Medwedjew, Brasiliens Luiz Inácio "Lula" da Silva, Deutschlands Angela Merkel, mehr als 40 Staatschefs und Premierminister werden am Montag nach Washington zum Loose Nukes Summit, zum Atomgipfel kommen. Doch geht es dabei um weit mehr als um gestohlene Atomsprengköpfe, um strahlenden Müll aus zivilen Atomanlagen, um frei flottierendes Uran und Plutonium, das in falsche Hände geraten könnte. Es geht um die nukleare Zukunft der Welt – und den Führungsanspruch der USA in dieser Frage.

Am 5. April 2009, vor fast genau einem Jahr, hielt Barack Obama in Prag eine große Rede, in der er ein ehrgeiziges Ziel formulierte: eine Welt ohne Atomwaffen. Obama reagierte mit dieser Vision auf die sehr konkrete Gefahr der unkontrollierten Verbreitung von Atomwaffen. Die Atomkraft als Energiequelle erlebt derzeit eine weltweite Renaissance. Nicht nur in Indien oder China, auch in Brasilien oder Ägypten – überall entstehen neue Atomkraftwerke. Damit wächst auch die Zahl der Staaten, die Atomwaffen bauen könnten, und es vervielfältigen sich die Möglichkeiten für Terroristen, die auf der Suche nach der ultimativen Waffe sind. Die Tatsache, dass Vertreter führender und weniger führender Staaten jetzt in Washington zusammenkommen, um über diese Probleme zu debattieren, ist ein Beweis dafür, dass sie Obamas Gefahrenanalyse teilen. Seine Vision von der "globalen Null" mag manchen wie Träumerei erscheinen. Doch sie bewegt die Welt und ihre Führer. Die Furcht vor der unkontrollierten, globalen Nuklearisierung ist freilich der kleinste gemeinsame Nenner der Gipfelteilnehmer, mehr nicht.

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In Sachen Atom ist die Welt tief gespalten. Da gibt es die fünf alten Atommächte, die versuchen zu verhindern, dass andere Staaten den "Aufstieg" in diesen erlauchten Club schaffen – mit dem durchaus richtigen Argument, dass mehr Atomwaffenstaaten nur mehr Unsicherheit schüfen. Das Hauptprodukt ihrer Bemühungen ist der NPT, der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag, der vor 40 Jahren in Kraft trat. Er formuliert drei zentrale Verpflichtungen auf dem Weg zu einer atomfreien Welt: Die fünf Atommächte rüsten schrittweise ab, alle anderen verzichten auf den Bau der Bombe. Sie dürfen jedoch die Kernspaltung für zivile Zwecke nutzen. Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO in Wien überwacht die Einhaltung des Vertrags.

Argentinien, Brasilien, Südafrika – sie alle hatten ein Atomprogramm

Es gibt Länder, die den Club der fünf Atommächte als eine Art imperialistischen Verein abkanzelten und sich keinen Deut darum scherten, welche Regeln er weltweit durchsetzen wollte. Indien zum Beispiel trat dem NPT nie bei und entwickelte trotzdem eine Atombombe, Pakistan tat es ihm gleich. Nordkorea war zwar Mitglied des NPT, trat aber aus und zündete kurz danach die Bombe. Israel unterzeichnete den NPT nie und besitzt heute zwischen 60 und 200 Sprengköpfe, deren Existenz allerdings weder dementiert noch bestätigt wird. Der NPT konnte also nicht verhindern, dass sich andere zu den fünf Atommächten neu hinzugesellten. Und doch war er erfolgreich. In den sechziger Jahren gab es Studien, wonach es innerhalb von 20 Jahren weltweit 30 bis 35 Atommächte geben könnte. Argentinien besaß ein Atomwaffenprogramm, Brasilien, Südafrika – um nur einige Beispiele zu nennen.

Doch das ohnehin nie perfekte Vertragswerk ist in den vergangenen Jahren stark unter Druck geraten. Ein Grund dafür ist die Politik Irans, der den NPT zwar unterzeichnet hat, aber seit Jahren verdächtigt wird, den Bau der Waffe anzustreben. Iran steht derzeit im Zentrum aller nuklearen Debatten. Denn hier bündeln sich die Probleme eines bisher nicht sehr gut, aber doch leidlich funktionierenden Nichtverbreitungsregimes. Baut Iran wirklich eine Bombe, wird der NPT zusammenbrechen, denn er konnte nicht verhindern, was er verhindern sollte. Gleichzeitig wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach eine Aufrüstungsspirale im Nahen Osten, der konfliktreichsten Region der Welt, in Gang setzen.

Die bisher nuklearfreie Türkei plant – ähnlich wie Ägypten – schon seit Jahrzehnten den Bau einer Nuklearanlage, und sie hat ein weit gestecktes Ziel: "20 Prozent der türkischen Energie soll künftig nuklear hergestellt werden", sagt Soner Aksoy, Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Industrie und Energie. Von null auf 20, das ist rasant. Dafür wollen die Türken jetzt an mehreren Plätzen gleichzeitig Reaktoren hochziehen, bis zu neun Atomfabriken sind geplant.

Und alles nur für friedliche Zwecke? Fragt man Türken oder Ägypter nach einer möglichen militärischen Nutzung ihrer künftigen Kernkraft, werden sie schweigsam. "Niemand will das", "ganz abwegig", "wie kommen Sie darauf?": So lauten die Antworten. Bei Atomwaffen hält sich jeder im Nahen Osten äußerst bedeckt. Auch sagte kein ägyptisches oder türkisches Regierungsmitglieder aufrichtig, was es vom iranischen Atomprogramm tatsächlich hält. Im Gespräch mit der ZEIT vor Kurzem betonte der türkische Premier Tayyip Erdoğan, die Regierung in Teheran verfolge zivile Zwecke, um dann auf Israel zu zeigen: "In der Region gibt es eine Macht mit Atomwaffen, warum wird dieses Land nicht unter Druck gesetzt?" Für viele Türken und Araber sind Israels Nuklearwaffen ein großes Problem und das beste Argument, die Iraner ihr Atomprogramm vorantreiben zu lassen. 

Auch die Ägypter stören sich – trotz erprobter Beziehungen mit West-Jerusalem – am israelischen Arsenal. Man sieht darin eine empfindliche Störung des strategischen Gleichgewichts in der Region. Aber wie sollte man von Jerusalem verlangen abzurüsten, wenn das iranische Regime mit Israels Vernichtung droht und die Waffe dafür vielleicht bald in der Hand hält? Der Zweck des seit den sechziger Jahren existierenden israelischen Atomwaffenprogramms besteht darin, genau solche existenziellen Bedrohungen abzuwehren. Der Loose Nuke Summit nächste Woche ist nur ein kleiner Teil einer umfassenden Strategie Barack Obamas, die darauf abzielt, Irans Griff nach der Atomwaffe und mit ihm den Zusammenbruch der globalen, nuklearen Ordnung zu verhindern.

Leser-Kommentare
  1. 1. Teil 1

    Ein, wie ich finde, ausgesprochen guter, exzellenter Artikel, der erfrischend, und hinsichtlich dieser komplexen Thematik, überraschend angenehm objektiv ausgefallen ist.

    Die Vorhaben sind edel und man hofft, das sie gelingen.

    Nur darf Obama die Quantität nicht vor Qualität ergehen lassen. Der Plan scheint aufgehen zu müssen, mit ein klein wenig diplomatischem Geschick.

    Die Quantität steckt in der Schnelligkeit, in der er die Schritte geht. Vielleicht überstürzt er den ein oder anderen.

    Israel und der Iran werden letztendlich das Problem sein. Insbesondere Israel. Davon abgesehen, dass der Iran vermutlich wirklich nur ein ziviles Atomprogramm betreibt, geht vom Iran, wie die Geschichte zeigt und seine geostrategische Situation keine Gefahr aus. Durch Tarnkappenbomber/Raketen wären die Nuklearanlagen wohl leicht ausgeschaltet, nach dem Fall einer Bombe, die
    ökonomische Situation (Exportabhänigkeit durch Gas und Öl) verbietet dies und auch die hohe Angreifbarkeit (lange Grenzen, veraltetes Kriegsgerät).

  2. Tatsächlich hat Israel den Rüstungswettlauf längst in Gang gebracht, in NahOst. Ägypten, Saudi-Arabien, Syrien hätten nie ein Atomprogramm gehabt, wenn Israel kein A-Bombe hätte und wären konventionell so hoch gerüstet.
    Syrien, Iran, Ägypten kaufen all das erhaltbare Kriegsgerät, wenn auch veraltet, auf (seit Jahrzehnten), da Israel von den USA durch Rüstungsgut und Geldhilfe künstlich hochgerüstet wurde.
    Saudi-Arabien, die einzige den israelischen Streitkräften überlegene Macht in NahOst, konnte sich nur Dank dem durch Öl guten Beziehungen zu den USA so hochrüsten.
    Der Iran wird wohl kaum einen weiteren Rüstungswettlauf in Gang setzen. Das durch künstliche Aufrüstung und übermäßige, ungerechte Parteinahme des Westens zum Traditionsfeind des Islam bzw. nahöstlicher Länder gewordene Israel hat bereits alle erdenkbaren Resourcen der nahöstlichen Länder, insbesondere Syrien ec. vereinnahmt. Saudi-Arabien gibt sich bereits mit einem, dem israelischen drei mal so hohen Etat ab.

    Dennoch ist der Grundsatz richtig, irgendwo muss man doch anfangen zu verhindern, dass die Atomwaffen sich ausbreiten und die Gefahr damit wächst und Ideen einer atomwaffenfreien Welt konträr sind.

  3. Sicher aber nicht beim Iran. Abgesehen davon, dass der Iran vermutlich kein Atomwaffenprogramm hat, aber einer seiner Feinde (Israel wegen der Unterdrückung der Palästinenser), kann man doch von diesem nicht erwarten, auf Atomwaffen zu verzichten, wenn Israel, ein Feind, welche besitzt und offen von Anriffsplänen spricht.
    Also muss bei Israel angefangen werden, aber nicht nur wegen den Atomwaffen, sondern auch wegen der Zwei-Staaten-Lösung ec. . Gibt es erst mal einen paläst. Staat, sind die jüdisch-islamischen Wogen einigermaßen geglättet.
    Dann folgt die atomare Abrüstung Israels.

    Israel hätte, würde man es nicht sanktionieren aber dafür den Iran, der kein Volk unterdrückt wie Israel die Palästinenser, vermutlich kein Atomwaffenprogramm betreibt und in den letzten 3000 Jahren keine Angriffskriege führte, ganz klare Vorrechte, die in Nichts begründet sind und damit zu einem Scheitern des Planes führen würden.
    Offenbar haben die arabischen Länder kein großes Problem mit einem atomar bewaffneten Iran, damit ist die Geschichte vom Wettrüsten durch den Iran wohl nicht tragfähig.
    Von jemandem Abrüstung zu verlangen, dessen (atomare) Aufrüstung nicht belegt ist, aber seinem nationalen Gegenpart (Israel) die atomare Rüstung weiterhin zu erlauben, ist so unrealistisch, wie ein einseitiger Start-Vertrag zwischen USA und Russland es gewesen wären.

    Sollte weiter einseitig Partei für Israel ergriffen werden, beginnt ein Rüsten der arab. Liga wegen Ungleichbehandlung (Israel ec.)

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