Kunst-Ausstellung Und rückt dem Leib auf den Leib

Bilder aus Fleisch und Blut: Das Centre Pompidou ehrt die Kraftkunst des großen Malers Lucian Freud

Ein beunruhigendes Zitat findet sich mitten in der großen Ausstellung, die das Centre Pompidou derzeit für Lucian Freud ausrichtet, einen der wichtigsten Maler der Gegenwart, für manche sogar der wichtigste. Auf einer der Ausstellungswände ist Freuds Aussage zu lesen, dass ein Porträtbild nicht nur wie der Porträtierte aussehen, sondern auch so sein sollte wie dieser, aus Fleisch und Blut. Diese Idee, die Differenz von Gemaltem und Malerei aufzuheben, ist in der Geschichte immer wieder Thema gewesen, am dramatischsten wohl in Balzacs Novelle Das unbekannte Meisterwerk (1831), wo sie den Protagonisten, den Maler Frenhofer, in den Wahnsinn führt. Er hat ebenfalls den Anspruch, ein Bild zu malen, das eine junge nackte Frau nicht mehr abbildet, sondern wirklich auch ist. Seit vielen Jahren hat er sich deshalb in seinem Atelier eingeschlossen, doch als er endlich das Ziel erreicht zu haben hofft und zwei Kollegen stolz die Leinwand präsentiert, sehen diese nur dicke Schichten von Farbe und können gar nichts erkennen.

Tatsächlich erhebt sich auch bei einigen von Freuds Gemälden an manchen Stellen, bei Gesichtern oder Extremitäten, die Farbe schon bedenklich dick über den Malgrund, Details lassen sich nicht mehr unterscheiden. Und auch bei ihm spielt sich seit Jahren alles im abgeschotteten Atelier ab, dessen Wände sogar genauso aussehen wie Frenhofers Bild. Nur dass Freud die Wände, zum Glück, nicht als Kunstwerk begreift, sondern nur so lange zum Abwischen seiner Pinsel nutzt, bis die Farbe Krusten und Klumpen bildet.

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Freud ist also nicht Frenhofer, er ist letztlich weit entfernt von einem Scheitern, wie man angesichts der rund sechzig im Centre Pompidou gezeigten Werke feststellen kann. Selbst wenn die Farbe Haufen bildet oder der Strich manchmal etwas unentschlossen sein mag und Freud natürlich nicht das Kunststück gelingt, aus seinen Sujets Wirklichkeit werden zu lassen, sind die Bilder insgesamt virtuos und souverän gemalt. Um Fleisch geht es tatsächlich oft auf ihnen – um dicke nackte Körper und um Körper, die schon einiges erlebt haben. Dabei verhehlt Freud nicht, dass er mit Modellen – meist Laien – arbeitet. Im Gegenteil, auf seinen Bildern wird die Situation im Atelier direkt gezeigt: Man sieht das jeweilige Modell auf einem Sofa oder Bettgestell hingestreckt, auf einem Schemel, auf dem Boden liegend. Darum herum Staffeleien, Pinsel, im Hintergrund immer wieder eine der farbverschmierten Wände.

Damit sind Freuds Figuren genau genommen gar keine Modelle; sie fungieren nicht als Vorbilder und Stellvertreter für Figuren, die symbolische oder narrative Bedeutung auf einem Gemälde haben. Vielmehr zeigt Freud sie auf sich selbst zurückgeworfen, ja präsentiert sie, als wolle er ihnen einen White Cube, einen reinen Museumsraum bieten, frei gestellt auf weißen Laken. Er erhöht die Porträtierten regelrecht zu Exponaten und macht so das Modellstehen, -sitzen, -liegen als solches zum Thema.

Man könnte in seinen Modellen auch Models sehen. Viele der extremen Posen, die er ihnen abverlangt, erinnern nämlich an die verrenkten, surrealen Haltungen, die Models in Werbeanzeigen von Luxusmarken der Mode- oder Kosmetikindustrie einnehmen. Nur fällt diese Ähnlichkeit nicht gleich auf, sind Freuds Figuren doch nicht nur nackt, sondern vor allem alles andere als den Körperidealen der Modelwelt entsprechend. Aber ihre Blicke sind genauso teilnahmslos wie die von cool-schicken Werbefiguren, manchmal haben sie die Augen sogar geschlossen. Wird mit diesem Trick in einer Anzeige oder bei einer Schaufensterpuppe eine Aura von Geheimnis erzeugt und zugleich alle Aufmerksamkeit auf das jeweilige Produkt gelenkt, das die Figur trägt, so stößt Freud den Blick des Betrachters auf die Nacktheit des Körpers, auf seine Geschlechtlichkeit, seine Makel, seine Vergänglichkeit. Zu Individuen werden die Menschen damit jedoch nicht, auch das verbindet sie mit Models.

Freud behandelt männliche und weibliche Figuren auf die gleiche Weise, gibt also keine Vorliebe für ein Geschlecht zu erkennen. So explizit viele der Posen sein mögen, in denen er seine Modelle präsentiert, so wenig geht es auf den Bildern um eine erotische Spannung zwischen ihnen und dem Maler. Das unterscheidet seine Gemälde von denen anderer Künstler, die dasselbe Thema behandelten. So zeigt Picasso seine Modelle verführerisch-wollüstig, bei Matisse werden sie zum Inbegriff amouröser Lebensfreude. Bei Freud wirkt es hingegen eher wie bei einer Versuchsanordnung. Grenzen des Zumutbaren werden ausgelotet, sowohl was die Haltungen der Modelle anbelangt als auch hinsichtlich der malerischen Herausforderungen.

So obsessiv Freud, 1922 in Berlin geboren und seit 1933 in England lebend, seit Jahrzehnten schon sich dem Thema des Modells im Atelier widmet, so wenig darf man sein Œuvre jedoch auf dieses Sujet verengen. Parallel ist etwa – in dem zum Atelier gehörenden Garten – eine Serie von Pflanzenbildern entstanden, die sich schon in der Malweise von den Fleischgemälden unterscheiden. Sie sind viel feinteiliger, die zarte Darstellung einzelner Blätter und ihrer Lichtreflexe nähert sich zum Teil sogar pointillistischer Technik. Es scheint, als bringe Freud der Flora mehr Behutsamkeit, mehr Wohlwollen entgegen als den eigenen Artgenossen, und im Nebeneinander der beiden Bildgenres zeigt sich, dass die Akte bei ihm sogar eine aggressive Dimension besitzen. Nicht genug damit, wie sehr sich die Modelle verrenken müssen, durch die meist breiten Pinselstriche werden sie auch grobschlächtig und dumpf in Szene gesetzt, ja vom Maler um die Chance gebracht, sympathisch zu wirken.

Wie deftig er vorgeht, wird auch im letzten Raum der Ausstellung sichtbar. Hier hängen keine Gemälde, sondern Fotos von David Dawson, der über Jahre hinweg Aufnahmen in Freuds Atelier machte. Dabei ist mehrmals sowohl ein entstehendes Gemälde als auch das ihm als Vorbild dienende Modell gezeigt und daher beides miteinander zu vergleichen. Tatsächlich bekommt selbst Queen Elizabeth II, die Freud im Jahr 2001 porträtierte, bei ihm eine derbe Note, von den Aktfiguren ganz zu schweigen. Insgesamt aber haben die Fotos die Funktion, zu bestätigen, dass es im Atelier Freuds wirklich so zugeht, wie auf den Gemälden zu sehen ist, dass man es in beiden Fällen mit denselben Möbeln, denselben Farben zu tun hat. Und immer wieder taucht auf den Fotos Freud selbst auf, beim Malen, mit nacktem Oberkörper und einer Armada von Pinseln um sich. So wirkt die Fotoserie wie die Making-of-Zugaben auf einer Film-DVD, und ein Publikum, das durch Medien daran gewöhnt – davon verwöhnt – wird, Kunst in kulinarisch aufbereiteter Form vermittelt zu bekommen, genießt dankbar solche Einblicke. Das umso mehr, als die Fotos sich bemühen, dem Atelier das Flair von Kreativität, ja von existenzieller Schöpferkraft zu geben und so einem gefälligen Klischee zu entsprechen. Die Bilder Freuds hingegen haben eine andere Botschaft. Auf ihnen ist das Atelier ein Ort mühsamer, vielleicht sogar lästiger Rituale. Und wo man nur Musen erwartet, kann es auch ganz schön verdrießlich zugehen.

Zu sehen bis zum 19. Juli 2010; www.centrepompidou.fr

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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    • Schlagworte Kulturbetrieb | Großbritannien | Models | Berlin
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