Erziehung Von der Wildnis im Kind

Was vermag Erziehung, woran scheitert sie? Diese Fragen untersucht T. C. Boyle in der verstörenden Novelle »Das wilde Kind«, davon handelt auch Elisabeth Badinters kluge Studie »Der Infant von Parma«

Im Kind ist etwas Sperriges, eine Art von Wildnis, die es sich verzwifelt bewahren will

Im Kind ist etwas Sperriges, eine Art von Wildnis, die es sich verzwifelt bewahren will

Zwei kleine Jungen. Zwei erschreckende und doch märchenhaft anmutende Schicksale werden vor uns ausgebreitet, beides Lebensgeschichten des 18. Jahrhunderts. Das wilde Kind, von ihm erzählt der amerikanische Autor T. C. Boyle in einer verstörenden Novelle von großer Schönheit. Das Kind wird im Jahre 1797 von Bauern im Languedoc entdeckt, ein nacktes, etwa acht Jahre altes, von Schwielen, Narben, schwärzlicher Haut überzogenes Wesen, das Grunzlaute ausstößt und auf allen Vieren über die Felder in die Wälder zu entfliehen versucht. Man nennt es Victor. Und: Der Infant von Parma. Ein Spross aus dem Geschlecht der Bourbonen, Erstgeborener von Don Philipp, dem Sohn des spanischen Königs Philipp V., und Louise Elisabeths, Tochter des französischen Königs Ludwig XV., man tauft ihn auf den Namen Ferdinand. Es ist ein wohlgestalteter, etwas zart geratener Knabe mit heiterem Blick, so schildert ihn die französische Philosophin Elisabeth Badinter in ihrer eleganten Studie. Ein erstes Gemälde zeigt den Zweijährigen im füßchenlangen Seidenrock, die kleine Pfote zu maman hochgereckt, die sich mit ihrem verwegenen Federhut an einer Marmorballustrade der Sonne entgegenlehnt.

Über tausend Kilometer liegen zwischen diesen Kindern, es trennen sie etwa 40 Jahre und Abgründe zwischen den Klassen, aber beide werden ein Schicksal erleben, das nicht so verschieden ist. Man unterwirft sie einer Erziehung. Sie werden zum Objekt einer modernen, sich erstmalig als wissenschaftlich verstehenden Pädagogik, die an diesen Kindern ein Exempel statuieren will. Das ist als Segen gemeint und erweist sich für sie als Pech. Das Leben zerzaust diese Kinder, es hat sie in das Kraftfeld einer historischen Eruption gespült, die nicht nur das alte historische Regime, die Klassengrenzen, das herkömmliche Konzept vom Menschen hinwegreißen soll, es ist ein Zeitalter, beflügelt von philosophischen Meditationen über die Natur des Menschen und die Kraft seiner Empfindungen, alles atmet Vertrauen in die gestaltende Kraft des Geistes. Aus diesen Kindern soll etwas werden. Ein Bürger das eine, ein vorbildlicher Herrscher der Aufklärung das andere. Man wird weder Mühen, noch Kosten, Ärger, Nerven, Ermüdung scheuen, das Ziel zu erreichen – und es verfehlen.

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Wie das geschehen konnte, das ergründen die beiden Autoren jeder auf seine Art. In einem poetisch verdichteten Text der vorsichtigen Annäherung an das wilde Kind, so T. C. Boyle, den der englische Guardian einmal einen Punk im Mephistopheles-Look und mit schwarzem Humor genannt hat, er selbst hat sich als wilden Mann bezeichnet.In einer minutiösen, immer wieder der Wahrheit nachspürenden Analyse, so Elisabeth Badinter, Pariser Professorin, der man tiefgründige Analysen zur Kultur des 18. Jahrhunderts verdankt sowie ein Buch über die gesellschaftliche Prägung der Mutterliebe, das die europäische Frauenbewegung vor 20 Jahren als Befreiung erlebte, und die mit ihrem neuesten Werk gerade Frankreich in Atem hält – einer Schmähung der angeblich neu erstandenen Mär von der naturhaften Mütterlichkeit. Hier aber geht es um die Frage: Was ist es nur, woran Erziehung scheitern kann? Eine Frage, die so modern und erschreckend unbeantwortet geblieben ist.

Der als Unvollendeter geborene Mensch ist eine schöne, manchmal qualvolle Herausforderung, für Eltern und andere Erzieher. Ein Fluchtpunkt gesellschaftlicher Wünsche, auch religiöser Erwartungen, des Ehrgeizes der Pädagogen und ganzer philosophischer Systeme. Wie viel muss erzogen werden? »Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt«, so lautet der erste Satz von Jean-Jacques Rousseaus über die Jahrhunderte wirksamer Schrift Emile oder Über die Erziehung , die er im Jahre 1761 veröffentlichte, damit tritt er an gegen den Glaubenssatz, dass alle sündig geboren sind. Ein Angriff auf die Religion, mehr noch, die gesellschaftliche Ordnung. »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden«, heißt es in der Unabhängigkeitserklärung, mit der sich Amerika der Französischen Revolution anschließt und vom englischen Joch befreit. Mehr Zukunft war nie. Oder Vertrauen in die Kraft der menschlichen Vernunft. Gotthold Ephraim Lessing wird es in Die Erziehung des Menschgeschlechts so formulieren: »Erziehung gibt dem Menschen nichts, was er nicht schon aus sich selbst haben könnte; sie gibt ihm das, was er aus sich selber haben könnte, nur geschwinder und leichter. Also gibt auch die Offenbarung dem Menschengeschlechte nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde, sondern sie gab und gibt ihm die wichtigsten dieser Dinge nur früher.« Vernunft tritt an gegen Glauben. Siegesgewiss. Und doch, da ist diese Verstörung, sie stellt sich ein, face en face mit dem enfant sauvage, mit der ungeformten sogenannten Natur des Menschen.

Boyle beschreibt die instinktive Abwehr der Leute, denen das enfant sauvage begegnet, in diesem elenden Dorf, es ist ein Kind, das mit vier, fünf Jahren im Wald ausgesetzt wurde. Und das dort überlebte, allein, tatsächlich, ohne alle aufwendigen Erziehungsprogramme. Die Provokation, die darin liegt. Und darin, dass es die ihm nun zuteilwerdenden Segnungen der Zivilisation verschmäht. Häuser sind ihm ein Gefängnis, Betten unbequem, gekochte Speisen, an denen sich nach Claude Lévi-Strauss die Zivilisation noch immer beweist, einfach unappetitlich. Diese Zurückweisung, die das bedeutet. Da ist etwas Sperriges im Kind, eine Art von Wildnis, eine der Seele, die es sich verzweifelt bewahren möchte, welcher Mensch, der ein Kind erziehen will, würde diesen Widerstand nicht gelegentlich bemerken. Das haben die Bauern, die das Kind fanden, gleich gesehen, Boyle beschreibt das Erschrecken der Welt angesichts dieses Wilden. »Die Vögel in den Hecken hielten den Atem an, der Wind erstarb, ja selbst die Insekten verstummten. Dieser unverwandte Blick … war der Blick eines Wesens aus dem Spiritus Mundi: fremd, gestört, hassenswert…« Da ist das andere, was ist es? An dieser Frage reibt sich die Erzählung, wie auch der Pädagoge und Philosoph Jean Marc Gaspard Itard, der sich die Erziehung des enfant sauvage zur Aufgabe gemacht hat, er wird sich vollkommen aufreiben in den fünf Jahren seines Unterrichtsversuchs. So wie die Erzieher des Infanten von Parma vorgeführt werden, ja von genau diesem Kind, unter den Experten übrigens der französische Philosoph Étienne Bonnot de Condillac, der aus Parma nach Frankreich zurückgekehrt ist und über seine Studien am Infanten einen Bericht schreiben wird, der Itard, den Erzieher des wilden Kindes, beeinflusst hat und über ihn die Pädagogik bis Maria Montessori, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts an den wilden Kindern in den Slums von Turin versucht hat.

Erziehung kommt, wenngleich gerade heute oft versteckt, mit einer Bugwelle der Macht daher. Allein die Aufzählung der an den Hof von Parma herbeigerufenen Erzieher hat etwas Martialisches. Der Hofmeister Monsieur de Keralio, Berufssoldat. Abbé Millot, Historiker. Patres Jacquier und Le Seur, Physiker. Und eben Abbé de Condillac, der von Diderot inspirierte Philosoph. Die Liste der Hausaufgaben, die sie für das Kind aufstellen, ist erschlagend. Astronomie, Mathematik. Navigation. Musik und Zeichnen. Der Junge lernt Latein fließend, Französisch, Englisch, er spricht natürlich, trotz des französischen Einflusses, Italienisch wie ein Einheimischer. Erziehung verrät sich als Anspruchshaltung. Badinter decouvriert die stolze Garde der Erzieher in ihrer Anmaßung. Hatte man die weichen Faktoren, wie Empathie, vergessen? Erziehung wird als ein Experiment betrieben, man erwartet, übrigens in ganz Europa, nicht weniger als ein Wunder, wie es die Fernsehzuschauer von Supernanny heute tun. Es geht um die Herstellung eines vollkommenen Produktes, und ist das nicht zu oft der geheime Kern aller Erziehungstheorie, ob sie sich mit Eros verkauft oder anderem religiösen Eifer? Im Falle des vom wilden Wetter geradezu schwarz gegerbten kleinen Victor erinnert das Unternehmen an ein alchimistisches Schullabor, in dem Pech zu Gold werden soll, was sich nicht zuletzt auf den Ruhm des Erziehers auswirken könnte, karrierefördernd, vermutlich sogar in klingender Münze.

Leser-Kommentare
  1. "während Badinter mit scharfem Blick das Scheitern der großen Philosophenpädagogen diagnostiziert – Männer, die angetreten sind, den Geist des Kindes zu formen, und vor ihm kapitulieren müssen."

    - was wir gerade an den Missbrauchsskandalen miterleben: das Scheitern der großen Philosophenpädagogen, wie immer sie heißen mögen. Die Geschichte der Erziehung und der Pädagogik ist voll davon - ob sie Franke, Rousseau, Kant, Pestalozzi, Spranger, von Hentig oder oder (hier die Namen aktueller pädagogischer Säulenheiliger einsetzen) heißen.

    Das Problem: Wir lernen nichts daraus und wiederholen wieder und wieder und wieder denselben Unsinn, weil wir menschliche Kultur und menschliche Natur nicht auseinander halten können und überzeugt sind, irgendwo müsste der Knopf doch zu finden sein, den man nur zu drücken bräuchte - und das Maschinchen "Kind" würde wie gewünscht funktionieren.

    Pustekuchen. Den Knopf gibt's nicht.

    • ztc77
    • 16.04.2010 um 22:34 Uhr

    Es ist pervers, die in den Rezensionen beschriebenen Einflussnahmen "Erziehung" zu nennen, gerade in Sprachräumen, in denen das Wort "éducation/education" gebräuchlich ist, was im Wortsinn ja "Führungsunabhängig-machen" bedeutet. Ein Kind braucht im Grunde nur das SICHERE Gefühl, in seiner Entwicklung gefördert zu werden, solange es dies braucht. Solange es nicht manipuliert ist, hat jedes Kind ein sicheres Urteil, in welchem Maß es Unterstützung/Führung braucht und wann es darauf verzichten kann, auch schon als Baby und Kleinkind. Ich spreche deshalb bezüglich der beiden Rezensionen von Perversion, weil durch die Bezeichnung "Erziehung" genau dieses sichere Gefühl verloren geht, und das Kind zu beurteilen verlernt, dass hier schon ein subtiler Ansatz von (nichtsexuellem) Missbrauch vorliegt.

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    Sie scheiben: "Es ist pervers, die in den Rezensionen beschriebenen Einflussnahmen "Erziehung" zu nennen,"

    Nein, es ist Erziehung. Ein Beispiel:

    "Sie bringen ihr Kind in ein anderes Zimmer und lassen es dort allein. Sie unterstreichen die räumliche Trennung, indem Sie die Tür zumachen (niemals abschließen) ... Was passiert, wenn mein Kind die Tür einfach aufmacht? Die Antwort lautet: Sie müssen dafür sorgen, dass es in seinem Zimmer bleibt. Anders herum ausgedrückt: Sie müssen verhindern, dass es sein Zimmer verlässt. Im Extremfall heißt das, dass Sie sich gegen die Türe lehnen oder die Türklinke festhalten. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die von
    Ihnen verhängte Auszeit auch durchzusetzen. "
    (Kast-Zahn: Jedes Kind kann Regeln. Ratingen 9. Aufl. 2001 S. 127).

    Und in einem anderen Buch derselben Autorin:

    Kinder "'flippen' regelrecht aus und trommeln mit Fäusten oder Gegenständen gegen die Tür ... Dieser Zustand ist für ihr Kind ja nicht angenehm, kann ihm aber keinen psychischen Schaden zufügen.

    (Kast-Zahn: Jedes Kind kann schlafen lernen. Ratingen 11. Aufl 2001 S. 105)

    Das wird zur "Behandlung" für unfolgsame Kinder ab 2 Jahren empfohlen. Bei Erwachsenen heißt das Isolationshaft/ -folter. Sie soll den Willen des Gefangenen brechen.

    Bei Kindern nennt man es "Erziehungsmaßnahme", hier speziell "Time out" oder "Auszeit". Klingt harmloser, eine Sauerei bleibt es und ist eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt: Aufruf zur Misshandlung von Kindern. Wer klagt?

    Sie scheiben: "Es ist pervers, die in den Rezensionen beschriebenen Einflussnahmen "Erziehung" zu nennen,"

    Nein, es ist Erziehung. Ein Beispiel:

    "Sie bringen ihr Kind in ein anderes Zimmer und lassen es dort allein. Sie unterstreichen die räumliche Trennung, indem Sie die Tür zumachen (niemals abschließen) ... Was passiert, wenn mein Kind die Tür einfach aufmacht? Die Antwort lautet: Sie müssen dafür sorgen, dass es in seinem Zimmer bleibt. Anders herum ausgedrückt: Sie müssen verhindern, dass es sein Zimmer verlässt. Im Extremfall heißt das, dass Sie sich gegen die Türe lehnen oder die Türklinke festhalten. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die von
    Ihnen verhängte Auszeit auch durchzusetzen. "
    (Kast-Zahn: Jedes Kind kann Regeln. Ratingen 9. Aufl. 2001 S. 127).

    Und in einem anderen Buch derselben Autorin:

    Kinder "'flippen' regelrecht aus und trommeln mit Fäusten oder Gegenständen gegen die Tür ... Dieser Zustand ist für ihr Kind ja nicht angenehm, kann ihm aber keinen psychischen Schaden zufügen.

    (Kast-Zahn: Jedes Kind kann schlafen lernen. Ratingen 11. Aufl 2001 S. 105)

    Das wird zur "Behandlung" für unfolgsame Kinder ab 2 Jahren empfohlen. Bei Erwachsenen heißt das Isolationshaft/ -folter. Sie soll den Willen des Gefangenen brechen.

    Bei Kindern nennt man es "Erziehungsmaßnahme", hier speziell "Time out" oder "Auszeit". Klingt harmloser, eine Sauerei bleibt es und ist eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt: Aufruf zur Misshandlung von Kindern. Wer klagt?

    • esso56
    • 17.04.2010 um 12:18 Uhr

    Ich habe selten eine fachlich derart kompetente Rezension gelesen. Geben Sie Frau Mayer ein gutes Gehalt, damit sie Ihnen nicht abhanden kommt.

  2. Sie scheiben: "Es ist pervers, die in den Rezensionen beschriebenen Einflussnahmen "Erziehung" zu nennen,"

    Nein, es ist Erziehung. Ein Beispiel:

    "Sie bringen ihr Kind in ein anderes Zimmer und lassen es dort allein. Sie unterstreichen die räumliche Trennung, indem Sie die Tür zumachen (niemals abschließen) ... Was passiert, wenn mein Kind die Tür einfach aufmacht? Die Antwort lautet: Sie müssen dafür sorgen, dass es in seinem Zimmer bleibt. Anders herum ausgedrückt: Sie müssen verhindern, dass es sein Zimmer verlässt. Im Extremfall heißt das, dass Sie sich gegen die Türe lehnen oder die Türklinke festhalten. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die von
    Ihnen verhängte Auszeit auch durchzusetzen. "
    (Kast-Zahn: Jedes Kind kann Regeln. Ratingen 9. Aufl. 2001 S. 127).

    Und in einem anderen Buch derselben Autorin:

    Kinder "'flippen' regelrecht aus und trommeln mit Fäusten oder Gegenständen gegen die Tür ... Dieser Zustand ist für ihr Kind ja nicht angenehm, kann ihm aber keinen psychischen Schaden zufügen.

    (Kast-Zahn: Jedes Kind kann schlafen lernen. Ratingen 11. Aufl 2001 S. 105)

    Das wird zur "Behandlung" für unfolgsame Kinder ab 2 Jahren empfohlen. Bei Erwachsenen heißt das Isolationshaft/ -folter. Sie soll den Willen des Gefangenen brechen.

    Bei Kindern nennt man es "Erziehungsmaßnahme", hier speziell "Time out" oder "Auszeit". Klingt harmloser, eine Sauerei bleibt es und ist eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt: Aufruf zur Misshandlung von Kindern. Wer klagt?

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    • ztc77
    • 19.04.2010 um 0:10 Uhr

    Das klingt ja fürchterlich! Buchserien wie "Jedes Kind kann ... lernen!" klingen doch sehr suspekt: Wenn also Dein Kind etwas nicht lernen kann, dann musst Du als Elternteil ja ein totaler Versager sein! Buch gekauft, Erfolg ausgeblieben, Schläge als letzter Versuch...
    Wenn Deutschlands Eltern solche Bücher nicht als Schrott beurteilen und meiden können, dann züchten wir damit Kinder mit zerbrochenem Rückgrat.

    • ztc77
    • 19.04.2010 um 0:10 Uhr

    Das klingt ja fürchterlich! Buchserien wie "Jedes Kind kann ... lernen!" klingen doch sehr suspekt: Wenn also Dein Kind etwas nicht lernen kann, dann musst Du als Elternteil ja ein totaler Versager sein! Buch gekauft, Erfolg ausgeblieben, Schläge als letzter Versuch...
    Wenn Deutschlands Eltern solche Bücher nicht als Schrott beurteilen und meiden können, dann züchten wir damit Kinder mit zerbrochenem Rückgrat.

    • Oshima
    • 17.04.2010 um 13:38 Uhr

    Kinder brauchen keine "Erziehung", sie brauchen "Wissen". Kinder entscheiden so oder so selbst, was sie für das Beste für sich selbst halten und werden Regeln befolgen oder brechen, wenn sie ihnen sinnvoll oder eben unsinnig erscheinen. Regeln sind immer Vorbeugung vor und Konsequenz von unerwünschtem Verhalten. Eigenständiges Denken und ein freier Wille sollten aber nicht unerwünscht sein, deswegen wäre es wichtig Kinder über die Konsequenzen ihrer Entscheidungen aufzuklären und bei ihnen ein Problembewusstsein zu wecken, anstatt ihnen nur mit Strafen zu drohen.
    Damit will ich nicht sagen, dass man Kindern die volle Verantwortung für ihr Verhalten aufbürden kann oder soll. Ich bin aber der Ansicht, dass man Kinder im Allgemeinen, und solche, die als eigenwillig, sturköpfig oder 'schwer erziehbar' gelten im Besonderen, nicht dem Durchsetzen von Regeln 'erziehen' sollte, sondern ihre Intelligenz und ihr Verständnis nicht unterschätzen und unterfordern sollte, und ihnen durch Bildung die Möglichkeit geben muss, ihre Entscheidungen "nach bestem Wissen" treffen zu können.
    Man kann niemanden vor Fehlentscheidungen bewahren, aber man kann durch das Vermitteln von Wissen über mögliche Konsequenzen (keine Strafen) dafür sorgen, dass Kinder nicht aus eigenem Antrieb etwas Dummes oder Gefährliches tun wollen.

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    Sie schreiben: "Kinder brauchen keine "Erziehung", sie brauchen "Wissen". Kinder entscheiden so oder so selbst, was sie für das Beste für sich selbst halten und werden Regeln befolgen oder brechen, wenn sie ihnen sinnvoll oder eben unsinnig erscheinen."

    So sollte es sein, so ist es nicht.

    Die KULTURELLE Überlieferung und das kulturelle Leitbild sind zu stark ausgeprägt, in unserem Bewusstsein zu tief verankert, durch mächtige Autoritäten tabuisiert: "Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht".

    Also sprach Immanuel Kant. Wer wagte daran zu zweifeln, gar daran zu rütteln?

    Dabei wissen wir, dass die menschliche NATUR nicht auf ERZIEHUNG, sondern auf LERNEN angelegt ist. Lernen geschieht im Kopf des Lernenden, Erziehung versucht, von außen darauf Einfluss auszuüben. Dies gelingt nur, wenn der Lernende sich diesen Einflüssen freiwillig öffnet. Die Säuglings- und Hirnforscher sagt dazu:

    "Kinder werden nichts von dem registrieren, was man ihnen sagt, solange es für sie keinen Sinn ergibt. Andere Menschen prägen nicht einfach die Handlungen der Kinder, die Eltern sind nicht die Programmierer. Sie scheinen vielmehr so angelegt zu sein, dass sie genau zur richtigen Zeit die nötigen Informationen liefern, damit die Kinder sich selbst programmieren können."
    (Gopnik, Kuhl, Meltzoff: Forschergeist in Windeln. Serie Piper 3538/2003/S. 201)

    Forschungsergebnisse sind eine Sache. Im Alltag fehlt der Mut, sie umzusetzen.

    Sie schreiben: "Kinder brauchen keine "Erziehung", sie brauchen "Wissen". Kinder entscheiden so oder so selbst, was sie für das Beste für sich selbst halten und werden Regeln befolgen oder brechen, wenn sie ihnen sinnvoll oder eben unsinnig erscheinen."

    So sollte es sein, so ist es nicht.

    Die KULTURELLE Überlieferung und das kulturelle Leitbild sind zu stark ausgeprägt, in unserem Bewusstsein zu tief verankert, durch mächtige Autoritäten tabuisiert: "Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht".

    Also sprach Immanuel Kant. Wer wagte daran zu zweifeln, gar daran zu rütteln?

    Dabei wissen wir, dass die menschliche NATUR nicht auf ERZIEHUNG, sondern auf LERNEN angelegt ist. Lernen geschieht im Kopf des Lernenden, Erziehung versucht, von außen darauf Einfluss auszuüben. Dies gelingt nur, wenn der Lernende sich diesen Einflüssen freiwillig öffnet. Die Säuglings- und Hirnforscher sagt dazu:

    "Kinder werden nichts von dem registrieren, was man ihnen sagt, solange es für sie keinen Sinn ergibt. Andere Menschen prägen nicht einfach die Handlungen der Kinder, die Eltern sind nicht die Programmierer. Sie scheinen vielmehr so angelegt zu sein, dass sie genau zur richtigen Zeit die nötigen Informationen liefern, damit die Kinder sich selbst programmieren können."
    (Gopnik, Kuhl, Meltzoff: Forschergeist in Windeln. Serie Piper 3538/2003/S. 201)

    Forschungsergebnisse sind eine Sache. Im Alltag fehlt der Mut, sie umzusetzen.

  3. Sie schreiben: "Kinder brauchen keine "Erziehung", sie brauchen "Wissen". Kinder entscheiden so oder so selbst, was sie für das Beste für sich selbst halten und werden Regeln befolgen oder brechen, wenn sie ihnen sinnvoll oder eben unsinnig erscheinen."

    So sollte es sein, so ist es nicht.

    Die KULTURELLE Überlieferung und das kulturelle Leitbild sind zu stark ausgeprägt, in unserem Bewusstsein zu tief verankert, durch mächtige Autoritäten tabuisiert: "Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht".

    Also sprach Immanuel Kant. Wer wagte daran zu zweifeln, gar daran zu rütteln?

    Dabei wissen wir, dass die menschliche NATUR nicht auf ERZIEHUNG, sondern auf LERNEN angelegt ist. Lernen geschieht im Kopf des Lernenden, Erziehung versucht, von außen darauf Einfluss auszuüben. Dies gelingt nur, wenn der Lernende sich diesen Einflüssen freiwillig öffnet. Die Säuglings- und Hirnforscher sagt dazu:

    "Kinder werden nichts von dem registrieren, was man ihnen sagt, solange es für sie keinen Sinn ergibt. Andere Menschen prägen nicht einfach die Handlungen der Kinder, die Eltern sind nicht die Programmierer. Sie scheinen vielmehr so angelegt zu sein, dass sie genau zur richtigen Zeit die nötigen Informationen liefern, damit die Kinder sich selbst programmieren können."
    (Gopnik, Kuhl, Meltzoff: Forschergeist in Windeln. Serie Piper 3538/2003/S. 201)

    Forschungsergebnisse sind eine Sache. Im Alltag fehlt der Mut, sie umzusetzen.

    Antwort auf "Wissen statt Erziehung"
    • ztc77
    • 19.04.2010 um 0:10 Uhr

    Das klingt ja fürchterlich! Buchserien wie "Jedes Kind kann ... lernen!" klingen doch sehr suspekt: Wenn also Dein Kind etwas nicht lernen kann, dann musst Du als Elternteil ja ein totaler Versager sein! Buch gekauft, Erfolg ausgeblieben, Schläge als letzter Versuch...
    Wenn Deutschlands Eltern solche Bücher nicht als Schrott beurteilen und meiden können, dann züchten wir damit Kinder mit zerbrochenem Rückgrat.

    • Isaidy
    • 04.05.2010 um 10:46 Uhr

    sind einem Kind mit in die Wiege gelegt. Erziehung kann nur bedeuten, das Kind in seiner Entwicklung zu begleiten, es selbstständig werden zu lassen und in der Lage sein, sein eigenes Verhalten kritisch beurteilen zu können im Zusammenhang mit der Gesellschaft, in der es lebt. Aus einem Kind kann man ein introvertiertes oder extroverdiertes Wesen nicht herauserziehen, der Erzieher selbst ist gefragt, mit dem, was er vorfindet umzugehen. Das A und O ist dabei immer, dem Kind ständig zu signalisieren, dass es so akzeptiert wird, wie es ist, aber nicht alles aktzeptiert werden kann, was es tut. Die Fähigkeit zur Selbstreflektion sowie eigentverantwortliches Handeln sind m.E. die vorrangigen Ziele, damit ein Kind sich mit seinem eigenen Charakter angemessen auseinandersetzen kann.

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