Vom Elektroinstallateur zum Professor – was nach einer Karriere wie aus dem Märchenbuch klingt, ist ein normaler Weg für viele Ingenieure. Tobias Noll ist einer von ihnen. Mit acht Jahren bastelt er sich den ersten Detektorempfänger, die einfachste Form eines Radios. »Wenn es nachts ganz still war, konnte ich sogar etwas hören.« Alles, was mit elektromagnetischen Wellen zu tun hat, fasziniert ihn. Doch an ein Studium ist nicht zu denken, es sind die fünfziger Jahre; der Vater ist kriegsversehrt, die Mutter Haushaltshilfe – Noll verlässt die Schule freiwillig nach Klasse neun. Lernt Elektroinstallateur, macht nebenbei seine Fachschulreife und beginnt eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker.

Es folgen die Ingenieurschule in Koblenz und zweieinhalb Jahre im Antennenlabor des Max-Planck-Instituts. Dann nimmt Noll eine halbe Stelle bei Siemens an und füllt den Rest des Tages mit einem Studium an der TU München. Anschließend Traineeprogramm, einige Monate in Berkeley, ein paar Jahre als leitender Angestellter bei Siemens. 1992 schließlich der Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine Elektrotechnik und Datenverarbeitungssysteme an der RWTH Aachen. »Ich habe immer nur den nächsten Schritt gesehen. Dass ich einmal Studenten ausgerechnet in meinem Lieblingsgebiet der elektromagnetischen Felder unterrichten würde, davon habe ich nicht einmal geträumt.« Und so fühlt er sich noch heute unbehaglich, wenn seine Mutter andere stolz auf den Professorentitel des Sohnes hinweist.

Eine Aufsteigerbiografie zum Staunen. Dass solche Lebensläufe in der Ingenieurwissenschaft und Informatik häufiger vorkommen als in anderen Fächern – das sagt das Bauchgefühl, sagen Ingenieure, sagen Berufsberater. Doch Zahlen, die das Märchen vom besonders durchlässigen Studiengang statistisch stützen, gibt es kaum. Um das im Kleinen zu ändern, hat einer von Nolls Kollegen an der RWTH, Manfred Nagl, ehemals Professor für Softwaretechnik, alle Aachener Ingenieur- und Informatikprofessoren zu ihrer Herkunft befragt. Ergebnis: Bei zwei Dritteln hatten die Eltern nicht studiert.

»Die Studie ist mit 189 Teilnehmern zwar klein, dafür haben wir eine Rücklaufquote von 100 Prozent«, erklärt Nagl. Zudem hätten Befragungen in Leitungsgremien des Ingenieurverbundes 4ING sowie auf Fachtagungen ähnliche Ergebnisse gezeigt. »Ich bin überzeugt davon, dass sozialer Aufstieg bei Ingenieuren und Informatikern vergleichsweise leicht möglich ist. Und dass die Zahlen auf die Industrie übertragbar sind – schließlich arbeiten die meisten Professoren vorher in leitender Position in Unternehmen, ehe sie an eine Universität berufen werden.«

Die Schlagworte, die potenzielle Aufsteiger zum Studium verführen, heißen »Planbarkeit der Karriere« und »sicheres Einkommen«: »Für Kinder aus Akademikerfamilien ist ein Studium selbstverständlicher Teil der Biografie. Anders ist das bei Kindern aus nicht akademischen Elternhäusern – für die bedeutet ein Studium ein Risiko, und es muss absehbar sein, dass sich ein Abschluss auszahlt«, sagt Heinz-Elmar Tenorth, Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Auf Ingenieure warten Zehntausende offene Stellen – auch wenn die Lücke zwischen großer Nachfrage und kleinem Angebot mit der Krise geschrumpft ist; die Arbeitslosenzahl hat sich in den vergangenen sechs Jahren gedrittelt, und Ingenieure gehören zu den bestbezahlten Berufsgruppen in Deutschland.

Und doch könnten den Ingenieurwissenschaften die Helden künftiger Erfolgsgeschichten ausgehen. Zum einen eine statistische Notwendigkeit: Die Zahl der Akademiker steigt stetig, damit sinkt zugleich die Zahl der Aufstiegsaspiranten. Zudem entscheiden sich Abiturienten aus Nichtakademikerhäusern eben vergleichsweise selten für ein Studium. Während etwa die Kinder einer Beamtenfamilie, in der der Vater studiert hat, zu 95 Prozent studieren, erlangen nur 17 Prozent der Arbeiterkinder einen Hochschulabschluss. »Bei Marktkrisen sind sie die Ersten, die davor zurückschrecken und sich lieber für einen Beruf entscheiden«, sagt Tenorth. Weil häufig finanzielle und moralische Unterstützung fehlten sowie das Bewusstsein für die eigene Leistungsfähigkeit – die Sicherheit bei der Karriereplanung, die Aufsteigern besonders wichtig ist.

Genug Gründe, schwarzzumalen, gerade nach der Krise. »Wir brauchen die sozialen Aufsteiger. Auch weil sich unser Beruf nicht vererbt, wie unsere Befragung gezeigt hat«, sagt Nagl. Anders als bei Ärzten, die ihre Praxis häufig an die Kinder weitergäben, studierten die Kinder der Ingenieurprofessoren das Fach nicht häufiger als der Durchschnitt. Wissenschaft wie Politik hätten es gemeinschaftlich verschlafen, Jugendliche vom Sinn und von der Erfüllung durch einen technischen Beruf zu begeistern.