Raumfahrt Üben fürs All
Die Italienerin Samantha Cristoforetti wird Astronautin. Als einzige Frau trainiert sie bei der Esa in Köln für ihren ersten Weltraumeinsatz
Der Ort, an dem Samantha Cristoforetti ihrem Ziel, dem Weltraum, so nah ist wie nie zuvor, ist der nüchterne Seminarraum des European Astronaut Center (EAC) in Köln-Porz. Denn Astronautin zu werden, das hat mit Abenteuer erst einmal gar nichts zu tun. In der Grundausbildung wird vor allem eins getan: gelernt. Cristoforetti erlebt das seit einem halben Jahr. Die 32-jährige Italienerin gehört zu den sechs neuen Astronauten der European Space Agency (Esa). Die Stellenausschreibung fürs All war etwas Besonderes: Rund 20 Jahre lang hatte die Esa keine neuen Astronauten gesucht. Mehr als 8000 Interessenten bewarben sich, Cristoforetti wurde ausgewählt – als einzige Frau und mit fünf Kollegen aus Deutschland, Frankreich, Dänemark, Großbritannien und Italien. Aus dem italienischen Bergdorf, in dem ihre Eltern ein Hotel betreiben, hat sie es schon fast bis ins All geschafft.
»Während die Eltern sich um die Gäste kümmerten, bin ich immer unterwegs gewesen und habe die Landschaft erforscht« – Cristoforetti träumte bereits als Kind davon, Astronautin zu werden. Ein Lehrer hatte ihre Neugier fürs All geweckt. Die Neunjährige spielte mit ihren Klassenkameraden die Planetenbewegungen nach, einer war die Sonne, einer der Mond, eine die Erde, sie drehten sich umeinander. Auch Science-Fiction mochte Cristoforetti gern, besonders Star Trek. »Mag ich auch heute noch«, sagt sie, »aber dafür habe ich keine Zeit mehr.«
Das Pensum in der Astronautengrundausbildung ist hoch. Normalerweise dauert das Training 18 Monate, Cristoforetti und ihre Kollegen sollen es drei Monate schneller, bis Ende des Jahres, abschließen. Danach aber wird weitergelernt: Für jede Mission wird das ausgewählte Team geschult – in der Regel noch einmal etwa zwei Jahre lang. Astronauten müssen so viel Wissen anhäufen, weil sie im Weltall auf sich allein gestellt sind. Dort müssen sie Wissenschaftler, IT-Fachmann, Techniker, Arzt und, wenn es brennt, auch Feuerwehrmann sein.
Bald simulieren sie die Schwerelosigkeit im Tauchbecken
Bislang haben die sechs angehenden Astronauten aber vor allem viel, viel Theorie gepaukt. »Geschichte der Raumfahrt, Weltraumrecht, Elektrotechnik, Aerodynamik, Nachrichtentechnik, Materialwissenschaften, Geophysik, Biologie, Anatomie, Medizin« – Samantha Cristoforetti zählt auf, was ihre letzten sechs Monate ausgemacht hat.
Jede Lehreinheit wird von den Dozenten geprobt und optimiert, dann erst treten sie vor den Astronautennachwuchs. Selten gab es bisher praktische Einheiten; wie Wunden genäht werden, das haben sie schon gelernt. Die Teile der Ausbildung, die mehr nach Abenteuer klingen, folgen jetzt: Überlebenstraining in Höhlen, Schulungen an einem Modell des Weltraumlabors Columbus der ISS und Schwerelosigkeitsübungen im Tauchbecken und bei Parabelflügen. Gerade diese Flüge haben es in sich. Nicht wenigen wird bei dem steilen Auf und Ab speiübel. Cristoforetti dagegen glaubt, dass es ein großer Spaß wird. Sie fliegt in ihrer Ausbildung nicht zum ersten Mal: Cristoforetti ist bereits ausgebildete Kampfpilotin.
Liest man ihren Lebenslauf, gewinnt man den Eindruck, sie hätte ihn nicht besser auf die Stellenbeschreibung der Esa ausrichten können: Neben einem naturwissenschaftlichen, medizinischen oder ingenieurwissenschaftlichen Studium waren Flugtauglichkeit, körperliche Fitness und psychische Belastbarkeit gefragt; Pluspunkte brachten Sprachkenntnisse und Flugerfahrung. Cristoforetti hat in München, Toulouse, Moskau und Neapel studiert, besitzt Abschlüsse in Ingenieurwesen und Luft- und Raumfahrtwissenschaft – und sie ließ sich eben nach der Hochschule bei der italienischen Luftwaffe zur Kampfpilotin ausbilden. Sie spricht fünf Sprachen, darunter Russisch, was für die Esa-Astronauten Pflicht ist und was ihre fünf männlichen Kollegen jetzt mühsam nachholen müssen. Vorbereitung, Zielstrebigkeit und Fleiß – danach lebt sie: Während ihre Kollegen in Russland an ihren Sprachkenntnissen arbeiten, nimmt sie Urlaub – aber nicht etwa, um sich zu erholen, sondern um den Start eines Spaceshuttles in den USA zu beobachten. »So etwas habe ich noch nie gesehen, deshalb fliege ich hin.«
Die Mutter ist froh, dass ihre Tochter nicht mehr Kampfpilotin ist
2013 könnte Samantha Cristoforetti frühestens ihren ersten Flug zur Internationalen Raumstation (ISS) antreten, wahrscheinlich erst später. Denn die Esa-Astronauten kommen nur per Anhalter dorthin. Russen oder Amerikaner müssen sie in ihren Sojus-Raumfähren oder Spaceshuttles mitnehmen. Cristoforetti macht sich da aber wenig Sorgen. »Die ISS wird es noch lange geben«, sagt sie, »wir sollten alle einmal hochkommen.« Nie für eine Mission ausgewählt zu werden ist dagegen eine Vorstellung, die in ihrem Kopf keinen Platz hat: »Ich könnte auch morgen vom Auto überfahren werden. Da darf man nicht dran denken.«
- Datum 08.04.2010 - 06:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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