Beruf Übersetzer im Tower

Ingenieure vermitteln bei der Flugsicherung zwischen Technik und Lotsen

An die 80 Flugzeuge kreuzen allein im Nahbereich Frankfurt am Main jede Stunde den Luftraum. »Die müssen alle koordiniert werden, und der Austausch zwischen Bordpersonal und Bodenstation muss funktionieren«, sagt Oliver Haßa, 44, Maschinenbauingenieur mit dem Schwerpunkt Luft- und Raumfahrttechnik. Die 1800 Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) kontrollieren jedes Jahr drei Millionen Flugbewegungen. Sie blicken dabei auf Radarschirme, angeordnet in halbrunden Ovalen; ein Team von zwei Lotsen ist zuständig für einen dreidimensionalen Sektor im deutschen Himmel: Ein Flugzeug verbleibt rund sechs Minuten darin. Ohne Menschen wie Oliver Haßa und seine Kollegen wären die Fluglotsen aufgeschmissen, die Flugsicherung wäre nicht denkbar.

Was muss eine Radaranlage eigentlich leisten können, wie funktioniert der elektronische Datenaustausch zwischen Bord und Boden? Wie erkläre ich den Lotsen und den Piloten neue Systeme? Der Ingenieur Oliver Haßa sagt: »Wir spielen den Übersetzer zwischen technischen Neuerungen und den Lotsen. Wir sind der Kitt dazwischen.«

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Ingenieure sind nach den Lotsen die zweitgrößte Berufsgruppe bei der DFS, fast ein Viertel der Beschäftigten sind Informatiker, Maschinenbauingenieure, Nachrichtentechniker und Luft- und Raumfahrttechniker. Sie alle müssen Überzeugungsarbeit leisten, denn der Automatisierungsgrad in der Flugsicherung ist gering. So notieren die Lotsen immer noch alle Kommandos auf fingerbreite Papierstreifen. »Die Situation bei den Fluglotsen ist vergleichbar mit der im Cockpit vor 20 Jahren, in dem drei bis fünf Leute das Flugzeug manuell steuerten«, sagt Haßa.

Auch der 32-jährige Informatiker Boris Berdon tauscht sich ständig mit den Fluglotsen aus: »Man muss absolutes Kommunikationstalent mitbringen.« Berdon programmierte eine Softwareoberfläche für die Towerlotsen, die alle Flugzeuge anzeigt, die in den nächsten Stunden starten und landen. Die Arbeitsteilung ist für Berdon klar: »Die Lotsen stehen im Mittelpunkt der DFS, und wir Ingenieure liefern die Technik für ihre Arbeit.« Die DFS verzeichnete zwar im Jahr 2009 sieben Prozent weniger Starts und Landungen als im Vorjahr. Trotzdem sucht sie jedes Jahr 60 bis 80 gut ausgebildete Ingenieure, Informatiker und Techniker, meist Hochschulabsolventen und junge Berufstätige.

Das Handwerk erlernen die Ingenieure in Einführungskursen von ein paar Tagen bis zu mehreren Monaten. Boris Berdon studierte Informatik an der TU Darmstadt, bevor er ein zweijähriges Traineeprogramm bei der DFS absolvierte. »Als Informatiker konnte ich mit Elektronik und Radarwellen etwas anfangen, aber von Flugsicherung hatte ich vorher keine Ahnung.« Nach dem Grundkurs weiß er, wer wann und wo Vorfahrt hat im deutschen Himmel und wie Pilot und Lotse kommunizieren.

Im Oktober letzten Jahres trat Berdon eine Festanstellung als Chief Architect an, als »Architekt« für Towersysteme. Seine Hauptaufgabe ist es, IT-Systeme verschiedener Bereiche der DFS intern und später EU-weit abzustimmen. Die Flugsicherungssysteme in Europa sollen zusammengeführt, Doppel- und Mehrfachentwicklungen vermieden werden.

Die Ingenieure denken weiter. Laut Studien von SESAR, dem Single European Sky Air Traffic Management Research Programme, wird sich das Flugaufkommen bis 2020 verdoppeln. »Auch wenn das für den normalen Menschen nicht so aussieht, der Himmel über Europa ist proppevoll«, sagt Haßa. Die Ingenieure reizen das System aus: mehr Flugaufkommen bei größerer Sicherheit und weniger Lärmbelästigung und Emissionen. So sieht der Luftraum der Zukunft aus. 

Was wohl alle Ingenieure bei der Flugsicherung eint, ist die Begeisterung für das Fliegen. »Seit ich mit Legosteinen bauen kann, kommen Flugzeuge dabei heraus«, sagt Haßa. Berdon leckte Blut, als er das erste Mal mit einem Freund, der zum Piloten ausgebildet wird, im Cockpit eines Airbus A320 saß. »Beim Fliegen sieht man die Welt aus anderer Perspektive, sie ist ganz klein von oben. Das ist Freiheit, so banal es klingt.« Wie viele Ingenieure bei der DFS macht Berdon gerade seinen Flugschein.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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    • Schlagworte Transport und Verkehr | Airbus | Flugzeug | Europa | Frankfurt am Main
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