Schweiz "Göldi ist sein Spielzeug"

Der Nahostkenner Arnold Hottinger über die Libyenkrise, Schweizer Ignoranz und islamische Unterlegenheit

DIE ZEIT: Herr Hottinger, der Schweizer Max Göldi ist immer noch in Gewahrsam des libyschen Diktators. Was ist falsch gelaufen?

Arnold Hottinger: Die offizielle Schweiz hat sehr viele Fehler gemacht. Man muss wissen, wie man reiche, mächtige Leute behandelt. Und die Schweiz hat nie begriffen, dass Gadhafi ein Kaiser wie Nero oder Caligula ist. Der kann auch ein Pferd zum Konsul machen. Er ist der Sonnenkönig, um den sich ein ganzes Land dreht. Kurz: Er kann machen, was er will. Und er macht es. Der Fall zeigt auch, wie sehr die Schweiz in ihrem zivilisatorischen Kokon gefangen ist. Man kann sich nicht vorstellen, dass andere anders ticken. Und dann meint sie noch, sie hätte recht.

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ZEIT: Kann es einen Umgang geben mit Gadhafi?

Hottinger: Ja, man muss ihm schmeicheln. Aber was tut die Schweiz? Sie meint, Druck ausüben zu können. Und dabei wird sie in Kommentaren, zum Beispiel in der NZZ , noch bestärkt. Da kann ich nur lachen. Die Schweiz sitzt am kürzeren Hebel. Gadhafi hat eine Geisel, und die wird er so lange wie möglich behalten. Max Göldi ist sein Spielzeug.

ZEIT: Wie tickt Gadhafi?

Hottinger: Gadhafi ist so wahnsinnig wie einzigartig. Er ist ein Mensch, den alle Libyer anstarren und sagen: So was haben wir noch nicht erlebt. Er ist nicht libysch. Aber die Menschen nehmen ihn hin. Er ist einfach da – so wie die Wüste einfach da ist. Sein Sohn Saif al-Islam sagte mal: »In Libyen kann man alles ändern, nur eins nicht: dass Gadhafi der Führer ist. Denn Gadhafi ist der Führer.« Gadhafi bleibt an der Macht, solange er lebt.

ZEIT: Was kann die Schweiz jetzt noch tun?

Hottinger: Geduld üben und keine Fehler mehr machen. Man muss einfach wissen: Verbindlichkeiten sind in Libyen nur ein Lendenschurz, den man an-, aber jederzeit auch wieder ausziehen kann.

ZEIT: Wird Göldi je freikommen?

Hottinger: Ja, irgendwann wird dieses große böse Kind genug haben von seinem Spielzeug.

ZEIT: Sie leben seit ein paar Jahren wieder mehrheitlich in der Schweiz. Wie kommt Ihnen das Land heute vor?

Hottinger: Ich habe mich an diesen Luxus gewöhnt. Ich gönne ihn den Schweizern. Aber das Verständnis der anderen wird erschwert, wenn man in so einem Kokon des Reichtums lebt. Mit der Einwanderung wird das etwas besser. Die Schweiz ist sehr amerikanisch geworden.

ZEIT: Gerade nach dem Minarettverbot kommt Ihnen eine wichtige Rolle zu. Sie können uns die arabische Welt und auch die Muslime, die ins Land kommen, erklären, näherbringen.

Hottinger: Ja, aber ich predige den Bekehrten.

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    • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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