Printmedien Rettet sie, die Alte Tante!
Die "Neue Zürcher Zeitung" ist in Not. Daniele Muscionico arbeitete 18 Jahre lang fürs Weltblatt. Sie berichtet vom Niedergang einer Schweizer Institution.
Man betritt die Neue Zürcher Zeitung, um die Urne abzuholen. Die letzten Rest der Alten Tante, die Erinnerung. Die Eingangshalle ist leer, weiß, geruchlos. Ein schönes Bestattungsinstitut. Der Gang zum Empfang dauert ewig. Die Damen lächeln, wie immer. So also geht alles zu Ende?
Sie lächeln nicht anders als damals, als sie noch Grund hatten. Die Empfangsdamen der NZZ sind, was ihre Freundlichkeit betrifft, unsterblich. Sie sind die Visitenkarte einer Institution, die dem Land bei den Mächtigen der Welt Ansehen eingetragen hat wie wenig andere Schweizer Erfindungen. Zum 200-jährigen Geburtstag der Zeitung 1980 kabelte der damalige Wirtschaftsminister der Bundesrepublik, Otto Graf Lambsdorff, Glückwünsche ins historische Gebäude neben der Zürcher Oper und anerkannte, sie sei für ihn »unverzichtbar«; Henry Kissinger nannte sie »eine der großen Zeitungen der Welt«. Und Historiker Golo Mann schrieb dem Geburtstagskind im Überschwang: »NZZ – ich liebe Dich.«
Damals war der Eingang der NZZ ein Nadelöhr. Er war eine nüchterne Schleuse, dazu da, beim Gast Erwartungen zu schüren auf das, was kommen würde. Ihr einziger Schmuck war eine Thorne-Setzmaschine von 1894, der erste eigene Setzapparat der Zeitung. 18 Jahre lang ging die Schreibende an ihr vorbei, als Kulturredaktorin der NZZ bis 2007. Und als sie, es mag 2002 gewesen sein, in den Gängen der Redaktion zum ersten Mal den Satz hörte: »Demnächst wird an dieser Maschine der Chefredaktor sitzen und die NZZ allein machen«, hielt sie das für üble Nachrede. Auf der Redaktion waren zwar die ersten Entlassungen ausgesprochen worden, ein Sakrileg, denn bisher durfte man sich hier für unkündbar halten. Doch immer noch war die Mehrheit von uns überzeugt, dass dieses Gehäuse ein Sonderfall sei in der Presselandschaft. Aber schon bald hörte man die bange Frage: »Gibt es ein Leben nach der NZZ? « Man stellte sie, hinter vorgehaltener Hand, in der hauseigenen Cafeteria, über den Köpfen ein Druck des Titelblatts der ersten Ausgabe vom 1.12.1780. Und die Antwort war klar: »Nein.«
- Tageszeitungen
So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Die zehn größten Tageszeitungen der Deutschschweiz haben zusammengezählt 4,4 Millionen Leser – vor fünf Jahren waren es noch 4,3 Millionen. Einstürze sehen anders aus. Auch bei den drei großen Sonntagsblättern lag der Rückgang seit 2005 eher im Detail: Die Leserzahl sank von 2,25 auf 2,17 Millionen. Und doch redet man in der Branche dauernd von Krise, Katastrophe oder zumindest von einer Zeitenwende, denn eben: Im Detail zeigt sich der wahre Teufel. Dass es die kumulierten Leserzahlen halbwegs halten konnte, verdankte das Tageszeitungs-Gewerbe vor allem dem Gratisblatt 20 Minuten; dieses gewann innert fünf Jahren weitere 400.000 Leser. Kommt hinzu, dass seit Jahren stetig Inserate in die elektronischen Medien wegsickern – und dass sich dieser Trend jetzt, in der Konjunkturkrise, zum Drama ausgewachsen hat: 2009 brachen die Werbeeinnahmen der Presse um 17 Prozent ein.
- Zukunft der Zeitung
Das Bedenklichste an der Lage ist, dass die Verlage durchwegs im Nebel zu stochern scheinen, dass keiner mit überzeugenden Antworten Hoffnung für alle schafft. Zu viele entscheidende Fragen sind offen: Könnte es sein, dass das iPad bald wieder Leser und Abo-Einnahmen zurückschwemmt? Oder kommt es noch schlimmer, weil auch die Lokalnachrichten ins Web abwandern? Lässt sich die Gratiskultur, die via Internet und Pendlerblätter ins Land kam, je wieder verdrängen? Überhaupt: Welche Aufgabe hat die Zeitung noch? Etwa die der Herstellung von »Orientierung« und »Hintergrund«? Und was ist das?
- NZZ-Gruppe
So verkauft Ringier zwar vor allem Presseprodukte, aber das Unternehmen setzt auch auf Konzerttickets, Veranstaltungen oder Betty-Bossi-Sandwiches. Tamedia verkauft Presseprodukte, aber der Konzern betreibt zudem Kommerzplattformen aller Art. Die NZZ-Gruppe verkauft Presseprodukte, aber sie will auch ein starkes Webportal aufbauen. Gemeinsam ist dabei allen Häusern, dass sie ihre Zeitungen kräftig sparen lassen. Denn die Blätter sind das, was man in der Management-Lehre eine Cashcow nennt: ein etabliertes Produkt, das seinen Höhepunkt überschritten hat und vor allem gemolken werden will. Ziel ist meist, mit den daraus erzielten Erträgen neue, junge Produkte aufzupäppeln, bevor die Cashcow dann ins letzte Stadium ihres Lebenszyklus übergeht. Dann nennt man sie in der Fachsprache einen «armen Hund».
Noch bis vor wenigen Jahren waren wir betört von der eigenen Bedeutsamkeit und von der unverrückbaren Position des Unternehmens, das unser geistiges Zuhause war. Dieses Haus wollte und würde man bis zum letzten Mann verteidigen. (Frauen? Sie waren an einer Hand abzuzählen, eine Marginalie und, bis auf eine Ausnahme, in unteren Chargen angestellt.) Man durfte vom Glauben an die Unverwundbarkeit der NZZ nicht ablassen; auch deshalb nicht, weil Kollegen anderer Medien unsere »geschützten Arbeitsplätze« stets milde belächelten. (Purer Neid, wussten wir und bezeichneten im Gegenzug das meiste, das andernorts in der Schweiz publiziert wurde, als Boulevard. NZZ, das stand für Neue Zürcher Zurückhaltung).
Das Wichtigste aber war: Hier genoss man das Privileg, für eine Zeitung zu arbeiten, in der der Journalist und nicht der Ressortleiter bestimmte, wie und wann man sein Kerngebiet ins Blatt bringen wollte. Kein Blattmacher, kein Koordinator, es herrschte Anarchie. Also bewahrte man noch im Sturm Haltung und blickte Hilfe suchend auf die Leistungen unserer Väter, die uns in der Ahnengalerie der Chefredaktoren jeden Tag ins Gewissen redeten; vom ersten bis zum letzten, vom Idyllenmaler und Idyllendichter Salomon Gessner (1780 bis 1783) bis zu Hugo Bütler (1985 bis 2006). Sie bedeuteten uns, dass wir anders seien als alle. Und, im besten Fall, besser.
- Datum 07.04.2010 - 16:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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Italienischer Nachname, Daniele als Vorname (nicht etwa Daniela), kaum Frauen bei der NZZ: Das kann doch eigentlich nur ein Mann sein. Also müsste es wohl heißen "Er berichtet ..."
Wenn der Kommentar von JoshWolf der einzige bleibt zum Abgesang auf die alte Tante NZZ, ist die Zeit der Qualitätsblätter wohl wirklich vorbei und man muss sich langsam fragen, welche Leser noch reflektierte und zur Reflexion anregende Inhalte wünschen. Offensichtlich nehmen die formalen Aspekte überhand (Daniele = Mann oder Frau?). Anspruchsvolle Leser kennen Frau Muscionico ja wohl eh seit längerer Zeit als frei und kreativ denkender und schreibender Kopf mit Herz.
Dass die Internationale Ausgabe Federn gelassen hat, ist zweifellos richtig. Richtig ist aber auch, dass sie immer noch eine herausragende Auslandsberichterstattung und eine liberale Perspektive bietet - beides sucht man in Deutschland leider oft vergebens. Dass die Zeitung nun weniger aktuell daherkommt ist dabei gar nicht einmal so schlimm, war und ist die NZZ doch eher eine "täglich gedruckte Wochenzeitung" - viele Artikel behalten auch einen Tag später noch ihre Relevanz. Schwerer wiegt da schon die Reduktion des International-Teils um eine Seite (im Vergleich zur Schweizer Ausgabe). Diese Maßnahme sollte unbedingt wieder rückgängig gemacht werden, hier wird ein Angriff auf eine der Kernkompetenzen der NZZ gefahren.
Im Ausland lebend und die NZZ eher unregelmäßig lesend, muss ich sagen, dass mir dieser anscheinend super-katastrophale Niedergang der internationalen Ausgabe der NZZ nicht aufgefallen ist. Vielmehr finde ich dass - verglichen mit der FAZ und der Süddeutschen Zeitung - die NZZ die durchaus beste im Ausland erhältliche deutschsprachige Tageszeitung ist.
Der Beitrag umschreibt gut nicht nur die Probleme der NZZ, sondern kann, wie ich denke, durchaus exemplarisch für die Schwierigkeiten der Zeitungsmacher stehen, da die Prozesse in anderen Häusern in den vergangenen Jahren kaum anders verliefen.
Was mich ein wenig stört, ist die Beweihräucherung der NZZ. Selbstverständlich ist es eine sehr gute Zeitung, ich möchte die Werte, die die "Marke NZZ" verkörpern will, auch nicht in Frage stellen. Für mich ergibt sich aber jetzt noch mehr als zuvor die Frage: Lässt sich der allseits geforderte "Qualitätsjournalismus" nicht auch auf anderem Wege machen? Braucht es dieses zum Konzern aufgeblasene Verlagsmonster im Hintergrund, wenn ja, in welchem Umfang, wenn nein, welche Alternativen gibt es?
Fragen, die offen bleiben. Und die sich nicht nur die NZZ langsam ernsthaft stellen sollte.
Wahnsinn, diese Mäzenenidee! Gerade wenn von Ökonomen geäussert. Man scheint nicht für die Leser schreiben zu wollen, sondern ist auf Mission. Nur: Auch die Kirche - obwohl lange und von vielen Mäzenen gefüttert - ist auch auf dem Weg nach unten. Aber hier meine Frage: Welcher reiche Onkel darf's denn für die alte Tante sein? Einer aus Russland? Oder gar einer aus Australien? Dann gäbe es zum nächsten Jubiläum Wodka oder Fosters im Opernhaus statt Suppe im Zelt. Das wäre doch zeitgemäss. Prosit!
Wer seit über vier Jahrzehnten die NZZ abonniert hat, der muss mit großer Trauer dieser Situationsbestimmung zustimmen. Die einst so griffig aktuelle Auslandsausgabe, die in der Aktualität die D-Ausgabe der FAZ in den Schatten stellte, ist zu einem besseren Archiv überholte Nachrichten verkommen. Denn beim Blick auf die Schweizer Ausgabe stimmt kaum eine Seite mit der immerhin 35 € kostenden und verdünnten Internationalen Ausgabe überein - Ausnahme Feuilleton. Der Sport besitzt keinen Informationsteil mehr, der für eine schwezierisch-deutsche Familie interessant wäre. Blamabel ist die Information über Schweizer Abstimmungen bereits am Dienstag! Und das nur um ein paar Leser an ausländischen Kiosken bereits um 7 Uhr bedienen zu können. Ist das der neue Mehrwert primitiven Zürcher Renditedenkens? Selbst der Auslandsteil hat an Umfang und Qualität spürbar verloren. Das können Leserbriefe und verstärkte Meinungsbeiträge nicht wettmachen. Die qualitative Hintergrundberichterstattung und das kulturelle Niveau, die einst die NZZ auszeichneten, werden erodiert, und wenn Martin Meyer den Griffel wirft, wer wird dann dem Feuilleton noch Profil geben? Eine Abbestellung ist für mich dann keine Gewissensentscheidung mehr. Die beste deutschsprachige Tageszeitung von vorgestern? Naja - das ist kaum ein Grund sie zu abonnieren.
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