Printmedien Rettet sie, die Alte Tante!
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»Eine NZZ als stand alone product hätte eine schwierige Zukunft.«

Die Nähe zur Partei wurde der Zeitung jedoch spätestens mit dem Grounding der Swissair und ihrer freisinnigen Bruchpiloten zum Verhängnis. Am Konkretesten in der Figur ihres VR-Präsidenten, Eric Honegger, der auch im Verwaltungsrat der Fluggesellschaft saß. Einen Imageschaden für die Zeitung befürchtend, wurde Honegger zum Rücktritt aufgefordert. Das Ergebnis: Conrad Meyer. Der Vize kam zur Verantwortung wie die Jungfrau zum Kind. Doch in der Krise war aus dem Ehrenamt eine unternehmerische Aufgabe geworden.

Was dann geschah, erklären Insider wie folgt: Hugo Bütler, korrekt, konservativ, war ein auf Tradition pochender, bewahrender Chefredaktor. Ein katholischer Bauernsohn, der früh den Vater verlor, aufgewachsen in einem Luzerner Dorf. Auf Stil und Form bedacht, hatte er sich in eigener Leistung den Gestus von altem Adel anerzogen. Doch als in den neunziger Jahren die Tageszeitung zur multimedialen Mediengruppe explodierte, war Haltung obsolet geworden, gefragt war nun die Tat. Damit war Bütler überfordert. Bis Meyer diese Tatsache erkannte, dauerte es. Doch als er sogar von seinen Freunden im Rotary Club Schelte bekam dafür, dass die NZZ- Aktie von 250.000 auf 50.000 Franken eingebrochen war, verlor er die Nerven: Er verordnete dem Unternehmen eine Führungsstruktur, die in allem das Gegenteil davon ist, was in der NZZ in den vergangenen 220 Jahren Tradition hatte. Er setzte einen CEO ein, der früher für die Tamedia arbeitete und das Unternehmen, naturgemäß, aus betriebswirtschaftlicher Optik führt. Der VR hat das eine Extrem, eine kollektive Lenkung durch drei Personen (mit Vetorecht des Chefredaktors), durch ein anderes Extrem abgelöst.

Wer Conrad Meyer nach seinem Leistungsausweis der letzten acht Jahre fragt, erhält die Antwort: »Es ist mein ständiges Bestreben, dass wir den Spagat schaffen, unserer Mediengruppe genügend Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre qualitative Höchstleistung erhalten kann. Und gleichzeitig wollen wir den Aktionären beweisen, dass hochwertige Leistungen auch einen Ertrag abwerfen.« Die Mediengruppe und die Rendite also sind die relevanten Themen. Und der millionenteure Ausbau und die Zentralisierung des Onlinebereichs der Gruppe.

Doch wer investiert, geistig und ökonomisch, in die NZZ? Wer leistet hier die unternehmerische Aufbauarbeit? Meyers Einschätzung geht synchron mit jener des Buhmanns der Stunde, des CEOs Albert P. Stäheli. Mit Blick auf die Bilanzen gilt auch sein erstes Interesse der Mediengruppe. Denn sein Glaube an die NZZ hält sich in Grenzen: »Eine NZZ als stand alone product hätte eine schwierige Zukunft.«

Ist die NZZ tatsächlich nicht mehr als ein Produkt? Und, wäre sie bloß noch durch das Prinzip Hoffnung zu retten? Nein, sagen Kenner. »Wenn man davon ausgeht, dass die Neue Zürcher Zeitung eine politische und eine kulturelle Leistung ist, müssten sich doch Menschen finden lassen, die sich diese Stimme leisten wollen, denen diese Stimme etwas wert ist.« Das sagt Noch-Wirtschaftschef Gerhard Schwarz, und er spricht damit die Idee einer Stiftung an. Sie könnte Teile des Korrespondentennetzes finanzieren oder einen bestimmten Bund innerhalb der Zeitung. Der Markt im Wirtschaftsjournalismus sei auf jeden Fall noch besser auszuschöpfen; und dazu wäre die Marke NZZ auch heute noch das beste Verkaufsargument. Andere denken sogar einen Schritt weiter. Wieso nicht die Zeitung aus der NZZ -Gruppe herauslösen? Man könnte sie dann leichter in einem sogenannten Premium-Segment positionieren, erstens. Und zweitens wäre damit auch der Zugang zum Kapital von Stiftungen und Mäzenen einfacher.

Wer entwickelt die mutige Strategie und stärkt die NZZ wieder? Autorität Schwarz geht in acht Monaten. Und Chefredaktor Spillmann, als Oberst nicht der Mann, der Befehle verweigert, ist per Leistungsauftrag immobilisiert. Wird der 17. April, wird die Generalversammlung eine Wende bringen? Wer auf die neuen Verwaltungsräte hofft, muss mit dem alten Präsidenten rechnen. Nimmt Meyer das Gremium sofort in seinen Griff oder lässt er Dynamik zu? Rettet die NZZ, solange sie diesen Namen noch verdient!

 
Leser-Kommentare
  1. Italienischer Nachname, Daniele als Vorname (nicht etwa Daniela), kaum Frauen bei der NZZ: Das kann doch eigentlich nur ein Mann sein. Also müsste es wohl heißen "Er berichtet ..."

  2. Wenn der Kommentar von JoshWolf der einzige bleibt zum Abgesang auf die alte Tante NZZ, ist die Zeit der Qualitätsblätter wohl wirklich vorbei und man muss sich langsam fragen, welche Leser noch reflektierte und zur Reflexion anregende Inhalte wünschen. Offensichtlich nehmen die formalen Aspekte überhand (Daniele = Mann oder Frau?). Anspruchsvolle Leser kennen Frau Muscionico ja wohl eh seit längerer Zeit als frei und kreativ denkender und schreibender Kopf mit Herz.

  3. Dass die Internationale Ausgabe Federn gelassen hat, ist zweifellos richtig. Richtig ist aber auch, dass sie immer noch eine herausragende Auslandsberichterstattung und eine liberale Perspektive bietet - beides sucht man in Deutschland leider oft vergebens. Dass die Zeitung nun weniger aktuell daherkommt ist dabei gar nicht einmal so schlimm, war und ist die NZZ doch eher eine "täglich gedruckte Wochenzeitung" - viele Artikel behalten auch einen Tag später noch ihre Relevanz. Schwerer wiegt da schon die Reduktion des International-Teils um eine Seite (im Vergleich zur Schweizer Ausgabe). Diese Maßnahme sollte unbedingt wieder rückgängig gemacht werden, hier wird ein Angriff auf eine der Kernkompetenzen der NZZ gefahren.

    • k-n
    • 09.04.2010 um 17:15 Uhr

    Im Ausland lebend und die NZZ eher unregelmäßig lesend, muss ich sagen, dass mir dieser anscheinend super-katastrophale Niedergang der internationalen Ausgabe der NZZ nicht aufgefallen ist. Vielmehr finde ich dass - verglichen mit der FAZ und der Süddeutschen Zeitung - die NZZ die durchaus beste im Ausland erhältliche deutschsprachige Tageszeitung ist.

  4. Der Beitrag umschreibt gut nicht nur die Probleme der NZZ, sondern kann, wie ich denke, durchaus exemplarisch für die Schwierigkeiten der Zeitungsmacher stehen, da die Prozesse in anderen Häusern in den vergangenen Jahren kaum anders verliefen.

    Was mich ein wenig stört, ist die Beweihräucherung der NZZ. Selbstverständlich ist es eine sehr gute Zeitung, ich möchte die Werte, die die "Marke NZZ" verkörpern will, auch nicht in Frage stellen. Für mich ergibt sich aber jetzt noch mehr als zuvor die Frage: Lässt sich der allseits geforderte "Qualitätsjournalismus" nicht auch auf anderem Wege machen? Braucht es dieses zum Konzern aufgeblasene Verlagsmonster im Hintergrund, wenn ja, in welchem Umfang, wenn nein, welche Alternativen gibt es?

    Fragen, die offen bleiben. Und die sich nicht nur die NZZ langsam ernsthaft stellen sollte.

  5. Wahnsinn, diese Mäzenenidee! Gerade wenn von Ökonomen geäussert. Man scheint nicht für die Leser schreiben zu wollen, sondern ist auf Mission. Nur: Auch die Kirche - obwohl lange und von vielen Mäzenen gefüttert - ist auch auf dem Weg nach unten. Aber hier meine Frage: Welcher reiche Onkel darf's denn für die alte Tante sein? Einer aus Russland? Oder gar einer aus Australien? Dann gäbe es zum nächsten Jubiläum Wodka oder Fosters im Opernhaus statt Suppe im Zelt. Das wäre doch zeitgemäss. Prosit!

  6. Wer seit über vier Jahrzehnten die NZZ abonniert hat, der muss mit großer Trauer dieser Situationsbestimmung zustimmen. Die einst so griffig aktuelle Auslandsausgabe, die in der Aktualität die D-Ausgabe der FAZ in den Schatten stellte, ist zu einem besseren Archiv überholte Nachrichten verkommen. Denn beim Blick auf die Schweizer Ausgabe stimmt kaum eine Seite mit der immerhin 35 € kostenden und verdünnten Internationalen Ausgabe überein - Ausnahme Feuilleton. Der Sport besitzt keinen Informationsteil mehr, der für eine schwezierisch-deutsche Familie interessant wäre. Blamabel ist die Information über Schweizer Abstimmungen bereits am Dienstag! Und das nur um ein paar Leser an ausländischen Kiosken bereits um 7 Uhr bedienen zu können. Ist das der neue Mehrwert primitiven Zürcher Renditedenkens? Selbst der Auslandsteil hat an Umfang und Qualität spürbar verloren. Das können Leserbriefe und verstärkte Meinungsbeiträge nicht wettmachen. Die qualitative Hintergrundberichterstattung und das kulturelle Niveau, die einst die NZZ auszeichneten, werden erodiert, und wenn Martin Meyer den Griffel wirft, wer wird dann dem Feuilleton noch Profil geben? Eine Abbestellung ist für mich dann keine Gewissensentscheidung mehr. Die beste deutschsprachige Tageszeitung von vorgestern? Naja - das ist kaum ein Grund sie zu abonnieren.

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