DVD-Neuerscheinung Die Gravitation der Farben
Eine neue DVD-Box enthält das ganze wunderbare Universum der Filme von Jacques Demy
© Leo Weisse/Cine Tamaris

Im Zustand hingetuschter Schwerelosigkeit: Catherine Deneuve und Nino Castelnuovo in "Les Parapluies de Cherbourg"
Man stelle sich einmal vor: die Menschen würden ihren Alltag nicht sprechend, sondern singend gestalten. Ein Traum? Die fabelhafte Konsequenz dieser Verschiebung wäre das Verschwinden des Alltags. Ein Tagtraum? Wo hartnäckig das Stereotyp, das Klischee und bleierne Normalität geherrscht hatten, würde mit einem Mal der verwirrende Übergang in eine märchenhafte Entgrenzung eröffnet. Ein hypnotischer Trick? Die unsichtbare Dynamik der Musik würde die sichtbare Welt durcheinanderwirbeln, das bedeutungsvolle Sprechen durch die Melodie entlastet werden, die Körper könnten tanzend und tänzelnd, steppend und pirouettierend einander begegnen. Eine somnambule Fantasie? Und der Dekor und die Kostüme wären in Farben gehalten, die wahrhaftig alles »in den Schatten« stellten, was der natürlichen Harmonie der Farben gehorcht. Ein Blendwerk der Werbeindustrie? Und das Singen, das Tanzen und die Farben würden in ihrem unaufhörlichen Zusammenspiel einen Zustand hingetuschter Schwerelosigkeit bewirken. Ein Film? Ja, so etwa ließe sich das Universum von Jacques Demy beschreiben.
Dieses Kino kann man jetzt in einer liebevollen Edition (Arte) wiederentdecken: den »ganzen« Jacques Demy. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, mit welch leichter Hand dieser sanfte Mann in den sechziger Jahren ältere Kinoerfindungen – Méliès’ heftige Farbdramaturgie und die vergessenen comédies en chantés eines Yvan Noé der dreißiger Jahre – zu einem neuen Genre mutieren lässt. Ein französisches Echo, ein bunter Scherenschnitt, der wie von selbst aus dem amerikanischen Musikfilm hervorgegangen ist. Und wie ein roter Faden zieht sich die tranceartige Musik von Michel Legrand durch fast alle Filme von Demy.
Bei Demy, unterstützt und getragen von der Musik von Legrand und dem im besten Sinn plakativen Dekor von Bernard Évein und den knallbunten Kostümen von Jacqueline Moreau, lässt sich exemplarisch beobachten, wie die Farben und die Musik den Kino-Realismus einer simplen Geschichte unterlaufen, ja unterspülen. Der Plot ist meist nicht mehr als ein fait divers, eine Klatschgeschichte, das Glück in und aus den Farben der Regenbogenpresse, eine Nachricht von drei Zeilen, jedoch, um das Klischee zu vollenden, mit glücklichem Ausgang! Aber die Farben und die Musik, die schwebende Kamera, die ganze désinvolture, die »Ungezwungenheit« der Filme lassen die absichtsvolle Banalität der Geschichten weit hinter sich und präsentieren auf eigensinnige Weise eine andere Geschichte. Wenn aber dann unvermutet die Zeitgeschichte an das Tor der Story klopft – wie der Algerienkrieg in dem 1964 entstandenen Film Die Regenschirme von Cherbourg –, zerbricht das Klischee, der Fluss der Handlung stockt, und der müde Held hinkt. (Demy erinnert in einem im Booklet abgedruckten Interview daran, dass allein das Aussprechen des Wortes »Algerienkrieg« in einem Unterhaltungsfilm Anfang der sechziger Jahre verpönt war.) Man könnte von einer geheimen Doppelbelichtung sprechen, welche Farbe und Musik in der Wahrnehmung des Zuschauers bewirken.
40000 Quadratmeter Fassade hat der Bühnenbildner Évein für den Film Die Mädchen von Rochefort malen lassen, um ein Exterieur herbeizuzaubern, das in unserem Gedächtnis als das einzige Rochefort zurückbleiben wird – mit den betörend schönen Geschwistern Catherine Deneuve und Françoise Dorléac – und ganz nebenbei noch die Wappenfarben der Stadt gelb-blau mitschwingen lässt.
Es sind die Städte an der nordfranzösischen Küste, Nantes, Rochefort, Cherbourg, die der Bretone Demy dem ansonsten alles überwältigenden Paris vorzieht. Im Rückblick muten die Filme wie ein absichtsloser melodramatischer Glücksentwurf zu Claude Chabrols Obsession an, den Saum des teuflischen, mörderischen Unterfutters aufzutrennen, welchen die Provinz bereithält. Alain Resnais wiederum hat, ganz offenbar von Demys Extravaganzen inspiriert, in einigen seiner Filme das entrückende, antirealistische Singen wiederbelebt.
Einige von Demys Filmen haben Deutschland nie erreicht, so der stellenweise wie ein Comic anmutende Parking; ein Film, von dem Demy bekennt, dass er die Hauptfigur falsch besetzt hatte – anstelle eines wenig überzeugenden Sängers wollte er Jim Morrison haben, doch der starb bald darauf. In Erinnerung bleiben eine rasante Motorradfahrt auf der Pariser Stadtautobahn und Jean Marais in einem himmelschreienden Rocker-Kostüm als der Leibhaftige.
Neben den allerfrühesten Filmen präsentiert die Demy-Box aufschlussreiche und bewegende Boni, vor allem Interviews mit Demy selbst und mit Michel Legrand, filmische Reflexionen von Agnès Varda, seiner Lebensgefährtin, und den Kindern.
Nach den zwei großen Kassetten mit den Filmen von Maurice Pialat, dem Maler unter den französischen Cineasten, beschenkt uns Frankreich also mit dem Werk des großen Farb-Choreografen des französischen Kinos. Angesichts dieses Füllhorns, welches das Centre National de Cinématographie (CNC) seit Jahren vor uns ausschüttet, wird es zunehmend peinlich, von den deutschen Schatzkammern der Filmgeschichte auf Zwangsdiät gesetzt zu werden.
- Datum 27.04.2010 - 16:10 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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