Heroin, es ist schwer zu glauben, begann seine Laufbahn dereinst als Hustensaft. Literaten waren die Ersten, die die Tauglichkeit des Arzneimittels als kreativer Brennstoff testeten. Dann kamen die Popmusiker. Und dann kam das Gesundheitsbewusstsein. Heute erforschen MGMT systematisch die musikalischen Untiefen der drogengeschwängerten Sechziger, nicht ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass einschlägige Erfahrungen dafür nicht nötig waren.

Congratulations, das zweite Album des Duos aus Brooklyn, ist ein garantiert rezeptfreier Drogentrip. Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser haben einfach die Thematik gewechselt wie das Hemd. Vor zwei Jahren noch war es der damals grassierende Neo-Folk, den sie für den Tanzboden aufgearbeitet und so geschickt mit grellen Orgelmelodien ausgeschmückt hatten, dass sie damit millionenfachen Absatz fanden. Statt den drei Top-Ten-Hits von Oracular Spectacular nun ähnlich eingängiges Material hinterherzuschicken, beenden sie mit Congratulations mutwillig ihre Karriere als Chartsstürmer.

Schuld ist keine Droge, aber doch die ausgiebige Beschäftigung mit den Spuren, die Drogen in der populären Kultur hinterlassen haben. Sie hätten eines Tages festgestellt, erklären die beiden New Yorker, dass ihre Lieblingsmusik ausnahmslos unter dem Einfluss von Heroin entstanden sei. Folgerichtig verpflichteten sie für die Produktion von Congratulations einen gewissen Pete "Sonic Boom" Kember. Der gilt nicht nur als berüchtigter Junkie, mit seiner Band Spacemen 3 ist er für einige der bedrohlichsten Horrortrips der Musikgeschichte verantwortlich.

Das Ergebnis der Kooperation beginnt harmlos mit It’s Working, einem Stück, in dem vermittels berauschender Harmoniegesänge und dezent verzerrter Gitarren die Stimmung des Sommers der Liebe 1967 heraufbeschworen wird. Danach werden in rascher Folge weitere, ungleich irritierendere Spielarten der Psychedelik nachempfunden – zwar nicht immer in der geschichtlich korrekten Abfolge, aber dafür mit viel Sinn fürs historische Detail. MGMT haben die einschlägigen Versatzstücke der Ära, schillernde Keyboards und verhallte Stimmen, schleppendes Schlagzeug und vorsichtige Ausflüge ins Atonale, zu bisweilen verstörenden Popsongs montiert. Die letzte Konsequenz aber fehlt.

Niemals geben MGMT ihre jugendliche Unbeschwertheit auf. Statt sich selbst in die dunklen Abgründe der Drogenerfahrung zu stürzen, zitieren sie sie bloß herbei. Selbst das nahezu dreizehn Minuten währende Epos Siberian Breaks wirkt trotz einiger drastischer Rhythmus- und Stimmungswechsel wie ein Spaziergang durch einen zart knospenden Frühlingstag. Es ist die Gegenwart, die hier den Zugang vorgibt: MGMT sind Kinder ihrer Zeit und als solche Geschöpfe der virtuellen Erfahrung. Was auch sein Gutes hat: Man muss nicht alles, was Vorgängergenerationen ausprobiert haben, noch einmal selbst durchleben und durchleiden.

Kein existenzieller Höllentrip also. Rundherum gelungen jedoch ist Congratulations als liebevolle Hommage an eine angestaubte Ära. Ganz nebenbei schaffen es Goldwasser und VanWyngarden, das kommerzielle Potenzial ihrer Musik zu minimieren. Das mit heulenden Winden wie aus einem billigen Horrorfilm verzierte Instrumental Lady Dada’s Nightmare ist ein kaum verhüllter Seitenhieb auf Lady Gaga und andere Kollegen aus den Hitlisten. Um ganz sicherzugehen, nicht doch noch einmal vom Mainstream adoptiert zu werden, haben die beiden verfügt, dass von Congratulations keine Singles veröffentlicht werden.

Man soll dieses Werk als Album würdigen, nicht als Ansammlung von Tracks. So wird man beim Hören zwar nicht high, aber man wird auf sanfte Weise konzeptuell euphorisiert. Mit den Drogen verhält es sich am Ende ja wie mit der Musik selbst: Es kommt stets auf die Dosierung an.

MGMT: Congratulations
(Sony)