Ali Hussein spricht ein stockendes Englisch, er kann lesen und schreiben, und er war zweimal in seinem Leben in Kabul, wo er den Kopf in den Nacken legte, um die Villen der Neureichen zu bestaunen. Der Anblick hat ihn tief beeindruckt. Als er in seine Heimatstadt Yawkalang zurückfuhr, zwei Tage lang, gepfercht in einen Kleinbus, der über die Piste hüpfte wie ein verrückt gewordenes Pferd, fragte er sich, wie ein Afghane sich solche Prachtbauten mit ehrlicher Arbeit verdienen könne.

Das ist nicht möglich, dachte Ali Hussein. Ihm waren in Kabul ja diese Geschichten zu Ohren gekommen, unglaubliche Geschichten. Zum Beispiel die von den Polizisten in Kabul, die ihren Platz an den Verkehrskreuzungen von ihren Vorgesetzten kauften. Den Preis holten sie sich wieder zurück, indem sie Autofahrer, Passanten und Ladenbesitzer ausnahmen. Ali Hussein hatte auch gehört, dass jede Straßenkreuzung ihren Preis hat. Die teuersten liegen in den ärmsten Bezirken. Die armen Leute haben zwar nicht viel, erfuhr Ali Hussein, aber weil es so viele von ihnen gibt, lohnt es sich für die Polizisten, ihnen das wenige abzupressen.

In Kabul erzielen die Kreuzungen in den armen Schiitenvierteln die besten Preise. Schiiten sind es gewohnt, dass man sie ausplündert. Ali Hussein verstand das auf Anhieb. Er ist Schiit. Zweimal Kabul, das hat ihm gereicht. »Ich muss da in meinem Leben nicht wieder hin«, sagt er und lacht sein Lachen, das sich zwischen Bitterkeit und Heiterkeit bewegt.

Eigentlich müsste Kabul für einen wie ihn eine Offenbarung sein, eine warme, hoffnungsvolle Insel. In seiner Stadt Yawkalang, im zentralen Hochland Afghanistans (siehe Karte), sind die Winter eisig, und der Schnee schneidet die Menschen manchmal für Monate von der Welt ab. Im Sommer traktiert die Sonne die Bewohner mit harten, heißen Schlägen. Arbeit gibt es kaum. Und fast keine Äcker. Stattdessen Erosion und Dürre. Zu viele Menschen auf zu wenig fruchtbarer Erde – nun wird das Land knapp.

Lange Zeit lebten die Schiiten des Hochlandes abgeschottet vom Rest des Landes, regiert von ihren Khans, den Herrschern, fern von Kabul. Hazaradschat heißt die Region noch heute inoffiziell, weil sie von den Hazara bewohnt ist, einer Volksgruppe, die ihr eigenes, fast autonomes Leben führte. Ende des 19. Jahrhunderts brach der Machthaber Afghanistans, der eiserne Amir Abdur Rahman, das Hazaradschat auf; wie eine Nuss knackte er es und zermahlte es. Er rief zum Heiligen Krieg gegen die Schiiten auf. Das gab allen, die sich für die Rechtgläubigen hielten, die Möglichkeit, Schiiten wie Vogelfreie zu jagen und zu töten. Nach ihrer Unterwerfung führte man Tausende als Sklaven nach Kabul und in andere Städte der Eroberer. Das Hochland blieb ein Reservat der Sklaven. Ein trauriger, zerlumpter Menschenstrom ergoss sich nach Kabul, Masar-i-Scharif, Herat, Kandahar.

»Ich ziehe ihn vor!«, sagt Ali Hussein und zeigt auf den Chef der Taliban

Heute wandern die Schiiten aus Yawkalang freiwillig in Scharen nach Kabul. Sie verdingen sich auf den Märkten und Baustellen der Stadt, die seit dem Sturz der radikalislamischen Taliban im Jahr 2001 unaufhörlich wächst. Die Schiiten ziehen im Basar schwer beladene Karren hinter sich her, tief über die Straße gebeugt, keuchend und schwitzend. Sie stehen zu Hunderten an Straßenecken, mit Schaufeln und Hämmern. Sie warten auf jemanden, der ihnen Arbeit gibt. Sie widerstehen der Sonne und weichen auch nicht, wenn der Winter über sie herfällt.

Wenn der Straßenstaub sich bei Regen in Schlamm verwandelt, rücken sie zusammen, ducken sich unter ihren Tüchern und werden zu einem Klumpen Mensch. Sie krallen sich fest an dieser Stadt. Ein, zwei Dollar verdienen sie am Tag, manchmal etwas mehr, manchmal nichts. Ihre Dollar schicken sie nach Hause zu ihren Familien oder sparen das Geld – wenn sie es denn retten können vor den Polizisten. Kabul ist die Hölle, Kabul ist ein Versprechen, für Ali Hussein ist es der Sündenpfuhl. Geld, sagt er, überall und immer gehe es nur ums Geld.

Der Machtwechsel in Afghanistan, der nach dem Ende der Talibanherrschaft vor neun Jahren begann, habe viel Gutes nach Yawkalang gebracht, sagt Ali Hussein, vor allem neue Schulen. Sie stehen im Talgrund, frisch gestrichen, erfüllt von den Stimmen der Schüler und Schülerinnen, vibrierend vom unbedingten Wunsch, etwas zu lernen.

Ali Hussein ist Aushilfskraft in der Klinik für Tuberkulose- und Leprakranke, die von Caritas International und Misereor seit den achtziger Jahren unterstützt wird. Tuberkulose und Lepra, die Krankheiten der Armut. Ali Husseins afghanischer Chef, den hier alle Doktor Morell nennen, sagt: »Seit dem Sturz der Taliban geht es den Menschen hier etwas besser. Früher kamen viele Patienten unserer Klinik aus der Stadt Yawkalang, heute kommen sie meist aus entlegenen Dörfern. Die Krankheiten, könnte man sagen, weichen zurück.«

Auch Ali Hussein glaubt, dass der Sturz der Taliban das Beste war, was den Afghanen passieren konnte. Wie sollte er auch anders denken? Die Taliban betrachteten die Schiiten als Ungläubige. Sie verfolgten sie – auch in Yawkalang. Am 12. März 2001 kamen die Talibankämpfer in die Stadt, trieben mehrere Hundert Männer zwischen 16 und 60 Jahren auf dem Marktplatz zusammen und richteten sie hin. Die Angehörigen begruben die Toten einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums, auf einem kargen Hügel oberhalb der Hauptstraße, die durch das Tal führt. Ali Hussein weiß um die Grausamkeit der Gotteskrieger. 

Aber dann geschieht etwas Seltsames, an einem Abend in der Lepraklinik von Yawkalang. Der Winter des Jahres 2010 ist gerade erst gegangen, die Heizung tuckert noch, die Nacht senkt sich lautlos über das Tal. Kein Autolärm, nichts. Draußen ist es schon lange dunkel, als Ali Hussein zufällig ein Foto sieht, auf dem der Talibanführer Mullah Omar abgebildet ist, neben ihm der afghanische Präsident Hamid Karsai, beide dicht nebeneinander. Da sagt Ali Hussein unaufgefordert und ohne zu zögern: »Ich ziehe ihn vor!« Und er zeigt auf Mullah Omar, auf das bärtige, einäugige Gesicht, im Westen der Inbegriff des Schreckens. »Ja, der ist mir eindeutig lieber«, sagt er noch einmal.

Ist das möglich? Wie kann es sein, dass ein Mann wie Ali Hussein, gebürtig in einer von Taliban geschundenen Stadt, Angehöriger der von Taliban verfolgten Schiiten, dem Chef der Taliban den Vorzug gibt, ihm mehr traut als Karsai, mehr als jenem Präsidenten, der mit der Unterstützung des demokratischen Westens das Land regiert? Es muss etwas zu bedeuten haben, gerade jetzt, da die Taliban sich in dem einst ruhigen Norden des Landes festsetzen. Jetzt, da die Bundeswehr bei schweren Gefechten mit den Taliban in der Nähe der Stadt Kundus drei Soldaten verloren hat. Auch weil die Taliban sich in den Häusern von Zivilisten wie Ali verschanzt haben und der Bundeswehr (Karte des Einsatzgebietes) kaum Angriffsfläche bieten. Ist es denkbar, dass Ali Hussein mit seiner Meinung nicht alleine steht?

Man muss mit dem Massaker anfangen, um zu verstehen, was geschah und warum. Die Taliban eroberten im Dezember 1998 zum ersten Mal die Stadt Yawkalang. »Wir sind die neue Autorität. Ihr müsst unseren Befehlen folgen!«, ließen sie die Bewohner wissen, dann zogen sie einen Großteil der Truppen zurück und hinterließen eine kleine Garnison. Wenige Wochen später kam der lokale Kriegsherr Karim Khalili – heute Vizepräsident Afghanistans – aus den Bergen und griff die Garnison der Taliban an.

Als diese daraufhin mit Verstärkung anrückten, waren der Kriegsherr und seine Kämpfer verschwunden. Wieder ermahnten die Taliban die Bewohner, zogen ab und ließen eine kleine Truppe zurück. Wieder tauchte der Kriegsherr auf, wild um sich schießend, wieder verschwand er, und die Taliban rückten erneut an, diesmal in großer Zahl. »Noch einmal ein solcher Angriff, und ihr werdet alle bestraft!« Es endete mit dem Massaker vom 12. März 2001. Ein unvorstellbares Blutbad. Doch heute meint Ali Hussein: »Wenn die Taliban sagten, du darfst nur auf der linken Straßenseite gehen, und ich dem Befehl folgte, geschah mir nichts. Aber heute, bei dieser Regierung, weiß ich nicht, auf welcher Straßenseite ich gehen soll, um sicher zu sein. Sie verfolgen uns überall und jederzeit.«

Wenn ich den Befehlen der Taliban folgte, geschah mir nichts

Die Regierung, der Staat, sie sollen schlimmer sein als zur Zeit der Taliban?

In Yawkalang ist der Staat leicht zu finden. Haus des Gouverneurs, Polizeiwache, Gericht, Gefängnis – alles steht im Umkreis von ein paar Hundert Metern gleich hinter dem Basar. Die Regierungsgebäude sind renoviert, frisch gestrichen. Der Gouverneur allerdings ist heute nicht hier, gestern war er auch schon weg, und er sei, so sagt es der Beamte Ali Achmed, morgen auch nicht zu erwarten und übermorgen ebenso wenig, vielleicht aber, das könne durchaus sein, nächste Woche. Oder erst die übernächste?

Ali Achmed sitzt hinter einem Schreibtisch wie hinter einer Burgmauer. Die vielen Fragen wehrt er ab, indem er seine Antworten so ausschweifend formuliert, dass der Fragesteller am liebsten flüchten möchte. Doch plötzlich drängen Männer in Ali Achmeds Büro, rücken bis an die Kante des Schreibtisches, halten ihm Passfotos hin und umzingeln ihn. Sie wollen registriert werden, denn sie haben gehört, dass es nötig sei, einen Ausweis zu haben, wenn man sich nach Kabul aufmacht, um dort Arbeit zu suchen.

Der Staat, sagen die Männer, verlange dies. Sie sind jung, zwischen 20 und 30 Jahre alt, und es ist das erste Mal, dass sie einen Ausweis beantragen. Sie nennen den Namen ihres Vaters, ihres Großvaters, und Ali Achmed blättert in den Registern, die aus dem Jahr 1973 stammen, dem Jahr der letzten Volkszählung. Findet er den Namen, bekommt der Antragsteller einen Ausweis. Findet er den Namen nicht, dann, so erzählen die Männer später draußen vor dem Haus des Gouverneurs, müsse man eben bei der Suche ein wenig nachhelfen, mit der einen oder anderen Dollarnote. Dann finde man auch einen Vorfahren, den es nicht gab.