Gesellschaftskritik Über die großbürgerliche Familie
Der Wagner-Clan ist ein Gesamtkunstwerk, das seinen eigenen Regeln folgt
© Fabian Matzerath/dpa

Gottfried Wagner ist nicht zur Trauerfeier für seinen Vater eingeladen
Man muss heute schon etwas umständlich erklären, was es bedeutete, Patriarch eines großbürgerlichen Hauses zu sein. Der Patriarch mit all seiner Machtfülle war der gütigste Mensch, solange er die unbedingte Loyalität aller Familienmitglieder voraussetzen konnte. Vorausgesetzt wurde beispielsweise immer, dass die hässlichen Geheimnisse des Hauses gut gehütet wurden. Und die gab es naturgemäß zuhauf, mitunter alberne: Die Affäre des Enkels mit der Gärtnerin war misslich, gewiss, aber so ist nun einmal das schwache Fleisch. Darüber konnte der Patriarch hinwegsehen und resigniert seufzen: »Ein weites Feld.« Solange Verirrungen nicht zum Stadtgespräch wurden oder gar in der Zeitung standen, waren sie halbwegs tolerierbar. Verlangt wurde freilich, dass die Selbstverwirklichung der Töchter und Söhne nicht zulasten des Gesamtkunstwerks Familie ging. Persönliche Entfaltung, die sich heute ungehemmt Bahn zu brechen vermag, musste einst mit den familiären Normen ausbalanciert werden. Scheiterte man damals an den Gesetzen des Vaters, so scheitert man heute vorzugsweise an den eigenen Ansprüchen, was, nebenbei, vielleicht noch schmerzhafter ist.
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Als vorletzte Woche der Opernregisseur, Bühnenbildner und langjährige künstlerische Leiter der Bayreuther Festspiele Wolfgang Wagner starb, das dritte Kind des Komponisten Siegfried Wagner, Enkel des Komponisten Richard Wagner, Urenkel des Komponisten Franz Liszt, erinnerte man sich an dessen verlorenen Sohn Gottfried Wagner, heute 62, der vor vielen Jahren des Hauses verstoßen worden war. Gottfried hatte die Verstrickung des Wagner-Hauses mit dem NS-Regime öffentlichkeitswirksam thematisiert, unter anderem mit seinen autobiografischen Aufzeichnungen Wer nicht mit dem Wolf heult, die dem Vater mangelnde Distanz gegenüber braunen Nostalgikern unterstellen.
Zur Trauerfeier seines Vaters am 11. April ist Gottfried Wagner nicht eingeladen. Eine Versöhnung hätte der Patriarch vor seinem Tod nur zugelassen, so der Sohn, wenn er vollumfänglich und öffentlich den Inhalt seiner Autobiografie zurückgezogen hätte.
Man blickt noch einmal verwundert und erschrocken zugleich in eine längst untergegangene Welt, die das Ansehen, die Ehre, die Außenwirkung schlechterdings über alles stellte. Gottfried Wagner wirft seiner Familie mangelndes Mitgefühl vor. Das aber kann für eine Familie von sogenannter Ehre natürlich kein Kriterium sein.
- Datum 08.04.2010 - 15:29 Uhr
- Serie Gesellschaftskritik
- Quelle ZEITmagazin, 08.04.2010 Nr. 15
- Kommentare 4
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...offenbar von jemandem, der sich mit den Irrungen und Wirrungen großbürgerlicher Verhältnisse auskennt, sei es nun durch Studium oder Zugehörigkeit :)
Stimme zu. Ein schöner Artikel, der sich sehr gut liest.
Mein kleines Lob an den Autor.
Es sei hier aber auch noch einmal daraufhingewiesen, dass Wolfgang Wagner seiner Mutter Winifred 1976 Hausverbot auf dem Grünen Hügel erteilt hatte, weil sie in dem Syberberg-Film über sie allzu enthusiasmiert über 'USA' geplaudert hatte. Auch hat er den Anstoß zu der hervorragenden Biographie von Brigitte Hamann über Winifred Wagner gegeben, wohlwissen, dass dabei sehr viel unangenehmes über die braune Vergangenheit Bayreuths und die Verstrickungen der Familie ans Tageslicht kommen würde.
Dafür springt Christian Thielemann rasch ein und deklariert Wolfgang Wagner als "Ersten unter den Vätern".
Dieser Ersatzsohn wurde in Berlin gerichtsbestätigt mit der Äußerung "dann hat es mit der Juderei ein Ende" in Beziehung gebracht.
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