Frankreichs Gewerkschaft Strategie? »Wir haben keine«

Streikaktionen, Betriebsbesetzungen, Demos: Mit spektakulären Auftritten lenken Frankreichs Gewerkschaften von ihrer Schwäche ab – und arbeiten mit dem Staatspräsidenten zusammen

Rum-bum-bum! Kann nicht irgendjemand diesem Mann die Blechtrommel wegnehmen? Er hämmert nervtötend auf ihr herum. Außerdem schrillt seine Trillerpfeife, dass es in den Ohren schmerzt. Zehn Kollegen um ihn herum lärmen gleichfalls, unaufhörlich. Die Krachmacher arbeiten im Sicherheitsdienst des Wissenschaftsparks Cité des Sciences in Paris, sie streiken für längere Pausen. Die etwa dreihundert Eltern und Kinder, die in der Eingangshalle der Cité ihre Eintrittskarte lösen wollen, schauen gequält drein. Aber man kennt das. Kaum sind Ferien, schon stören Gewerkschafter das Vergnügen. Fernzüge und Flüge – irgendwas fällt sicher aus. Ist die Ferienzeit vorbei, wird im Nahverkehr gestreikt. Rum-bum! Triumphierend guckt der grauhaarige Trommler in die Runde. Für das Plakat mit den Forderungen der Streikenden interessiert sich niemand.

Frankreichs Gewerkschafter können einem ganz schön auf den Wecker gehen. Kürzlich wieder: Nationaler Aktionstag. Hunderttausende sind am 23. März auf den Straßen. Bei solchen Gelegenheiten gibt es dann abends im Fernsehen Aufmärsche mit Transparenten und roten Fahnen zu sehen, zu deren Inszenierung bengalisches Feuer und kokelnde Reifen ordentlich Rauch erzeugen. Später dann Bilder, auf denen der Präsident der Republik die Gewerkschaftsführer im Élysée empfängt, anschließend wettert er wieder einmal gegen Betriebsverlegungen und Spitzengehälter – leicht könnte man zu der Ansicht gelangen, Frankreichs Gewerkschaften seien die wahre Macht im Lande.

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Weit gefehlt. Sie mögen Demonstrationen zusammentrommeln, sind aber »nicht in der Lage, harte und lang anhaltende Streiks in einem Wirtschaftssektor zu organisieren«, wie Raymond Soubie sagt, Präsident Sarkozys Koordinator aller Sozialkonflikte. Er ist der Meister der Runden Tische, und es ist ihm bisher noch jedes Mal gelungen, Gewerkschaften, Arbeitgeber und die Politik zufriedenzustellen. Was ihm derzeit umso leichter fällt, als dass alle drei ihre schwachen Stellen haben. Die konservative Regierungspartei hat gerade eine empfindliche Abfuhr in den Regionalwahlen bekommen. Die krisengebeutelten Arbeitgeber haben Unterstützung nötig, zudem sind sie untereinander zerstritten. Und die Gewerkschaften gehören zu den schwächsten Europas.

Nur 7 Prozent der französischen Lohnabhängigen sind organisiert. In der EU ist es durchschnittlich ein Viertel. Im Privatsektor liegt der Organisationsgrad gar nur bei 5 Prozent; und die Mitglieder konzentrieren sich in der Großindustrie. Im Handel sind es 2,8 Prozent, die kleinen und mittleren Unternehmen sind praktisch gewerkschaftsfrei. Das ist mit »typisch französischem Individualismus« nicht zu erklären. Vor 50 Jahren lag der Organisationsgrad noch bei 28 Prozent. Seit Ende der siebziger Jahre indes verfällt die Gewerkschaftsbasis, rasanter als in vergleichbaren Ländern. Was ist geschehen?

Diese Frage haben die Soziologen Dominique Andolfatto und Dominique Labbé erforscht. Ihr Ergebnis: Die Gewerkschaftsapparate sind zu subventionierten, sich selbst genügenden Mechanismen der Postenverteilung verkommen.

Eine Eigenart des französischen Systems besteht darin, dass Gewerkschafter sowohl in den Betriebsrat als auch, sobald die Belegschaft die Zahl 50 erreicht, in ein »Betriebskomitee« gewählt werden. Letzteres besteht aus gewählten Vertretern sowie direkt von den Gewerkschaften entsandten Funktionären, den Vorsitz hat der Unternehmenschef. Dieses Gremium kümmert sich um Kantinen, Betriebsbibliotheken und Ferienplätze, verteilt Theater- und Kinokarten, außerdem muss es vor bestimmten Entscheidungen gehört werden. Dazu kommen etliche weitere Komitees und Arbeitsgruppen – viele Gelegenheiten, sich abseits des Jobs zu tummeln. Die Zahl der betrieblichen Funktionen allein im privaten Sektor schätzt der Soziologe Gérard Adam auf eine Million; sie werden von etwa 400.000 Funktionären wahrgenommen.

Leser-Kommentare
  1. Ich kenne zwar meinen Vorredner nicht, aber ich lebe in der gleichen Stadt nur schon neun Jahre mehr.
    Der Artikel spiegelt sehr gut das Streiksystem in Frankreich wider. Lange Streiks, die wirklich schmerzen würden gibt es nicht. Es gibt ja auch keine Streikkasse. Es ist immer ein Lohneinschnitt. Auffällig ist die Anzahl der "Warnstreiks" des öffentlichen Sektors. Busse, Bahnen, Post usw. Auch wenn ein Fahrer von irgendjemanden angegriffen wird, müssen alle anderen laufen. Das trägt nicht gerade dazu bei, dass man in den Gewerkschaften Hilfe sucht. Was wohl gut funktioniert sind die Prud'homme, die französischen Arbeitsgerichte in der Hand von Arbeitgebern und -nehmern.
    Der private Sektor bleibt häufig von dieser Art Streik verschont. Oft kommen diese Aktionen erst, wenn alles schon zu spät ist. Dann gibt es diese Freiheitsberaubungen von leitenden Angestellten. Das ist im Prinzip ungeheuerlich, dass Menschen festgehalten werden.
    Ich habe auch schon mal gehört, dass die grösste Gewerkschaft immer zufrieden wäre, wenn wieder ein "Kapitalist" Bankrott sei. Nun gut. Die Gewerkschaftler scheinen ja bezahlt zu sein.
    Ich kenne das Gewerkschaftsleben in Deutschland nicht wirklich aber auch dort ist die Bedeutung und die Kraft in den letzten Jahren gesunken.
    Links der Mitte ist in den letzten zwei Jahrzehnten in einen Nebel gefahren. Nur die Tagespolitik diktiert die kurzfristigen Ziele.
    Es ist interessant zu lesen, was andere über das Land denken, in dem ich schon eine Weile lebe.

  2. ... zum Beispiel für Themen aus Lyon.

    herzlich,

    gero.von.randow@zeit.de

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