Ein einziger Satz eines politischen Freundes genügte, um Norbert Röttgen (CDU) alt aussehen zu lassen. "Keine Diskussion über alternative Standorte, sonst zünden wir die ganze Republik an."

Die Warnung kam von Max Straubinger, dem stellvertretenden Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Und sie kam prompt. Straubinger meldete sich kurz nachdem Röttgen Mitte März angekündigt hatte, er werde das einst von Rot-Grün verhängte Moratorium aufheben und weiter erkunden lassen, ob der Salzstock im niedersächsischen Gorleben als atomares Endlager geeignet sei. Selbstverständlich, so der Bundesumweltminister, werde die Erkundung "ergebnisoffen" sein. So, wie es im Koalitionsvertrag steht.

Wie denn sonst?

Weil Röttgen freilich nicht kategorisch ausschloss, dass bei der Erkundung auch herauskommen könnte, der umstrittene Standort im Wendland sei ungeeignet, den gefährlichen Strahlenmüll für eine Million Jahre sicher aufzunehmen, roch der Niederbayer Straubinger Lunte. Könnte ja sein, dass jemand auf die Idee kommt, in diesem Fall nach einem alternativen Standort für die Atommüllkippe im Süden Deutschlands zu suchen.

Plötzlich wäre Gorleben tatsächlich nicht nur im nordöstlichen Zipfel Niedersachsens, sondern überall, wie die Anti-AKW-Bewegung schon lange tönt. Auch in Bayern.

Ein halbes Jahr nach ihrem Wahlsieg kommt die schwarz-gelbe Koalition in der atompolitischen Wirklichkeit an: Ein Machtkampf ist entbrannt um ihr bisher nur vage formuliertes Vorhaben, die Meiler länger als im rot-grünen Ausstiegsgesetz vorgesehen am Netz zu lassen. Jetzt gesellt sich dazu der wieder aufflammende Streit um das nukleare Endlager.

Erst einmal müssen sich die süddeutschen Unionisten, die präventiv die Endlagersuche in ihren Gefilden abwehren wollen, nicht sorgen. Bis auf Weiteres will Röttgen tatsächlich nur Gorleben konkret erkunden lassen. Diesen vor 33 Jahren erstmals als mögliches Endlager benannten Standort umgibt allerdings ein hässlicher Verdacht: Nicht geologische Erkenntnis, sondern politische Opportunität soll ihn qualifiziert haben.

Die Atomgemeinde, so glauben die Nukleargegner, hat jahrzehntelang getäuscht und getrickst.

Nun eskaliert die Situation. Röttgen will den umstrittenen Endlagerstandort weiter erkunden lassen, während unter anderem der Unions-Fraktionschef Volker Kauder darauf drängt, Kernkraftwerke deutlich länger laufen zu lassen – was auch deutlich mehr atomaren Müll bedeuten würde. All das hat die Atomkraftgegner bereits in Alarmstimmung versetzt. Und die Lage wird von Tag zu Tag explosiver.