Das ist mir heilig Hand in Hand
Gott in Buchenwald: Für einen flüchtigen Moment anwesend
© Pete Souza/The White House via Getty Images

Barack Obama, der Holocaust-Überlebende Elie Weisel und Angela Merkel legen eine Rose in der Gedenkstätte Buchenwald ab
Wie ich das Heilige erfahren habe? Das war, als ich Jorge Semprúns Roman Die große Reise las, in dem er schildert, wie er das Eintreffen einer Güterwaggonladung polnischer Juden in Buchenwald miterlebte. Bei der Ankunft waren alle Gefangenen erfroren, mit Ausnahme von 15 Kindern, die inmitten des Knäuels von Körpern warm gehalten worden waren. Nachdem sie die Kinder aus dem Waggon geholt hatten, ließen die Nazis ihre Hunde auf sie los. Bald waren nur noch zwei Kinder übrig: »…der kleinere begann zurückzubleiben, die SS-Männer brüllten hinter ihnen, auch die Hunde begannen zu brüllen, der Blutgeruch brachte sie außer sich, aber da hielt der größere der Jungen im Laufen inne und nahm die Hand des kleineren, der schon stolperte, und sie legten zusammen noch ein paar Meter zurück, die linke Hand des Jüngeren in der rechten des Älteren, bis die Knüppel auch sie niederstreckten und sie nebeneinander mit dem Gesicht zu Boden fielen, ihre Hände auf immer vereint.«
Es ist die reine substanzlose Oberfläche solcher für die Ewigkeit fixierter Bilder, nicht eine tiefere Bedeutung oder Botschaft, die in der trostlosen Geschichte der Schoah Momente der Erlösung möglich macht: In solchen Momenten, kann man sagen, war Gott, die göttliche Dimension, trotz allem in Buchenwald anwesend. Es lässt sich leicht vorstellen, wie diese Szene verfilmt werden sollte: Während die Tonspur das reale Geschehen vermittelt (die beiden Kinder werden zu Tode geprügelt), bleibt die Kamera auf ihren ineinander verschränkten Händen stehen, die für alle Ewigkeit eingefroren werden. Während der Ton die gewöhnliche Realität wiedergäbe, gäbe das Bild das Heilige wieder. Weder Menschen noch Dinge, sondern allein solche flüchtigen Momente, in denen die Ewigkeit erscheint, verdienen es, das Heilige genannt zu werden.
Aus dem Englischen von Michael Adrian
Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, geboren 1949 in Lubljana, veröffentlichte zuletzt auf Deutsch den Essayband »Auf verlorenem Posten« (Suhrkamp)
- Datum 09.04.2010 - 15:22 Uhr
- Serie Das ist mir heilig
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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