Hoteltest Weibliche Formen
Das Mandarin Oriental in Barcelona zeigt, wie man aus einem Bankhaus einen heimeligen Ort macht.
Hotels sind eine Männerwelt. Vor allem unter den Hoteldesignern gibt es wenige Frauen. Das verwundert deshalb, weil das Häusliche und Wohnliche allgemein als Frauensache gilt, besonders dann, wenn es um die Einrichtung intimer Bereiche wie Schlafzimmer und Badezimmer geht. Die Besitzerin des Mandarin Oriental in Barcelona, Maria Reig, hat sich bewusst für eine Frau entschieden und die Spanierin Patricia Urquiola für die Gestaltung des Hotels engagiert. Urquiola ist durch ihre Caboche bekannt geworden, eine Hängelampe, die aussieht wie ein überdimensionaler Diamantenring. Sie hängt weltweit in vielen gestylten Restaurants und Läden. Das Mandarin Oriental ist Urquiolas erstes Hotel – und es ist das teuerste und luxuriöseste der Stadt. Die Frage jedoch ist: Hat die Designerin es geschafft, das ehemalige Bankgebäude in ein Hotel zu verwandeln, in dem man sich als Gast wohlfühlt und in dem die Zimmer auch sinnvoll gestaltet sind?
Zum Hotel gelangt man über eine Rampe, die von Barcelonas bedeutendster Einkaufsstraße Passeig de Gràcia über einen Hof zum Hinterhaus des Gebäudes führt. Die Lobby ist hell, naturfarben, anemonenweiß und sand. Zwei lange, tiefe Sofas aus weichem Leder trennen den Empfangstresen vom Concierge. Hier würde man am liebsten die Beine hochlegen und einen Tee trinken. Ein markantes Objekt fällt auf, es hängt vor einer Glaswand von der Decke herunter. Urquiola muss dabei wohl an die indischen »Jalis« gedacht haben, jene fein vergitterten Palastfenster, durch die Frauen das Geschehen auf der Straße beobachten können, ohne selbst gesehen zu werden. Denn das rechteckige weiße Metallgitter, hübsch gemacht, schützt die Restaurantgäste vor neugierigen Blicken aus der Lobby.
Das Restaurant Blanc hat loftartig hohe Wände, durch die Glasdecke fällt Tageslicht ein. Die Gestaltung des Raumes hätte schnell steif und überrepräsentativ werden können. Urquiola hat daraus jedoch ein lässiges Gemisch aus Restaurant und Lounge gemacht. Moderne Interpretationen von Ohrensesseln, ganz in Weiß, und Sofas in hellem Grau wechseln sich ab mit weiß gedeckten Tischen und im hohen Bogen geschwungenen Stehlampen. Hinzu kommen, was man in designten Hotels seit Jahren nicht mehr sieht, Töpfe mit üppigen Grünpflanzen, die den Raum angenehm beleben. Das besondere Objekt des Restaurants ist ein antiker Holzbügeltisch aus Frankreich. Auf ihm richtet das Team um die Chefköchin Carme Ruscalleda (ihr eigenes Restaurant außerhalb von Barcelona wurde mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet) liebevoll ein vorbildliches Frühstücksbuffet an: Es gibt nur ein paar ausgewählte Produkte, die aber sind von feinster Qualität. Selbst gemachte Konfitüre, Obst der Saison und Schinken von Bauernhöfen aus der Region. Die Eierspeisen werden frisch zubereitet und zum Tisch gebracht. Und wer im zarten Licht der Morgensonne frühstücken möchte, geht hinaus in den Innenhof, den die Landschaftsarchitektin Bet Figueras zu einem Stadtgarten verwandelt hat. Dutzende Mimosen stehen hier in fast mathematischer Anordnung, anmutig, zart, duftend. Vom Trubel der Stadt bekommt man nichts mehr mit.
- Datum 14.04.2010 - 15:32 Uhr
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- Serie Hoteltest
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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