Kreativität im Fußball Das Elend der Perfektion
Sind Fußballspieler eigentlich kreativ? Fragen an den Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht
© LLUIS GENE/AFP/Getty Images

Kreativ in wenig kreativen Zeiten für Fußballer: Barcelonas Stürmer Lionel Messi
Die Champions League geht in ihre entscheidende Phase. Aber ist Fußball nicht langweilig geworden? Sind die Spieler Opfer von Systemzwängen? Hans Ulrich Gumbrecht, Professor in Stanford, ist zurzeit Fellow der Carl Friedrich von Siemens Stiftung und einer der wenigen Theoretiker des modernen Sports
Die ZEIT: Kein Fußballreporter, kein Experte kommt heute ohne den Begriff »kreativ« aus. Günter Netzer nutzt die Vokabel gern zehn- bis fünfzehnmal pro Analyse. Meist weiß man nicht so recht, was er damit eigentlich genau meint. Herr Gumbrecht, wann ist denn ein Fußballspieler kreativ?
Hans Ulrich Gumbrecht: Oberflächlich dahingesagt, meint kreativ im Fußball »überraschend«. Der Begriff war ja ursprünglich ein Gottesprädikat. Die Macht, zu schöpfen, also etwas Neues zu schaffen. Ein Spieler ist dann kreativ, wenn er etwas Unvorhersehbares zustande bringt. Wenn ein Spieler – im Wortsinn – etwas Neues macht, das der Gegner nicht kennt, und er sich damit eine Chance erspielt. So weit, so banal. Doch die dahinterliegende Frage lautet eigentlich: Wie viel Kreativität lässt der moderne Fußball überhaupt noch zu? Deutlich weniger als zu den Spielerzeiten von Günter Netzer. Da mag er den Begriff heute noch so oft verwenden.
ZEIT: Wie kommt das?
Gumbrecht: Das taktische Korsett im internationalen Fußball wird immer enger – auf höchstem technischen Niveau, versteht sich. One-Touch-Fußball erinnert mich an Handball. One-Touch bedeutet doch nichts anderes, als dass der Ball so lange durch die eigenen Reihen wandert, bis in der Abwehrformation einer ein bisschen falsch steht und sich die Chance auf einen Durchbruch bietet. Dabei muss jeder einzelne Spieler so gut sein, dass er im Zweifelsfall das Tor machen kann. Wenn die Abwehrspieler gut arbeiten, und das ist meistens der Fall, bleibt das Spiel ziemlich langweilig. Mir jedenfalls kommen die 90 Minuten oft verdammt lang vor.
ZEIT: An welches Spiel denken Sie dabei?
Gumbrecht: Ach, an fast alle. Aber nehmen wir das sogenannte Spitzenspiel Bayern gegen HSV. Es steht ewig null zu null. Gute Abwehrarbeit auf beiden Seiten. Kaum Chancen, obwohl Spieler und Ball ständig in Bewegung sind. Und irgendwann hat Ribéry die Nase voll. Er hält den Ball mal länger, als er soll. Entgegen der Spielphilosophie van Gaals spielt er nicht ab, sondern zieht in den Strafraum und macht das eins zu null. Dabei bleibt es dann natürlich, denn kein anderer Spieler hatte in den kommenden fünfzehn Minuten noch einen kreativen Moment. Wird man sich an dieses Spiel noch lange erinnern? Natürlich nicht. Diese Situation ist keine Ausnahme, sie ist die Regel in einem taktisch verregelten Fußball. Und selbst die ganz großen Spieler wie Messi, Cristiano Ronaldo oder eben Ribéry können hier und da mal einen Akzent setzen und aus dem verregelten System ausbrechen. Aber die große Zeit der Kreativität im Fußball ist vorbei.
ZEIT: Das klingt ja eigentlich paradox. Die individuellen Spieler und die Kollektivleistung der Mannschaften werden immer besser. Der Fußball wird aber immer uninteressanter.
Gumbrecht: So ist es. Eine meiner Lieblingsmannschaften in der Vergangenheit war die niederländische Nationalmannschaft um Johan Cruyff. Also die Fußball-total-Mannschaft, die 1974 und 1978 den vermutlich attraktivsten Fußball der Sportgeschichte gespielt hat. Die würde heute gegen eine mittelmäßige Bundesliga-Mannschaft verlieren. Mit Cruyff hatte sie aber einen Führungsspieler, der im damaligen Spiel jederzeit vollkommen überraschende Spielsituationen herbeiführen konnte. Gleiches gilt übrigens für Franz Beckenbauer. Ich habe ihn in den sechziger Jahren oft an der Grünwalder Straße gesehen, als Bayern gerade in die Bundesliga aufgestiegen war. Wenn der seine Pässe schlug, hatte man immer den Eindruck: Der Ball geht jetzt irgendwo ins Nichts. Und dann landete er absolut überraschend vor den Füßen von Gerd Müller. Wenn man so will, bestimmte Beckenbauer in seiner Interpretation des Liberos das Spiel systematisch durch Überraschung. Eine solche Rolle war vor Beckenbauer nicht vorgesehen. In diesem Sinne war er sicher der kreativste Spieler, den Deutschland je hatte.
ZEIT: Liegt auf der internationalen Kreativspieler-Ewigen-Besten-Liste Pelé oder Maradona vorn?
Gumbrecht: Da gibt es in der Wahrnehmung eine Verschiebung. Vor zehn oder fünfzehn Jahren musste man auf diese Frage Pelé sagen. Heute dürfte die Einschätzung unter Experten mindestens fünfzig-fünfzig ausfallen. Maradona war ein Spieler, der in seinen besten Jahren auf Knopfdruck kreativ sein und entscheidende Momente herbeiführen konnte. Der holte sich hinter der Mittellinie den Ball, beschleunigte über 30 oder 40 Meter, und man konnte sicher sein: Jetzt passiert etwas Gefährliches. Pelé war der in jeder Hinsicht perfekte Spieler. Maradona der Mann der Ereignisse.
ZEIT: Das wäre heute schon deshalb nicht mehr möglich, da das Mittelfeld defensiv viel zu stark arbeitet.
Gumbrecht: Richtig. Womit wir fußballhistorisch bei dem entscheidenden Punkt wären. Der Fußball ist heute – zumindest ab Champions-League-Niveau – so systematisch, weil alle Spieler von der Athletik, den technischen Fertigkeiten und ihren defensiven Qualitäten im Prinzip auf allen Positionen spielen können. Und dies sehr gut. Spieler wie Lucio, die nur noch die Defensive beherrschen, gibt es kaum mehr. One-Touch-Fußball ist also eine Nivellierung der Fertigkeiten durch Perfektion. Und die ist eben nicht gut für die Kreativität des einzelnen Spielers. Und auch nicht gut für die Kreativität des Systems.
- Datum 07.04.2010 - 11:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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"Der Fußball ist heute – zumindest ab Champions-League-Niveau – so systematisch, weil alle Spieler von der Athletik, den technischen Fertigkeiten und ihren defensiven Qualitäten im Prinzip auf allen Positionen spielen können. Und dies sehr gut. Spieler wie Lucio, die nur noch die Defensive beherrschen, gibt es kaum mehr"
Das ist absoluter Unsinn. Soll jetzt Puyol die Tore schiessen und Messi in der Abwehr stehen?
Die Spieler können nicht auf allen Positionen spielen. Für jeden, der etwas von Fussball versteht ist das einleuchtend.
Ausserdem ist doch gerade Lucio ein defensiver Spieler der auch mal mit dem Ball nach vorne stürmen kann. Das war besonders in seinen Anfangszeiten bei Bayern zu beobachten. Den Lucio muss man geradezu festketten um ihn davon abzuhalten nach vorne zu stürmen und auch mal ein Tor zu schiessen.
Das Pelé zum Fußballer des Jahrhunderts geworden ist, wäre ohne Maradona sicher eine gänzlich zweifelsfreie Angelegenheit gewesen, wie die beobachteten Veränderungen mit höherem Spieletempo, stärkerer Atletik usw.
Wer sonst ?
Da fällt nur Maradona ein, aber bei dem fällt halt irgendwie die Mannschaft weg. Er hätte eigentlich eine eigene Kategorie gebraucht.
Aber was der prägende Eindruck durch Maradona eben leider auch ein bisschen vergessen gemacht hat, ist, daß es sich nun mal um eine ausgesprochenen Mannschaftsportart handelt.
Das war bestimmt nicht von Maradona gewollt, aber eine deutliche Individualisierung im gesamten Umfeld und in der Darstellung dieses Sports, und vor allem des einzelnen Spielers, hat er zumindest indirekt bewirkt.
Pelé hätte ich persönlich auch gewählt, weil er das repräsentierte was Fußball eben so ausmacht.
Und trotzdem ist es doch unmöglich zu sagen, Maradona wäre ein schlechterer Fußballer wie Pelé gewesen.
Ich weiß auch nicht ob sich durch Maradona das allgemeine spielerische Niveau so gesteigert hat, daß Messi nicht derart, von der eigenen Mannschaft losgelöst, aggieren kann wie Maradona das noch konnte, denn das war ja, meinem Empfinden nach, das, was es bis dahin so nicht gab.
Maradona konnte jederzeit das Ereignis selbst sein. Oder zumindest hatte man immer damit zu rechnen.
Was ja auch schnell verstanden wurde, und er deswegen evtl. seinen "Zidane" schon etwas früher absolvieren durfte.
Das mit Lucio ist mir auch aufgefallen, stimmt. Der ist sicher ein ziemlich unpassendes Beispiel. Sogar eher das Gegenteil eiens Beispiels dafür.
Was der Herr Gumprecht ganz richtig feststellt und sogar noch unterbewertet, ist das die Bedeutung der holländischen Mannschaft in dem angesprochenen Jahrzehnt.
Wer mal die Gelegenheit hat, sollte sich die alten WM Aufzeichnungen ansehen. Da gab es bei Eurosport vor der WM 1998 eine wochenlange Reihe von all den alten Weltmeisterschaften, und ab 1978 haben die ganzen Topmannschaften eine relativ plötzliche Niveausteigerung erkennen lassen, die ganz eindeutig auf die Holländer zurück zu führen ist. Da hat deren Kreativität "den Fußball" dazu inspiriert sich auf ein anderes Niveau zu befördern. Sicher kommen da noch ein paar Kleinigkeiten dazu, wie die Abschaffung des »Ballhalten«, durch den Torwart.
Außerdem denke ich, wird auch der "Ausgangspunkt" Maradona, als Vorlage für den One-Touch Fußball oder als Inspiration bei vielen Trainern, unterbewertet.
es ist ja schön, wenn sich auch ein Literaturwissenschaftler mit Fußball beschäftigen mag. Aber zwei Wochen nach Robbens Geniestreich gegen Schalke über die fehlende Kreativität im Fußball zu lamentieren, ist schon lustig. Der junge Mann hat ja nicht ganz unrecht: Fußball wird sehr stark von der Taktik geprägt. So neu ist diese Erkenntnis freilich genauso wenig wie diese Entwicklung. Wem Fußball nur von einem vier-null aufwärts an Spaß macht, dem ist nicht zu helfen. Natürlich ist sowas schön, aber doch nicht der Normalfall - und das ist es auch nie gewesen. Und ich bin alt genug, die großen Zeiten von Beckenbauer und Cruyff erlebt zu haben; das war toll, was die konnten, aber lauffaul waren sie wie Günter Netzer.
Ich kann MaximilianB25 und anderen Vorrednern nur zustimmen.
Allein, was Lionel Messi gestern mit Arsenal veranstaltet hat, widerlegt doch den Herrn Gumbrecht komplett. Das System Barcelonas ermöglicht es ihm, über seine individuelle Klasse - die sonst niemand hat - das Spiel zu dominieren. Und wenn auch nicht so dermaßen und unvergleichlich überragend wie gestern, hat er ja oft genug auch schon andere Spiele in ähnlicher Weise geprägt. Und das ist in jeder Hinsicht das Gegenteil von dem, was unser kluger Literaturprofessor da sagt: das System bringt einmalige, individuelle Klasse zur Geltung, erstickt aber nicht jede "Kreativität" unter völlig austauschbaren Spielern.
Das ist wahrscheinlich mal wieder nur so ein Fall, wo ein Wissenschaftler ein populäres Thema für überschaubar genug hält, um mit ein wenig halbgarem, akademischem Geplapper genügend Eindruck zu schinden, damit es für ein wenig Medienpräsenz reicht.
Dies muss ich noch ergänzen: Der Herr Gumbrecht widerspricht sich da doch auch von vorne bis hinten. Einerseits sind alle Spieler mehr und mehr austauschbar, andererseits muss man Spielern erlauben, aus dem System auszubrechen, um ihre "individuelle Klasse" einzusetzen. Einerseits geht es bei der Kreativität also wieder um ein Durchbrechen des Systems, andererseits ist Lionel Messi aber wieder auf das System Barcas angewiesen, um seine individuelle Klasse zu zeigen. Zum dritten: Völliger Unsinn, was der Mann da von sich gibt. Aber, das muss man ihm zugestehen, streut er ja wenigstens ein, wie sich das Thema "systemtheoretisch" begreifen lässt. Wenigstens den den Hipfaktor hat er damit auf seiner Seite.
@schmierfink
Vielleicht soll der Artikel ja eine Anregung zu einer Diskussion sein, wer weiß wie das dann literarisch ausgewertet wird ?
Was Sie geschrieben hatten :
"Allein, was Lionel Messi gestern mit Arsenal veranstaltet hat, widerlegt doch den Herrn Gumbrecht komplett."
hatte ja der Herr Gumprecht schon selbst irgendwie bestätigt, denn was er da meinte ist ja kaum nachvollziehbar, wenn man mal überlegt :
"One-Touch-Fußball ist also eine Nivellierung der Fertigkeiten durch Perfektion. Und die ist eben nicht gut für die Kreativität des einzelnen Spielers. Und auch nicht gut für die Kreativität des Systems."
Das kann doch nicht ganz passen ?
Auch wird zB. mal Rio Ferdinad seine Karriere beenden und dann ist ein Spieler wie Jürgen Kohler weg, und dessen Individualität wir fehlen.
Messi wird in der Abwehr sich kaum eine solche Lücke hinterlassen können.
[entfernt. Bitte verzichten Sie auf die Freigabe von Adressen Dritter. Vielen Dank. Die Redaktion/ew]
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