Luchs Nr. 279 »Es tropft, es tropft, sein Herz und meines klopft«
Lyrik und Kind passen hier zusammen wie nix: Jürg Schubigers Gedichte »Der Wind hat Geburtstag«
Das könnte einem so passen: Ein Reim auf Leim, Sang zu Klang, Traum zu Baum, dies ein paar Verse lang, und so bis zuletzt, bis das liebe Kind schläft, vom Rhythmus der Verse wie vom Herzschlag gewiegt. Kindgerechte Reimerei, sozusagen. Aber schöner, wahrer passt es doch anders: »Was braucht’s für ein Gedicht? / Ein Wort, das reimt, mehr nicht. / Der Reim ist das, was leimt. / So gibt sich Schicht um Schicht. / Als Schlusswort wäre Specht nicht schlecht. / Viel schöner aber ist Habicht.« Und fertig ist dies Gedicht, es heißt Rezept, inklusive aller Zutaten: Binnenreime, Alliterationen, Paronomasien, schließlich der habichtmäßig abstürzende Jambus. Im Zweifel, Herr Specht, für die Schönheit!
Ein Gedicht ist so ein schöner Zweifelsfall, uneindeutig, hoch konzentriert, mit dem Material der Sprache spielend, es ist geschichtete Bedeutung, die sich selbst infrage stellt, aufgespannt zwischen Subjekt, Welt und Worten, und diesen Zweifelsfall kennt jedes Kind, aus Erfahrung, weil es Augen und Ohren hat, Sprache und Verstand. Nicht schlecht, Herr Specht, das ist die Redensart. Das Übliche. Viel schöner aber ist Habicht.

Der Zürcher Dichter und Schriftsteller Jürg Schubiger hat Gedichte verfasst, die einen in Staunen versetzen können. Denn er hat als Erwachsener Gedichte für Kinder geschrieben, die nicht pädagogisch-sinnvoll-kindgerecht sind, nicht Lautmalerei-Nonsens, sondern Gedichte, auf der Höhe der Kunst, zu den wesentlichen Fragen und Dingen, versammelt im Band Der Wind hat Geburtstag. Und Wiebke Oeser, die schon das Kinderbuch Wo steckt Pepe? des Dichters Charles Simic mit dem farbigen Minimalismus ihrer Zeichnungen illustriert hat, hat nun auch in Schubigers Buch durch die Sparsamkeit ihrer bunten Striche die Deutungsoffenheit der Gedichte ins Bild gesetzt.
Man möchte, mit diesem Gedichtband in der Hand, auch wie der Wind Geburtstag haben und sinnen und sitzen und diesen Sperling sehen: »Es blitzt, es blitzt, / ein Sperling sinnt und sitzt. / Es tropft, es tropft, / sein Herz und meines klopft.« Nicht klopfen: »klopft«. Es ist in diesem naturpoetischen Gewitter-Moment, im Singular der dritten Person, ein und dasselbe Herz, das klopft, und wer will, darf nebenbei ruhig an die Liebenden im Werther denken, die auch in der Erfahrung des Gewitters wie ein Singular eins sind, wie hier nun der Sperling und das Ich.
Manche vermeintlich erwachsene Kompliziertheit der gegenwärtigen Lyrik ist in Schubigers Gedichte hineingewoben: das unzusammenhängende Ich, die Dissonanz zwischen Mensch und Natur, die sprachliche Weltumerschaffungsutopie, die medialen Techniken von Desillusion, Parodie, Auflösung. Auch die großen Themen sind da: Liebe, Gewalt, Verlassenheit, Glück, Verzweiflung, Gott, Natur. Aber in Jürg Schubigers Texten ist all dies Komplizierte umgewandelt.
Diese Gedichte haben Ballast abgeworfen. Sie sind so frei, sich auf das zu konzentrieren, worauf es ankommt, und dem Adressaten zuzutrauen, das er sich seinen Reim dazu leimt. Denn erst im Leser kommt ja ein Gedicht bei sich an oder, mit Schubiger gesagt, ein Doch zum Loch. Keinmal eins : »Keinmal eins ist keins. / Einmal eins ist meins. / zweimal eins sind ich und du, /dreimal eins die Kuh dazu«, und so fort.
Jürg Schubinger:Der Wind hat Geburtstag. Mit Illustrationen von Wiebke Oeser; Peter Hammer Verlag, 2010; 48 S., 12,90 €
- Datum 20.04.2010 - 12:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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