Kinofilm "Zeit des Zorns" Grün ist die Farbe der Revolution
Rafi Pitts großer Film "Zeit des Zorns" erzählt von jenem Iran, über dem die Macht der Mullahs wie eine Grabplatte liegt
© Neue Visionen Filmverleih

Bilder für das Unsichtbare. In "Zeit des Zornes" begegnet Ali Alavi der staatlichen Gewalt mit willkürlicher Aggression
Kafkas Schloss steht heute in Teheran. Im Schloss herrschen die Gotteskrieger, gehüllt in den schwarzen Faltenwurf der Theokratie. Die Augen der Geheimpolizei sind überall, sie schlägt zu, wann sie will und so oft sie will. Jeder ist verdächtig, jeder kann schuldig werden, und wer nicht für das Regime ist, ist bereits dagegen. Der absolute Schrecken aber haust hinter den staatlichen Mauern, Irans Zuchthäuser sind die furchtbarsten der Welt, vor allem das Evin-Gefängnis, und wen man darin nicht zu Tode foltert, den lässt man oft einfach verrecken. Es gibt Todesschwadronen in Zivil, sie schießen Demonstranten in den Kopf und stürzen missliebige Studenten »zur Warnung« vom Dach der Universität. Und alles im Namen Gottes.
Der Filmemacher Rafi Pitts wurde in Iran geboren, er verbrachte seine Jugend in England, studierte Film- und Fotografie und ist heute einer der bekanntesten Vertreter des iranischen Kinos. Inzwischen lebt er in Paris, und nach seinem jüngsten Film wäre es ein politisches Wunder, wenn der linke Patriot in sein Heimatland zurückkehren dürfte. Als die Polizei im März die Teheraner Wohnung des bekannten Regisseurs Jafar Panahi stürmte, nahm sie auch Rafi Pitts Regieassistenten Mehdi Pourmoussa fest; er kam später wieder frei, Panahi sitzt bis heute im Gefängnis. Das war schon einmal eine Warnung, und man ahnt, warum. Rafi Pitts zeigt in Zeit des Zorns nämlich nicht nur, was alle wissen. Er zeigt nicht nur, dass die iranische Religionsdiktatur ein zu Recht berüchtigtes Killer-Regime ist, sondern dass sie das Glück ihrer Bürger auf dem Gewissen hat. Iran ist ein Friedhof der Lebenden, denn die Macht der Mullahs liegt wie eine Grabplatte über dem Land. Diese Macht sieht man nicht, man ahnt sie nur, sie ist dumpf, brutal und dämonisch. Unsichtbar, aber allgegenwärtig – das ist die Signatur des totalitären Staates. Er zermürbt die Menschen, er infiltriert ihre Fantasien, Gefühle, Gedanken und schwärzt die Farben des Lebens. Bleischwer ist der Alltag, selbst die einfachsten Verrichtungen bekommen etwas Träges und Mühsames, und schon das Füttern der Katze ist eine Last. Nur die Farben in der Wohnung, der Teppich, die Tapeten, die Sofakissen, glühen im Dunkel, als warteten sie auf das erlösende Licht.
In Zeit des Zorns versucht Rafi Pitts das Unmögliche: Er will das Ungreifbare der Macht greifen; er sucht Bilder für das Unsichtbare, für die drückende, die buchstäblich existenzielle Allgegenwart des Staates. Ali Alavi, die Hauptfigur, gespielt von Rafi Pitts selbst, ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden und macht sich auf die Suche nach Arbeit. Er findet eine Stelle im Wachdienst einer Autofabrik, aber weil er vorbestraft ist, gibt man ihm nur die Nachtschicht, und so hat er kaum Zeit für seine Frau (Mitra Hajjar) und seine sechsjährige Tochter. Dann und wann entflieht Ali der dröhnenden Metropole und geht auf die Jagd, manchmal fuchtelt er mit seinem Gewehr grimmig in der Luft herum, als stelle er einem Dämon nach, einem großen unsichtbaren Gespenst. Ali ist der einsame Jäger, der im Unterholz einen Feind zur Strecke bringen will, bevor er selbst dran glauben muss. Einmal richtet er sein Jagdgewehr drohend in die Kamera, als sei sie der gesuchte Feind, das impertinente Auge des alles sehenden Staates.
Der Wald, das Revier der Freiheit, ist nicht schön, er hat etwas Graues und Eintöniges, als liege über der »freien Natur« ebenso eine Bedrückung wie über dem Großstadtdschungel mit seinen ewig langen Betonbahnen, auf denen selbst die Bewegung der Autos etwas Gefrorenes hat. Später wird Ali zum Meer fahren und das freie Spiel der Wellen betrachten. Aber das Spiel ist nicht frei, das Licht ist kalt und bleich, fast so, als falle auch das Meer in den Herrschaftsbereich der Diktatur. Sogar die Natur, suggerieren diese Bilder, ist unfrei und von Gegenwart vergiftet, während die iranische Geschichte zum Stück Natur versteinert ist. Ali blickt hinaus, und vom offenen Meer aus nähert sich – ein Polizeihubschrauber.
Iran, scheint Rafi Pitts zu sagen, ist ein modernes Land, aber es ist eine Moderne ohne Freiheit, also eine reaktionäre Moderne, in der die Gedanken nur daran denken, dass sie nicht frei denken dürfen. Im Autoradio läuft eine Hasspredigt von Ajatollah Chamenei, eine höhnische Antwort auf Obamas Friedensangebot an die muslimische Welt, gespickt mit teuflischen Drohungen gegen den Westen. Dann hört man die Rufe von Demonstranten – »Nieder mit dem Diktator« –, aber zu sehen bekommt der Zuschauer nichts. Am nächsten Tag ist die Wohnung plötzlich leer, Frau und Kind sind verschwunden, niemand weiß, wo sie stecken. Ali geht zur Polizei, doch die Gesetzeshüter lassen ihn warten, Stunde um Stunde. Dann führt man ihn in die Gerichtsmedizin und zeigt ihm eine Leiche, es ist Sara, seine Frau. Sie wurde bei einer politischen Demonstration erschossen, vielleicht von der Polizei, vermutlich aber von »Rebellen« – sagt der Inspektor. Alis Tochter dagegen bleibt verschwunden. Stumm und starr sucht Ali das Viertel ab, zeigt Passanten Fotos der Vermissten, fragt in einem Waisenhaus, wartet vor der Schule, vergebens. Tage später zeigt ihm die Polizei im Leichenschauhaus noch einen toten Körper. Es ist seine Tochter Saba.
Alis Verzweiflung ist ausdruckslos und apathisch, aber man ahnt: In diesem erloschenen Menschen schwelt ein unstillbarer Hass. Nachdem Rafi Pitts alle Anteilnahme und alles Mitgefühl auf Ali gelenkt hat, lockt er den Zuschauer in eine moralische Falle und lässt seinen Helden schuldig werden. Ali schießt nicht mehr im Wald auf imaginäre Dämonen, er nimmt sein Gewehr und zielt von einem Aussichtspunkt wahllos auf vorbeifahrende Autos. Willkür gegen Willkür; das Trauma »explodiert«. Warum wird die ganze Gesellschaft zur Zielscheibe? Weil die Staatsmacht, die ihm alles genommen hat, anonym und ungreifbar ist? Ein Polizeiwagen gerät ins Visier, Ali erschießt den Fahrer, und als der zweite Polizist aus dem Auto fliehen will, lädt er noch einmal durch und knallt auch ihn ab.
Die iranischen Wahrheitswächter werden Rafi Pitts düstere Parabel, die am Schluss eine überraschende Wendung nimmt, todsicher so verstehen, wie sie verstanden werden kann: nicht nur als Warnung an das Regime, sondern als Aufforderung an die Gesellschaft, nicht länger zu warten und endlich ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Der Staatsterrorist Ahmadineschad muss gestürzt werden, denn die Menschen haben nur ein Leben, und danach sind sie tot. Der Umstand, dass Zeit des Zorns vor den Juni-Unruhen 2009 gedreht wurde, macht den Film prophetisch. Alis Auto ist grün, und seine Wohnung ist auch grün. Grün ist die Farbe der Revolution, es ist die Farbe der Hoffnung und des Lebens.
- Datum 08.04.2010 - 07:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
- Kommentare 11
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Mit welch' großen Hoffnungen hatte das iranische Volk das Ende der Unterdrückung und Ausbeutung des Schah Regimes ersehnt. Und als es endlich soweit war, wurde es genauso schlimm.
Was die Geschichte uns lehren kann, ist, daß (gewaltsame) Revolutionen nichts bringen; es muß zunächst eine Veränderung in den Köpfen stattfinden (die ist allerdings nicht so telegen wie Schießprügel in den Händen).
ohne französische Revolution (welche sicher auch ihre Kinder fraß) würde Europa noch heute ohne Aufklärung dastehen.
Ohne der amerikanischen Revolution würde Demokratie bis heute nur ein Wort sein.
Die Änderung der Gesellschaftsform ist immer blutig und nicht selten scheitert sie. Aber wenn es gelingt, dann bringt es Fortschritt für den Menschen.
Auch der Iran hatte seine Chance und viel in die Hände der Religion. Und wo diese ins Spiel kommt geschieht nie Gutes.
ohne französische Revolution (welche sicher auch ihre Kinder fraß) würde Europa noch heute ohne Aufklärung dastehen.
Ohne der amerikanischen Revolution würde Demokratie bis heute nur ein Wort sein.
Die Änderung der Gesellschaftsform ist immer blutig und nicht selten scheitert sie. Aber wenn es gelingt, dann bringt es Fortschritt für den Menschen.
Auch der Iran hatte seine Chance und viel in die Hände der Religion. Und wo diese ins Spiel kommt geschieht nie Gutes.
Kaum sind sie den Schah losgewesen, trifft die Iraner der An-
griff des tollwütigen Saddam Hussein. Er lässt angreifen,weil
der Irak pleite ist. Beiden Staaten kostet der achtjährige Krieg fast 2 Millionen Tote. Kaum sind die Toten bestattet,
machen die Ayatollahs und Imama die letzten Schritte zum Got-
tesstaat. Sie richten dabei die Wirtschaft zugrunde und sichern ihre Herrschaft mit Hass, Unterdrückung und Mord. Statt dem geplagten Volk Wohlstand und Befreiung zu bringen. Wie man sieht: Wer Visionen hat -- gar die vom Himmel herab gesandten -- gehört zum Arzt. Oder in die Hände von Befreiern.
In Deutschland hiess der grosse Arzt 1945 USA.
ohne französische Revolution (welche sicher auch ihre Kinder fraß) würde Europa noch heute ohne Aufklärung dastehen.
Ohne der amerikanischen Revolution würde Demokratie bis heute nur ein Wort sein.
Die Änderung der Gesellschaftsform ist immer blutig und nicht selten scheitert sie. Aber wenn es gelingt, dann bringt es Fortschritt für den Menschen.
Auch der Iran hatte seine Chance und viel in die Hände der Religion. Und wo diese ins Spiel kommt geschieht nie Gutes.
begann mit der Ermordung der Adligen und endete mit der Ermordung der Revolutionäre; und ich behaupte Voltaire hat für die Aufklärung mehr getan als das von Ihnen postulierte Blutbad.
Die amerikanische Revolution (vermutlich meinen Sie den Bürgerkrieg?) war ein entsetzlicher Krieg zwischen Brüdern und an seinem Ende stand KEINE Demokratie!
Und auch die russische Revolution hat nur die Scheiße nach oben gequirlt - schade um die vielen Menschenleben und das sinnlose Leiden.
usw.
QED.
begann mit der Ermordung der Adligen und endete mit der Ermordung der Revolutionäre; und ich behaupte Voltaire hat für die Aufklärung mehr getan als das von Ihnen postulierte Blutbad.
Die amerikanische Revolution (vermutlich meinen Sie den Bürgerkrieg?) war ein entsetzlicher Krieg zwischen Brüdern und an seinem Ende stand KEINE Demokratie!
Und auch die russische Revolution hat nur die Scheiße nach oben gequirlt - schade um die vielen Menschenleben und das sinnlose Leiden.
usw.
QED.
Ohne die bereits genannte Veränderung in den Köpfen ist eine gewaltsame Revolution nicht nur nutzlos, sie bilden auch den perfekten Nährboden für jede art von Diktatur, wenn nicht gleich totalitäre Systeme. Denn was bei vielen derartigen Systemen ähnlich ist, ist daß nach einer gewissen Zeit von der ursprünglichen Zielsetzung nichts mehr vorhanden ist, der einzige Grund für das durchsetzen der Machtposition der Regierung der Machterhalt ist.
Abgesehen davon ist es auch schwierig überhaupt viele Revolutionen zu finden, bei denen der ursprüngliche Geist es lange geschafft hat.
Ich finde, der Autor trägt zu Beginn des Artikels etwas zu dick auf. Dass "Irans Zuchthäuser die furchtbarsten der Welt" sind, würde ich nicht so einfach postulieren (Nordkorea, Birma...). Auch dass dort Demonstranten in der Öffentlichkeit erschossen oder von Dächern gestürzt werden, ist selbst in Iran nicht "alltäglich" (siehe die heftige Reaktion auf das Neda-Video). Und bis vor der letzten Präsidentenwahl war das Land kein "totalitärer Staat" sondern ein autoritärer mit demokratischen Elementen. Wie sich das Land nun entwickeln wird, das ist freilich eine andere Frage.
Ich will hier auf keinen Fall das Regime verteidigen, aber ich bin der Meinung, man sollte dennoch auf differenziertere Einschätzungen bedacht sein. Denn wenn man das Land / Regime als ausschließlich böse, totalitäre Fanatiker-Diktatur beschreibt, dann wird man der Komplexität Irans nicht gerecht. Man darf nicht vergessen, dass durchaus auch Befürworter des Regimes existieren. Und die Axe des Bösen hat ausgedient, eine allzu pauschale öffentliche Darstellung des Landes nützt nur den politischen Hardlinern beider Seiten.
Natürlich wird der Artikel so etwas eindrücklicher, und Herr Assheuer ist wohl auch nicht der Iranexperte der Zeit. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf den Film.
http://www.sueddeutsche.d...
begann mit der Ermordung der Adligen und endete mit der Ermordung der Revolutionäre; und ich behaupte Voltaire hat für die Aufklärung mehr getan als das von Ihnen postulierte Blutbad.
Die amerikanische Revolution (vermutlich meinen Sie den Bürgerkrieg?) war ein entsetzlicher Krieg zwischen Brüdern und an seinem Ende stand KEINE Demokratie!
Und auch die russische Revolution hat nur die Scheiße nach oben gequirlt - schade um die vielen Menschenleben und das sinnlose Leiden.
usw.
QED.
@loopkin
Der Autor trägt nicht zu dick auf, er verharmlost eher. Im Iran verschwinden täglich Oppositionelle und ihre Familien erfahren nie non ihrem Verbleib. Willkürliche Verhaftungen, , Erpressung und Folter drohen jedem, der das Regime kritisiert. Homosexualität wird mit Todesstrafe bestraft. Andersgeläubige wie die Bahais werden verfolgt. Frauen leben unter Diskriminierung. Und bis zur letzten Präsidentenwahl war das Land ein "totalitärer Staat" und jetzt ist er eine Militärdiktatur!
über die Stilistik des Autors mag man streiten, für die einen trägt er zu dick auf und für die anderen mag der Artikel sogar eine Verharmlosung der aktuellen Situation im Iran sein.
Halten wir uns deshalb an einigen Fakten. Der Autor unterstellt den geistlichen Oberhaupt des Irans Ayatullah Khamenei, er habe auf das Angebot Obamas höhnisch reagiert und den Westen sogar bedroht. Tatsache ist aber, dass der Ayatullah einen entscheidenden Satz sagte, der allgemein in den hiesigen Medien nicht wahrgenommen wurde. So sagte er: "Wenn die USA sich ändern, dann werden wir uns auch ändern." Wissend über die damalige isolierte Position von Obama in seiner eigenen Regierung (siehe z. B. Clintons anti-iranische Rhetorik) gab er damit Obama den nötigen Handlungsraum Iran entgegen kommen zu können ("... dann werden wir uns auch ändern). Gemäß iranischer Erwartungen füllte er sie jedoch nicht, in dem beispielsweise die bestehenden Sanktionen fast zeitgleich zum Obamas Nowruzbotschaft verlängert wurden oder aufgrund des Nicht-Einfrierens des 400 Millionen Dollar schweren Destabilisierungsprogrammes, einst von Bush gestartet und nun von Obama geerbt.
Allgemein wird jeglicher Vorwurf gegenüber die Reaktion des Regimes auf die Proteste relativiert, in dem man annimmt, dass die Wahlen nicht getürkt waren. Inzwischen gehen eine Anzahl von Reformer von der Authentizität der Wahlen aus. Allen voran Dr. Abbas Akhoundi, der während der Wahl persönlicher Vertreter Mousavis im Innenministerium war.
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