In klassischer Konstellation: Der schwule Ästhet (Colin Firth) und seine beste Freundin (Julianne Moore) © Senator Film Verleih

Wenn ein Regiedebüt von einem Modedesigner stammt, der das Haus Gucci revolutionierte, dann kann man davon ausgehen, dass der Film schön anzusehen ist. Tom Fords Adaption von Christopher Isherwoods 1964 entstandenem Roman Der Einzelgänger ist aber nicht nur schön anzusehen, sondern auch ein schöner Film. Und zunächst einmal ganz Rhythmus und Eleganz. Im Gleichmaß dahin fließende Bilder führen uns ins Kalifornien der sechziger Jahre, in einen geschmackvollen Bungalow, in einen einzigen Tag im Leben des Literaturprofessors George Falconer (Colin Firth). Warme Holztöne, die durch große Glasfenster fallende Morgensonne, die schwarze Kunststoffbrille auf dem Nachttisch, die perfekt aufgereihten Hemden im Schrank – in farbtief glänzenden Zelluloid-Bildern, für die Ford eine alte Kodak-Kamera verwendete, entsteht vor unseren Augen die Existenz eines Ästheten. Wenn Falconer am Morgen im Hemd und mit Schlips auf der Toilette sitzt, ein Buch in den Händen, dann wird klar, wie sehr Kunst und Stilempfinden Alltag im Leben dieses Mannes sind.

Doch die Perfektion verdeckt den Riss: Vor acht Monaten verlor Falconer seinen Lebensgefährten Jim bei einem Autounfall und kann den Verlust nicht überwinden. Seitdem lebt er wie ein Geist in seinem eigenen Leben. Ein Geist, der die eigene Trauer morgens sarkastisch vor dem Spiegel kommentiert und in der Küche einsam seinen Tee trinkt. Am Telefon meldet sich eine andere Art der Einsamkeit: Falconers beste Freundin Charley, die den Tag ein paar Häuser weiter im Bett mit einem Gin-Cocktail beginnt. Zwischen Flokati-Teppichen und Orchideen verleiht ihr Julianne Moore eine glamouröse Mischung aus Zerbrechlichkeit und Lebensgier.

Doch das Klischee des Schwulen mit Geschmack und bester Freundin, das gediegene Ambiente und die elegischen Musikeinsätze, all dies wirkt wie ein eleganter Überwurf und Schutz für den Helden. Darunter tritt umso deutlicher die Trauer hervor. Wenn sich Falconer am Buchenregal stößt und den Kopf an das Möbelstück lehnt, dann schießt alles zusammen: Seine Verlorenheit, die Sehnsucht nach dem Gefährten und die Erinnerung an den Moment, als dieser ihn begeistert zum Kauf des gemeinsamen Hauses verführte.

In proustscher Manier treten aus Falconers Bewusstseinsstrom immer wieder Szenen hervor, in denen ein gegenwärtiger Augenblick an einen vergangenen erinnert: Ein zufällig bei einem Bankbesuch auftauchendes Nachbarsmädchen wird zum Wiedergänger eigener Kindheitsgefühle. Das Klingeln des Telefons bringt den Moment der Todesnachricht zurück. Der kurze Flirt mit einem James-Dean-haften spanischen Einwanderer leitet über in die Erinnerung an die erste Begegnung mit dem Geliebten. Sie mündet in einer wunderschönen Szene häuslicher Intimität. Zwei Männer, die, Fuß an Fuß, abends lesend auf dem Sofa liegen und zärtlich debattieren, wer nun endlich aufsteht und die Schallplatte umdreht.

Die Begegnung mit einem attraktiven, offenbar zum Flirt entschlossenen Studenten lockt Falconer noch einmal aus der Reserve. Die Dialoge der beiden sind ein Pas de deux der Anspielungen, ein Abtasten, Ausloten, Annähern. So elegant wie er das Setting in Szene setzt, verankert Tom Ford das Begehren seines Helden in der Zeit vor dem sexuellen Aufbruch. Etwa wenn die beste Freundin den Trauernden fragt, ob er sich nie eine »richtige«, sprich: heterosexuelle Beziehung gewünscht habe. Oder wenn ein Cousin am Telefon die Nachricht von Jims Unfalltod übermittelt und dabei deutlich macht, dass bei der Beerdigung »nur die Familie« erwünscht sei. Oder auch wenn Falconer an der Universität eine improvisierte Rede über die verheerenden Folgen der Angst hält. Angst vor dem Kommunismus, vor Kuba , vor anderen Lebensweisen, vor unsichtbaren Minderheiten, vor Elvis Presleys Hüften.

Man muss sich anschauen, wie Colin Firth diesen Helden mit britischem Minimalismus spielt. Je unbewegter seine Züge, desto beredter werden seine Augen. Manchmal scheinen sie nur noch nach innen zu blicken und den Geliebten zu sehen. Wir werden Zeugen einer schauspielerischen Quadratur des Kreises: einer Anwesenheit, die eine fast physisch erfahrbare Abwesenheit verkörpert. Und so ist A Single Man bei aller Trauer eben doch auch und vor allem ein Film über die schmerzliche Schönheit der Liebe.