Der wichtigste Mitarbeiter des Papstes: Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone © Luis Acosta/AFP/Getty Images

Tarcisio Bertone ist keiner der "sandigen Menschen". So nennen sie in der Umgebung des Papstes jene, mit denen der Chef nicht klarkommt, Helfer, die nicht helfen, sondern nur Sand im Getriebe sind. Bertone hingegen harmoniert seit vielen Jahren mit Joseph Ratzinger , seinem Vorgesetzten aus Deutschland, dem er erst als Sekretär der Glaubenskongregation diente, jetzt als Nummer zwei des Vatikans. Der Kardinalstaatssekretär ist de facto Ministerpräsident der Kurie. Nun aber steht der Mann, der das Öl sein kann im Getriebe, inmitten eines Sandsturms.

Weil er vor Jahren seine Pflicht tat, sagen die einen. Weil er in einem besonders gravierenden Fall von Missbrauch die Aufklärung so lange verzögert und gebremst hat, bis der Missbrauch im Ergebnis vertuscht war, sagen die anderen. Die "Akte Bertone", über die die ZEIT vergangene Woche berichtet hatte (Nr. 14/10), war in der Folge international von einer Vielzahl von Medien aufgegriffen worden. Der Sprecher des Vatikans, Federico Lombardi , erklärte, der Vatikan sei "verstimmt". Im Übrigen seien die entsprechenden Vatikan-Akten bereits durch die Berichterstattung der New York Times bekannt, die den Fall des US-amerikanischen Priesters Lawrence Murphy aufgedeckt hatte. Der Leiter einer katholischen Gehörlosenschule hatte zwischen 1950 und 1974 bis zu 200 hörbehinderte Kinder missbraucht, mehrere davon im Beichtstuhl.

Das Material, welches die ZEIT online gestellt hat , belastet allerdings, anders als bisher angenommen, weniger den Papst als vielmehr Bertone. Dieser trug demnach die Hauptverantwortung dafür, dass der Fall Murphy nicht weiterverfolgt wurde. Dafür spreche auch, so eine Stimme aus dem Vatikan, die ungenannt bleiben will, dass das Vorgehen der Glaubenskongregation in diesem Fall "dem Schema Bertone entsprach, aber nicht unbedingt dem Schema Ratzinger".

Demnach hing Bertone, der dem in Italien populären Orden der Salesianer Don Boscos angehört, lange der Ansicht an, man müsse Missbrauchstätern in der Kirche mit der Nachsicht eines italienischen Beichtvaters begegnen. Als Ratzingers Sekretär hatte er sich ausweislich der Unterlagen wiederholt dafür verwandt, auf ein innerkirchliches Verfahren gegen Murphy zu verzichten, obwohl der zuständige Erzbischof von Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin dies zwischen 1996 und 1998 mehrmals verlangt hatte.

Nun ist überdies die Rechtfertigung des Vatikans für Bertones damaliges Verhalten in Zweifel gezogen worden. Angesichts von Murphys angegriffenem Gesundheitszustand Ende der neunziger Jahre habe man auf einen aufwendigen Prozess nach kanonischem Recht zur Entfernung aus dem Priesterstand verzichtet, hatte Papst-Sprecher Lombardi erklärt. Bertone selbst hatte in einem Schreiben von 1998 überdies die Aussage des Täters aufgegriffen, dieser habe nach seiner Versetzung aus dem Schuldienst 25 Jahre lang "friedlich in Nord-Wisconsin" gelebt. Tatsächlich war dem Pater, der 1998 starb, der Umgang mit Jugendlichen damals untersagt worden. Doch die Sprecherin der Erzdiözese Milwaukee, Julie Wolf, hat diese Woche gegenüber der ZEIT unumwunden eingestanden: "Pater Murphy hat sich nicht an die Auflagen gehalten."

2009, elf Jahre nach Murphys Tod, wandte sich der inzwischen 45-jährige Donald Marshall aus West Allis in Wisconsin an einen Anwalt und erhob Anzeige gegen die Erzdiözese Milwaukee. Er behauptet, als 13- oder 14-jähriger Insasse einer Jugendstrafanstalt von Murphy missbraucht worden zu sein. Marshall, sagte Anwalt Jeff Anderson, habe Ende der siebziger Jahre eine Strafe wegen Einbruchdiebstahls verbüßt. Marshall habe sich gegen den Übergriff gewehrt, der 1977 oder 1978 in einer Einzelzelle stattgefunden habe, und den Priester bei der Gefängnisverwaltung angezeigt. Dort habe man ihm mitgeteilt, dies sei nicht die erste Beschwerde gegen Murphy.

Für Bertone sind die Vorwürfe besonders problematisch, da seine Stellung in der römischen Kurie ohnehin als erschüttert gilt. So wird ihm etwa das Versagen des Kirchenapparats bei der Annäherung des Papstes an die Piusbruderschaft zur Last gelegt. Dabei war auch die Exkommunikation des bekennenden Holocaust-Leugners Williamson aufgehoben worden. 

Kurienintern gilt dieser unbeabsichtigte Skandal vom Januar 2009 als "schwärzester Tag des Pontifikats" oder sogar als "Ende des Pontifikats". In ihm kulminierte nach Beobachtung vieler Mitarbeiter das Problem des Kardinalstaatssekretärs, einen nach Tradition und Selbstverständnis ohnehin byzantinischen Apparat effizient zu regieren. "Der Tenor hier ist einhellig", sagt ein Kirchenmann in Rom , "die alte Garde ist mit der Situation überfordert wie schon im Fall Williamson. Sie denken lokal und personal, nicht global und politisch." Ein Laienmitarbeiter der Kirche, der mit Bertone in Rom immer wieder zu tun hat, sagt: "Wir würden ihm schon gerne eins mitgeben, aber wenn er nicht fällt, bekommen wir ein Problem." Bertone trage nun drei Schatten mit sich herum, sagen Spötter: seine zwei tiefen Augenränder und den Schatten eines Skandals.