Kunstmarkt Abstrakt ist schöner
Auf der Art Cologne wird dieses Jahr das Informel wiederentdeckt
Dass der Kunstmarkt zurzeit nicht der Ort für Experimente ist, haben zuletzt die Frühjahrsauktionen in London und die European Fine Art Fair in Maastricht gezeigt. Gekauft wurden Klassiker, gesicherte Werte, risikofreie Anlageobjekte. Um die Zukunft dürfen sich gern die Kunstvereine kümmern.
Und trotzdem haben Kunstmessen wie die Art Cologne, die vom 21. bis 25. April stattfindet, wenigstens so etwas wie eine seismografische Funktion: Sie reagieren auf das, was im Augenblick geschätzt wird. Und das scheint in diesem Jahr die Kunst des deutschen und europäischen Informel zu sein – jene gegenstandslose Malerei der großen Gesten, die in der kriegszerstörten Alten Welt auf den Abstrakten Expressionismus aus New York reagierte.
Marianne Hennemann, die sich mit ihrer Galerie seit Jahrzehnten für das Informel einsetzt, zeigt auf der Art Cologne Gouachen und Ölbilder von Karl Otto Götz, Gerhard Hoehme und Fred Thieler. Emil Schumachers Farbverkrustungen sind bei seiner Hausgalerie Hans Strelow, aber auch bei Maulberger, Rieder, Schlichtenmaier und Utermann zu haben – Preistendenz steigend. Dass die gestische Malerei und die Befreiung vom Abbildungszwang kein allein deutsches Phänomen waren, belegen Bilder von Theo Wolvecamp in der dänischen Galerie Silkeborg oder Werke von Pierre Soulages bei Karsten Greve.
Als unverbindliche Reaktion auf die Katastrophe des Krieges ist das Informel Ende der sechziger Jahre gewertet und deshalb nicht mehr ernst genommen worden. Eine große Ausstellung, die zeitgleich zur Art Cologne im Düsseldorfer Museum Kunst Palast zu sehen ist, schlägt nun eine andere Sichtweise vor: Vielleicht waren Abstrakter Expressionismus und Informel vor allem ein Fest der absoluten künstlerischen Freiheit.
Wobei das Imperfekt nicht angebracht ist, denn der 96-jährige, fast völlig erblindete Karl Otto Götz etwa rakelt noch immer mit großem Schwung die Farbe auf seine Leinwände. Und beweist so, dass das wilde Fest weitergeht.
- Datum 20.04.2010 - 14:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Es sei bloß "ein INFORMEL aus gegenständlichen Versatzstücken" - "Im Grunde nichts" stelle Neo RAUCH dar, ist in der FR v. 16.4. zu lesen: "Die Pseudozusammenhänge zwischen Motiven, Szenen und den sehr konkreten Titeln gaukeln das nur vor." Neo RAUCHs verschlüsselte Fragebilder zeigen Früheres & Neuestes: Es musste eine „Heerschar von Neidern und Zweiflern hervorbringen“, meint der FAZ Starkritiker Prof. Werner SPIES (W.S. 20.4.). Die kunst-evolutionär gesehen „anachronistischen Züge“ in der N.R.-Malerei „sind gewollt“, behauptet W.S.: Syntax und Semantik dieser Malerei offenbarten angeblich mit einer „phantastischen Verschlüsselung (…) nicht nur Vulkanausbrüche, hysterische Koppelungen von Ding und Gesellschaft, eine korrodierende Welt (…)“. In den gemalten akrobatischen „Albträumen“-Fetzen mit „Objekten, Fragmenten, Substanzen“ assoziiert W.S. u.a. unzeitgemäßes „vom Biedermeier (…) wie Nachbilder von Ludwig Richter“. Das Fazit: Das „Vulkanische“ sei eine „ständige Signatur“ (…). Die vulkanisch-konservative N.R.-Seitenzweig-Malerei mit geometrisch-proportionalen Brüchen in vulkanisch-neofigurativen Erzähl-Fetzen verpufft informelhaft: Mit falschen Perspektiven, die in Fußnoten einer nicht-blickverengenden "New Art History" (gefordert von J. Grave und mir) zu bewerten sind. Ausblick: Neo-Rauch-Mutationen – N.R. als sinn-stiftender, EVOLUTIONisierender & malerei-rettender, STILvoller Geschichtenerzähler? Manierismus-Überwindung und Kunst-Markt-Betrieb Lahm-Legung!?
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren