Liebeskolumne Soll er erzählen, dass er missbraucht wurde?

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine Frage der Liebe. Diesmal: Soll er seiner Partnerin erzählen, dass er als Kind missbraucht wurde?

Viele Menschen verschweigen Missbrauchserfahrungen aus der Kindheit, um die aktuelle Partnerschaft nicht zu belasten

Viele Menschen verschweigen Missbrauchserfahrungen aus der Kindheit, um die aktuelle Partnerschaft nicht zu belasten

Die Frage: Max und Nane sind seit Kurzem ein Paar. Max ist als Achtjähriger von einem Nachbarn sexuell missbraucht worden. Es kam nicht zum Geschlechtsverkehr – der Mann schenkte ihm Spielsachen, wenn er Max anfassen durfte. Max schämt sich heute noch, wenn er daran denkt, dass er einige Male freiwillig dorthin ging. Er hat bisher noch niemandem davon erzählt. Er fürchtet, dass er in seinen Liebesbeziehungen gehemmter ist, als er vielleicht sein müsste. Inzwischen studiert Max Sozialpädagogik. Er findet eine Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer und fragt jetzt die anderen Mitglieder, ob es besser wäre, Nane von den Vorfällen zu erzählen. Die Auskünfte reichen von "Unbedingt, sonst weiß sie ja nie, woran sie bei dir ist!" bis "Auf gar keinen Fall, das wird gegen dich verwendet, wenn es einmal Streit gibt!".

Liebeskolumne
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Max sollte abwarten, welchen Grad von Vertrautheit die Beziehung gewinnt. Er muss sich sicher fühlen, dass nichts von dem, was er sagt, dazu dienen wird, ihn zum Sündenbock für Paarprobleme zu machen. Schon der liebevoll gemeinte Hinweis »Ist es dir nicht zu viel, wenn ich dich fest anfasse?« kann belasten. Wirklich schlimm wird es, wenn ein Paar in die Mobbing-Zone gerät und Sätze fallen wie: "Kein Wunder, dass du so verklemmt bist, nach dem, was dir passiert ist!"

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Sobald ein Paar vertrauter wird, rückt die Zeit näher, in der auch Raum für traumatische Erinnerungen ist. Wenn Max sie nie erzählt, beraubt er sich einer Entlastungsmöglichkeit: Je beglückender das sexuelle Erleben in der Gegenwart wird, desto eindeutiger gehören Scham und Schmerz in die Vergangenheit.

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Leser-Kommentare
  1. dass Mann Frauen so wenig wie möglich berichten sollte, weil spätestens bei einer Trennung alles gegen den Mann verwendet wird

    da wird dem Finanzamt genau berichtet wo eventuell Schwarzgeld zu finden sein könnte, und bei so einem heiklen Thema möchte ich nicht wissen wie sich dieses Wissen der Frau, auf eventuelle Sorgerechtsregelungen und -streitereien auswirken könnte - da wirst dann unter Umständen schnell vom ehemaligen Missbrauchsopfer zum Missbrauchstäter

  2. Lieber Herr Schmidbauer,
    beglückendes sexuelles Erleben setzt ja ein permanentes, sich selbst in Frage stellendes Ich voraus, das mit nicht ermüdendem Mut "mit sich ringt"(Arno Gruen).
    Wahrscheinlich brechen die meisten Beziehungen vorher. Schon deshalb finde ich Ihr Zitat:"Er(in diesem Fall Max) muss sich sicher fühlen, dass nichts von dem, was er sagt, dazu dienen wird, ihn zum Sündenbock für Paarprobleme zu machen" sehr ermutigend. Es lohnt sich. Und ich glaube, dies ist die härteste Arbeit.
    Die Frage bleibt: Woher kommt diese Sicherheit?
    Wer kontrolliert die Kontrolleure?
    Gruß von Uwe Niese

    • Zapfen
    • 12.04.2010 um 0:01 Uhr

    Erzähle ich alles meiner Frau, was mir an Unangenehmen als Kind widerfahren (erzwungen, Dreck zu essen, Demütigungen aller Art...)ist, werde ich bald nicht mehr ein Liebesbeziehung aus gegenseitigem Respekt,
    sondern bald eine Mitleidsbeziehung haben.
    Der Mann wird dann von Frau zu Recht als Heulsuse angesehen - natürlich gilt das auch umgekehrt!
    Alles zu psychologisieren und zu besprechen in der Liebesbeziehung ist Quatsch! Die Frau wird zur "Mutti"- wie in der Ex.- DDR, oder der Mann zum VATI!).
    Dann schon, wenn wirklich eine Last vorliegt, zum Therapeuten oder mit einem männlichen Freund besprechen, wenn das geht, nicht in der Sphäre des Geschlechterkontrastes- oder kampfes, der als solcher und als extra Sphäre ohne Psycho- Schnickschnack akzeptiert werden sollte. Ansonsten geht ja jede Erotik verloren!

    Vielleicht trennen sich ja gerade so viele (psychogeschulte 68er, 78er, 88er )Akademikerpaare, weil Sie zuviel in der Beziehung abhandeln wollen, was da nichts zu suchen hat!?

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