Martenstein "Dann rede halt ich"
Harald Martenstein hat Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Autorisiert werden müssen die natürlich trotzdem
Keine Sorge, ich frage nicht nach den Missbrauchsfällen. Keine aktuelle Politik, nichts übers Privatleben, nichts über Ihr Verhältnis zu Ihrem Sohn. Die Antworten bekommen Sie selbstverständlich zur Autorisierung. Einverstanden so weit?
Interviewpartner: (schweigt)
Ich interpretiere das jetzt mal als Einverständnis. Sie tragen Ihr Herz halt nicht auf der Zunge, das ist ja bekannt. Also. Seit einigen Wochen wissen wir, dass es neben Homo sapiens und dem Neandertaler noch mindestens eine weitere Menschenrasse gegeben hat, wahrscheinlich mehrere. Vor 30.000 Jahren ist es auf der Welt ähnlich zugegangen wie in den Star Wars- Filmen: Verschiedene Rassen intelligenter Geschöpfe kämpfen um die Herrschaft, am Ende gewinnen wir. Frage: Warum gerade wir? Weil wir die Aggressivsten waren, die Klügsten, die Anpassungsfähigsten? Weil wir gut reden konnten? Was war unsere Rettung?
Interviewpartner: (schweigt)
Denken Sie ruhig nach. Sie schweigen lange, aber dann sitzt jedes Wort. Das weiß man, das ist auch okay. Das fragt man sich ja auch als Individuum immer: Warum gerade ich? Warum habe ausgerechnet ich Krebs, warum stürze ausgerechnet ich beim Fensterputzen aus dem fünften Stock und überlebe?
Interviewpartner: (schweigt)
Sie gehen ja ab wie Schmidts Katze. Aber kein Problem. Dann rede halt ich. Dass der Zufall über unser Leben entscheidet, wollen viele nicht akzeptieren. Auf der einen Seite deshalb die Suche nach dem höheren Wesen, das uns genauso wichtig nimmt wie wir uns selber, auf der anderen Seite die Politik, die den ungerechten Zufall durch eine irgendwie vernunftgeleitete Steuerung des Lebens ersetzen möchte. Drittens die Psychologen, die einem erklären, dass Glück im Kern darin besteht, sich mit dem eigenen Leben abzufinden. Verstehen Sie? Politik, Religion und Psychologie widersprechen sich, die können nicht alle drei recht haben.
- Datum 06.04.2010 - 11:13 Uhr
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- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 08.04.2010 Nr. 15
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Ach Harald-lass doch den armen Eckart von Hirschhausen in Ruhe! Der hat doch schon genug um die Ohren...
Martenstein wie man ihn liebt: aktuell, auf den Punkt formuliert, dazu hintergründig und was für den täglichen (oder vielleicht auch dauerhaften?) Bedarf an Sinnstiftung. Unglaublich, wie angenehm und verständlich man das formulieren kann. Mir gefällts!
Schweigen ist ja sehr leicht zu überhören. Stille die schönste Gabe der Wahrnehmung.
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