Tagebuch von Max Frisch Lob der Müdigkeit

Die Schweiz streitet, ob es richtig war, Max Frischs Tagebuch posthum zu veröffentlichen

Der Vorabdruck der posthum aufgefundenen Tagebuchnotizen von Max Frisch im Literaturmagazin der ZEIT (Nr. 12/10) und die in der Schweizer ZEIT- Ausgabe geführte Debatte über die Publikationswürdigkeit dieses nachgelassenen Dokuments der europäischen Literaturgeschichte sorgen für Irritation. War es richtig, dass der Suhrkamp Verlag ein Manuskript zur Publikation befördert (Entwürfe zu einem dritten Tagebuch, herausgegeben von Peter von Matt, 213 S., 17,80 €), das der Autor selbst vernichtet hat und das sich womöglich nur durch Zufall noch in einer unautorisierten Kopie in der Wohnung der langjährigen Sekretärin des Schweizer Großautors befand?

Der Schweizer Germanist Peter von Matt ist entschieden der Meinung, dass es sich bei den nachgelassenen Tagebuchblättern aus den Jahren 1982 und 1983 um eine »Sammlung höchst verdichteter Texte« handele, um »Zeugnisse einer Prosa, die vor Verschwiegenem förmlich bebt«. Sein Kontrahent, der Schweizer Germanist und Schriftsteller Adolf Muschg, ist der gegenteiligen Auffassung. Er ist der Meinung, dass dieser Text »zu müde« sei, »müde auch des Anspruchs an sich selbst«. Muschg war gegen die Veröffentlichung des Manuskripts, von Matt dafür. Beide Herren sind Mitglieder des Stiftungsrats, des vom Autor gegründeten Max-Frisch-Archivs. Peter von Matt ist dessen Präsident. Er hat sich durchgesetzt. Der Stiftungsrat hat mit vier zu eins Stimmen für die Publikation des Sensationsfunds gestimmt. Die Zürcher Weltwoche nennt das einen Kampf »um die Deutungsmacht über die Schweizer Literatur«.

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Dabei ist es nur eine pragmatische und höchst erfreuliche Entscheidung. Natürlich hat Adolf Muschg recht: Max Frisch hätte, wenn er eine wie auch immer geartete posthume Edition des Fragments angestrebt hätte, dafür gesorgt. Doch anders als ein »Berliner Journal« genanntes, noch bis 2011 gesperrtes Manuskript hat Frisch dieses Tagebuchfragment nie dem Archiv übergeben. Er hat sein Handexemplar vernichtet und alle Spuren und Vorarbeiten getilgt. Deutlicher konnte er nicht werden. Die erhaltene Kopie, die seine Sekretärin erst viele Jahre nach seinem Tod in ihrer Wohnung wiedergefunden hat, ist offenbar durch (fern)mündliches Diktat zustande gekommen, manchmal scheint die Sekretärin nicht verstanden zu haben, ob es sich um eine Person namens »Weisse« oder »Lech Wałęsa« handelt und so weiter. Das lässt sich korrigieren. Die Müdigkeit, die Adolf Muschg stört, nicht. Doch ist es, Müdigkeit hin oder her, undenkbar, ein Dokument dieses Ranges im Archiv in Ruhe schlafen zu lassen. Auch wenn Frisch diesen Text verworfen (und zum Teil in der Trauerrede für seinen Freund Peter Noll ausgeschlachtet) hat, wird er uns sicherlich verzeihen, wenn wir diese altersmüden Notate jetzt mit großer Anteilnahme lesen.

Denn es ist gerade dies die irritierende Merkwürdigkeit, die einem die beinahe dreißig Jahre alten Texte so sympathisch macht: ihre anstrengungslose Nonchalance und Ebenerdigkeit. Natürlich kann diese Loseblattsammlung, die Überlegungen zu Amerika, der Neutronenbombe, dem Falklandkrieg, der jungen Geliebten Alice, dem sterbenden Freund Peter Noll, dem Tessiner Landhaus, dem nachlassenden Sex- und dem zunehmenden Alkoholgenuss enthält, nicht mithalten mit den beiden gewichtigen, Tagebüchern, die Frisch selbst veröffentlicht hat.

Dies ist ein Nachteil und ein Vorteil. Einerseits fehlt den Notizen, wie Adolf Muschg in seinem in der Schweizer ZEIT- Ausgabe veröffentlichten Brief an die Stiftungsräte der Max-Frisch-Stiftung schreibt, in der Tat »der große Zugriff«. Doch ist es gerade das Zugrifflose, das Zarte und Herbstmilde dieser Texte, das besonders berührt. Peter Handke hat in seinem Versuch über die Müdigkeit lange und kompliziert über einen Zustand philosophiert, in dem der 71-jährige Max Frisch hier gleichsam von Natur aus eingetreten zu sein scheint: in eine absichtslose, schwebende Weltwahrnehmung.

Dabei hat er alles getan, um das Gegenteil zu erreichen. Nicht das Müde, sondern das Männliche, nicht das Melancholische, sondern das Lebendige waren programmiert. Junge Frau angeschafft, Loft in Manhattan gekauft. Was man so macht, wenn das Leben sich neigt. Aber es funktioniert nicht. Im Loft summen die Fliegen, das Leben dreht seine endlosen Wiederholungsschlaufen, beim Sex ist der Apotheker im Spiel, in der Wohnung darüber hört man ständig den Köter, von unten dröhnt laute Musik, im Fernsehen gibt Ronald Reagan den Landesvater. Man weiß sofort, daraus kann nichts werden. Manchmal, schreibt er, kleide er sich mitten in der Nacht an, stehe barfuß am Fenster, betrachte die nassen, leeren Straßen, den Rauch aus den Kaminen und habe das Gefühl, das alles schon oft erlebt zu haben. Er am Fenster, die Frau im Bett: »Die Frau, die schläft, ist eine andere. Ich bleibe derselbe.«

Eine wenig überzeugende Simulation von Energie und Zeitgenossenschaft sind seine Kommentare zu Amerika. »Wie dieses Amerika mich ankotzt«, heißt es schon in der ersten Eintragung. Die Amerikaner hätten die Neutronenbombe, aber keinen Sinn für die Tragödie. Das Passepartout-Wort der Amerikaner sei power. Der Mangel an politischem Bewusstsein unter den amerikanischen Intellektuellen sei entwaffnend. Die Galerien in SoHo zeigten nur Schrott. Seine junge amerikanische Gefährtin kenne Tolstoj nur aus dem Film. Und so weiter.

Leser-Kommentare
  1. Ach, was kann sich das Feuilleton wieder einmal selber wichtig nehmen! Na ja, wenn es kein anderer tut. In Zeiten von gehypten seichten Feuchtgebieten und Axolotl-Kriechtieren darf wahrscheinlich jeder Rülpser des Riesen Max Frisch als Kultur angesehen werden. Soll es doch lesen, wer will. Wonach mir aber wirklich durstet ist etwas wirklich Wesentliches über die und aus der heutigen Zeit.

  2. Als sich der letzte Mohikaner bei seinen zukünftigen Schwiegereltern vorstellte, wurde er nach seinen Plänen für das Fortkommen in Alter und Welt gefragt. Er antwortete, morgens wolle er jagen, nachmittags fischen und abends Unzucht betreiben. Wie denn der Schlussteil zu verstehen sei. Gar nicht, antwortete er. Ich jage in den Wäldern, die mein Eigentum sind, ich fische in einem See, der mein Eigentum ist und ich treibe Unzucht mit denen, die niemandem gehören.

    M.F. hat dieses Selbstverständnis des modernen Menschen erst ermöglicht. Ich bin sehr dankbar für den dritten Versuch.

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