Pfalzgalerie Kaiserslautern Betörende Üppigkeit
Der ZEIT-Museumsführer (48): Die Pfalzgalerie in Kaiserslautern
© Pflalzgalerie Kaiserslautern

Im Stil der Neorenaissance überragt sie die Stadt. Die Pfalzgalerie Kaiserslautern
Dieses Bild ist alle Bilder, und darauf zu sehen ist so gut wie nichts: bloß eine gigantische weiße Fläche, eingefasst von einem übermütig bunten Rand. Das titellose Bild aus dem Jahr 1968 stammt von Sam Francis. Jeder darf es mit seinen eigenen, seinen inneren Bildern füllen oder auch nur der hypnotischen Kraft dieses Kunstwerks erliegen. Ein Privatsammler hat den Francis gemeinsam mit anderen Werken amerikanischer Künstler dem Museum Pfalzgalerie als Dauerleihgabe vermacht. Und das nicht von ungefähr, ist doch die Kunst Amerikas einer der Sammlungsschwerpunkte des Hauses. Und auch das nicht von ungefähr, schließlich leben Tausende US-Amerikaner in Kaiserslautern und drum herum, die Ramstein Air Base ist nur wenige Kilometer entfernt.
Ein Privatsammler war es auch, der den Grundstock für die Gemäldesammlung der Pfalzgalerie legte. Der Münchner Hofrat Joseph Benzino (1819 bis 1893) vermachte ihr etwa 150 Gemälde, darunter Werke von Anselm Feuerbach, Carl Spitzweg und Johann Wilhelm Schirmer. Eröffnet wurde das Museum, das in einem zweiflügeligen Gebäude im Stil der Neorenaissance die Stadt überragt, schon rund 20 Jahre vorher – 1880 als Pfälzisches Gewerbemuseum, das Kunsthandwerk ausstellte. Kunsthandwerk stellt die Pfalzgalerie auch heute noch aus. Ein Raum ist der neuen Sachlichkeit gewidmet, lauter Gläser, Schalen und Vasen sind hier zu sehen. Gleich daneben langweilt sich Paul Kleinschmidts Gähnende Dame jenseits des guten Geschmacks und betört uns mit ihrer karikaturesken Üppigkeit und Fülle. Wer von ihr wieder auf die Gläser und Vasen blickt, der staunt, wie gut sich diese auch in ihren speckigen Fingern machen würden.

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Ähnliche Korrespondenzen ergeben sich zwischen Anselm Feuerbachs Gemälde Der Märchenerzähler, das dem persischen Dichter Hafis huldigt, und den Jugendstilgläsern aus Nancy, die sich in der Vitrine nebenan recken. Diese Art der Zusammenstellung lenkt den Blick en passant auf die Form und verdeutlicht den Kunstcharakter des ausgestellten Handwerks. Zuweilen geht es dabei auch angenehm didaktisch zu. Im Raum »Stimmungen – Horizonte« treten Landschaftsbilder aus dem 19. Jahrhundert in einen Dialog mit zeitgenössischen abstrakten Werken, und man kann sich nur wundern über die erstaunliche Ähnlichkeit.
Oft ist in diesem Museum die Anordnung der Werke ebenso sinnlich wie sinnig. »Transparenz und Dichte« verspricht ein Raum, in dem eine geradezu Zen-artige Konzentration herrscht. Andreas Bees zart wuchtiges Kannibalenfass lädt dazu ein, es mit mantrahaften Bewegungen zu umrunden, bis sich das Kunstwerk in Schwingung versetzt. Als Farbkontrast glänzt an der hinteren Wand ein Bild von Norbert Frensch, das der Farbe Schwarz unheimliche Tiefe verleiht. Und daneben hängt eine der kleinformatigen Farbmeditationen von Martin Streit. Zwei deutsche Maler, die man in Kaiserslautern entdecken kann.
Andere lohnen die Wiederentdeckung, etwa der deutsche Impressionist Max Slevogt. Seine Porträts sind von geradezu fotografischer Intensität und nutzen das Spektrum der Farbe Weiß. Deutsche Impressionisten und Expressionisten sind ein weiterer Schwerpunkt der Sammlung wie auch Landschaftsbilder und Porträts des 19. Jahrhunderts. Außer Gemälden und Skulpturen und dem Kunsthandwerk gehören rund 15.000 Blatt Grafiken zur Sammlung, darunter Arbeiten von Max Ernst, Paul Klee und Pablo Picasso. Die empfindlichen Papiere werden freilich nur sparsam ausgestellt. Wie sich der Besucher in diesem Museum ohnehin zu keinem Moment von der Fülle der Exponate erschlagen fühlt. Werke wie Betrachter atmen frei. Hinzu kommt die heitere Lebenszugewandtheit des Hauses. Hier herrscht kein hochnäsiger Kunstbetrieb, bei dem Besucher die Luft anhalten und den Rücken strecken. Vielmehr hocken Kinder auf dem Boden und lassen sich belehren, jagen amerikanische Schüler von Saal zu Saal, und dazwischen bekommen vorgeblich Erwachsene gegenwärtige Videoinstallationen erklärt. Anderswo nennt man das Tag der offenen Tür. In Kaiserslautern ist es ein normaler Dienstag.
- Datum 19.04.2010 - 11:48 Uhr
- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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