Doppelausstellung Gretchen ist eine Domina

Von nächster Woche an, pünktlich zu des Meisters 50. Geburtstag, feiern die Museen in Leipzig und München Neo Rauch. Vorab ein literarischer Streifzug durch das Werk des großen deutschen Malers

Dass einer, der Neo heißt, 1960 in der DDR so genannt wurde, noch dazu im gerne ruppigen Leipziger Revier (ich nehme an, er wird gelitten haben in der Schule), muss außergewöhnlich wie der Tunguska-Meteorit gewesen sein; Neo, neu: Ich hörte den Namen eher, als ich seines Trägers Bilder kannte, danach wunderten sie mich nicht.

[Hagzissen. Körper auf Probe] Typus rauchscher Frauen: begutachtend ( Demos «), einladend (die Riesin im roten Pullover, Alter ), modebewusst (sie tragen, wie es heute üblich ist, Stiefel zu Röcken – Militanz und Züchtigkeit, das ist Gretchen als Domina). »Helferinnen«: So verborgen wie das Parlament der Fliegen, ist die Potenz, die jene Pflanzen (Königskerzen?) vom Mädchen weg zur Staffelei am rechten Bildrand beugt. Oder ist es der Sog der Staffelei, der die Pflanzen betört? Die äußerste erreicht das weiße Bild darauf, hinterlässt, obwohl kein farbgetränkter Marderhaarpinsel, den Abdruck ihrer Blüte, eine gelbe Lanze, die an die »Unschuld« rührt, sie benetzt, was beleidigender, weil komischer ist. Wer ist das Mädchen? Betrachterin des Bilds, bevor es fertig ist? Oder ist es fertig – und die Berührung durch die Pflanze eine Fehlerin? (Wer sagt, dass es nur Fehler gibt, dass das, was diese Pflanze tut, keine unerwünschte Einmischung, keinen Angriff bedeutet?) Oder ist das Bild »fertig« nur in und mit der Berührung? Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, eh man es denkt, gefunden. Auch geholfen? Es sind ja bereits gemalte Pflanzen. Sind Helferinnen auch die watteau-lorrainesk hochgetürmten Wolken, jene Himmel (bei Rauch gibt es oft mehrere in einem Bild, manche scheinen Barcodes zu haben) in Unterholzfarben, die auch Spiegelungen auf Gewässern sein könnten, Sümpfe? Die fünf Ränder eines Bilds (das fünfte ist das Auge des Betrachters)? Die Sitzgelegenheit, die dem Mädchen zu genügender Deutungshöhe verhilft? Die Rätseleien und Erklärungsversuche, mit denen ich als Dolmetsch die Fremd-Sprachen der Farbbeziehungen abhöre? Womöglich hilft die Staffelei dem Mädchen? Und wobei? Eine Staffelei sieht von seitlich wie eine Guillotine aus. Hagzissa: die Zaunreiterin, das alte Wort wurde zu Hexe verschliffen. Vielleicht haben die jungen Hexen Kunsterziehung, wahrscheinlich ein anderes Schulfach: Verbrechen der Zukunft. Welche Art Verrat ist es, die der Vater an seinem Sohn begeht mit goldenen Händen, deren Mickymaus-Vierfingrigkeit nicht erklärt, warum der kleine Mann, der sich wie schutzsuchend an den großen schmiegt, ein gleichgoldenes T-Shirt trägt. Wer ist Vater, wer Sohn, wer der Herr rechts mit den roten Kopfkorallen? Ist es Verrat, den Brustharnisch (im linken Bildrand) abzulegen? Könnte Gold-Junge eine monströs gewordene Polypensprossung sein, Vater mithin ein siamesischer Zwilling? Vielleicht gibt es in jener Welt Vaterschaft auch ohne Kind.

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Wahlverwandtschaft: Tellkamp & Rauch

Vor einem Jahr trafen auf Einladung des Feuilletons der ZEIT der Leipziger Maler Neo Rauch (Bild links), Jahrgang 1960, und der Dresdener Schriftsteller Uwe Tellkamp (»Der Turm«), Jahrgang 1968, zum ersten Mal aufeinander. »Ich möchte schreiben können, wie Sie malen«, war das Gespräch am 1. April 2009 dann mit einem Tellkamp-Zitat überschrieben.

"Hermeswerft"

Ein Jahr später hat die künstlerische Wahlverwandtschaft zwischen diesen beiden Ausnahmefiguren der zeitgenössischen deutschen Kultur zum zweiten Mal eine Form gefunden: »Hermeswerft. Uhrenvergleich mit Neo Rauch« heißt der literarische Essay, mit dem sich Tellkamp dem Œuvre Rauchs nähert. Wir drucken hier vorab einen Auszug – der komplette Text ist Teil des Kataloges »Neo Rauch. Begleiter« aus dem Hatje Cantz Verlag (49,80 Euro). Er erscheint zur großen Doppelausstellung von Rauch, die am 18. April im Leipziger Museum der bildenden Künste und am 20. April in der Pinakothek der Moderne in München eröffnet wird.

[-artige] Ein Begriffspräparat, das bei Bildern wie Diktat, Suche, Entfaltung herbeihinkt, für mich vor allem bei Das Blaue . Den Maler, der solche Visionen aus der abgründigsten aller Pinakotheken, dem Zentralnervensystem, vor fremde Augen stellt, scheint eine Frage umzutreiben: ob der schopenhauerischen Überlegung, inwieweit die Schwalbe dieses Sommers auch schon die vor hundert Jahren war, als einzelnes Tier also nichts zähle, bloßer Teil seiner Art, seines Schwarms sei wie eine Zelle Baustein und Element einer sie einbegreifenden höheren Ordnung – die Frage, ob dieser toxischen Verneinung des Individuellen ein noch toxischeres Anhängsel nachzuliefern sei: dass die einzelne Schwalbe den Schmerz und die Todesangst, wenn sie unentrinnbar in den Krallen des Falken hängt, nicht doch ganz privat empfinde? Romantik und Technik sind die Flügeladjutantinnen der Beglückungs-Embryologie, ineinandergemischt werden sie zur bösen Biochemie, auf welche man in Rauchs Blau-Labor einen Blick werfen kann. Himmelsherstellung, Himmelsgemische: Spielen sie noch, die Wesen dieses Bilds, das aus (mindestens) dreien besteht? Links ein Gitter, darunter die Ziffer VI; eine spiegelartig rund geschliffene Scherbe halb links; eine aufgekantet in die Scherbe ragende, die rechte Hälfte einnehmende Tafel, aus der ein Sprechblasenkeil heraussticht, einer nicht. In der mittleren Ebene hält eine Frau in kurzem Rock inne, sie scheint etwas zu registrieren in einer Haltung, die man in Behörden oft sieht, wenn die Sachbearbeiterinnen Aktenschränke öffnen und Hängeordner durchblättern. Hier wird ein Tuch mit einem Loch in der Mitte gezeigt, womöglich, wie Rudij Bergmann vorschlägt, eine Anverwandlung des Schweißtuchs der heiligen Veronika, die an der sechsten Station des Kreuzweges Schweiß und Blut von Christi Gesicht wischte; die römische Ziffer VI könnte darauf verweisen. Rauchs Tuchhalterin demonstriert ihr Objekt einem dicklichen Mann mit Narrenkappe und Zeichenmappe, doch statt eines Gesichtsabdrucks im Stoff, einer Devotionalie, bietet es Leere, das Zentrum ist durchlässig. Das rauchsche »vielleicht«, Haltestelle im Kaleidoskop der Deutungen. Der Hinterhof könnte auch Heiratsmarkt sein, das Tuch ein unverletztes Hymen (freilich wäre die Vorweisung dann ein – weiteres – Kunststück), Trophäe gegen den Spießbürger. Oder handelt es sich »einfach nur« um die Geste eines Modells, und der Maler ruht soeben auf der selben Mülltonne aus, an die mit hartem Griff ein Uniformierter einen jungen Mann presst? Der könnte auch Partner der Frau sein, ihr Verrat wurde vom Narren, der sie besser bezahlt, gelockt und gutgeheißen. Oder Erpressung? Tanz für mich (während du schreien möchtest), sei lieb zu mir, dann lassen wir euch laufen… Vielleicht soll der junge Mann auch nur ganz genau hinhören, der Klage des Abfalls lauschen, der Polizist wäre nichts weiter als ein deutlich an Mülltrennung und entlasteter Umwelt interessierter Diener der guten Sache? Die Tafel rechts: mächtiges Gemäuer im Hintergrund, Bergfried, Observatorium oder Kanonenturm; der Menschen-artige, der mit dem Rücken zu uns eine Treppe emporsteigt, scheint sich ebenso dafür zu interessieren wie der Spion in Gestalt einer Echse, der ihm nachkriecht, und ein Teufel alias Meister Lampe. (Die Hörner, die in dieser Landschaft so selbstverständlich sind, dass er sich eigentlich nicht bemühen muss, sie zu verstecken, geben sich als Hasenohren aus, ein müder Rest von Konvention.) Ihm könnte das Gebäude gehören, für einen Fremden steht er zu wenig vorsichtig im Bild, eher wie ein abwartender Experimentator: Mitten in der Sehnsucht besitzt der Teufel ein Schloss. Auch er hat ein Tuch in der Hand, es scheint eine Büste oder ein Tabernakel zu bedecken; der Standartenträger daneben; die kaum zu erkennende Frau; der etwas konsterniert auf eine zweite Verhüllung starrende Zylinderherr im Vordergrund sind vielleicht letzte, erblaute Lehrlinge zu Sais, die den Schleier um das Standbild lüften wollen, um zu erkennen. Ein dunkel durchkraterter Himmel auf den zweiten Blick, auf den ersten Waldausläufer an einer blumenbesternten Wiese. Geist und Kleid, Treppenstufen dazwischen, die Echse salamander-artig, Wasser- und Flammengeist, Amphibium, Hüter der Verwandlung. Ramponierte Marine. Ein Fluss von Blau klafft, bricht am Hinterhof ab, versickert in den Pfützen am unteren Bildrand. Mensch-artige entstehen, sind entstanden, produzieren Funktionen und sind zugleich darin gefangen: Kader. Niemand wirkt frei, alle haben Eisen im Feuer. Der Maler hat die Schlaflosigkeit eingefroren, die seine Figuren, melancholische Seefahrer, zu heutigen macht. Und die dritte Ebene, links, vergittert? Rauch: »Denn der Text selbst, das sind die Gitterstäbe, und dahinter geht die Bedeutung wie ein Tiger auf und ab.«

Leser-Kommentare
  1. ... welch bewusstseinserweiternde Substanzen der Rezensent beim Verfassen des Artikels zu sich genommen hat - aber im Vergleich zu diversen Artikeln, die ich mittlerweile zur Neo-Rauch-Doppelretrospektive online und offline gelesen habe, bringt mich dieser Beitrag in meinem Prozess des Verstehenwollens der Arbeit des Künstlers keinen Schritt weiter. Geschwurbelte Gefühlsskizzen gehören doch besser ins persönliche Tagebuch.

  2. 2. Prima,

    ich glaube das ist eine gelungene und vollgültige Ausdeutung Rauchscher Werkinhalte.
    Mehr als solch gestammelte Versatzstücke sind da nicht, kein Schall, nur Rauch.

  3. Neo RAUCHs verschlüsselte Fragebilder zeigen Früheres & Neuestes: Es musste eine „Heerschar von Neidern und Zweiflern hervorbringen“, meint der FAZ Starkritiker Prof. Werner SPIES (W.S. 20.4.). Die kunst-evolutionär gesehen „anachronistischen Züge“ in der N.R.-Malerei „sind gewollt“, behauptet W.S.: Syntax und Semantik dieser Malerei offenbarten angeblich mit einer „phantastischen Verschlüsselung (…) nicht nur Vulkanausbrüche, hysterische Koppelungen von Ding und Gesellschaft, eine korrodierende Welt (…)“. In den gemalten akrobatischen „Albträumen“-Fetzen mit „Objekten, Fragmenten, Substanzen“ assoziiert W.S. u.a. unzeitgemäßes „vom Biedermeier (…) wie Nachbilder von Ludwig Richter“. Das Fazit: Das „Vulkanische“ sei eine „ständige Signatur“ (…). JA: "Im Grunde nichts" stellt N.R. dar (FR v. 16.4.): "Die Pseudozusammenhänge zwischen Motiven, Szenen und den sehr konkreten Titeln gaukeln das nur vor." Im Grunde sei alles bloß "ein Informel aus gegenständlichen Versatzstücken." Die vulkanisch-konservative N.R.-Seitenzweig-Malerei mit geometrisch-proportionalen Brüchen in vulkanisch-neofigurativen Erzähl-Fetzen verpufft: Mit falschen Perspektiven, die in Fußnoten einer nicht-blickverengenden "New Art History" (gefordert von J. Grave und mir) zu bewerten sind. Ausblick: Neo Rauch demnächst als sinn-stiftender, EVOLUTIONisierender & malerei-rettender, STILvoller Geschichtenerzähler? Der seinen Manierismus überwunden hat und den Kunst-Markt-Betrieb lahm legte?!

  4. Das ist ein Text wie Kopfweh. Ich bleibe dann doch lieber beim bloßen Bild-betrachten.
    Danke.

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  • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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  • Schlagworte Neo Rauch | Uwe Tellkamp | DDR | Ikea | München | Leipzig
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