Vertreibungen Heimat ohne Grenzen
Während die Berliner Vertriebenen-Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung von einer Krise in die nächste taumelt, macht sich das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität in Warschau an die Arbeit.
Lang genug hat sich das große Geschichtsprojekt dahingequält. Seit kurzem jedoch lebt das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität auf, jetzt kommt Schwung in das Unternehmen. Mit seiner Organisationszentrale mitten in Warschau, in der ulica Zielna 39, mit polnischen und deutschen Mitarbeitern sowie den Vorsitzenden des Stiftungsrates, Andrzej Przewoźnik und dem deutschen Historiker Matthias Weber.
Noch klingen sie ein bisschen abstrakt, all diese Formeln von der »grenzüberschreitenden Aufarbeitung der Geschichte«, den »beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts« oder der »europäischen Freiheitsgeschichte jenseits des Eisernen Vorhangs«. Aber das ändert sich nun. Neben den Polen und Deutschen sind die Slowaken und Ungarn dabei, die Tschechen sitzen mit im Kuratorium und kommen wohl Ende des Jahres an Bord, Österreich würde dann folgen und das Baltikum.
Man kann über das neue Netzwerk nicht sprechen und über die Berliner Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung schweigen – das Projekt des Bundes der Vertriebenen, an dessen Spitze Erika Steinbach steht. Die Stiftung soll dermaleinst eine Dauerausstellung als »sichtbares Zeichen gegen Flucht und Vertreibung« tragen, die im Berliner Deutschlandhaus am ehemaligen Anhalter Bahnhof vorgesehen ist.
Die Wogen schlugen hoch, solange offen war, ob Erika Steinbach einen Sitz im Stiftungsrat übernehmen werde. Vor wenigen Wochen verzichtete sie. Zur Ruhe gekommen aber ist das Berliner Projekt keineswegs. Zwei Mitglieder aus Tschechien und Polen, darunter der Warschauer Historiker Tomasz Szarota, zogen sich zurück. Das machte vollends klar, dass das »Internationale« der Stiftung letztlich nicht viel mehr war als Camouflage. Oder in den Worten Szarotas: Nicht um eine Versöhnung mit Polen gehe es hier, sondern um eine Versöhnung der Deutschen mit sich selbst.
Von einem »Neuanfang« in der Stiftung ist jetzt zwar viel die Rede – herauskommen wird bestenfalls ein Kompromiss, der keinen mehr befriedigen kann. Aber das alles war zu erwarten gewesen.
Damit richten sich viele, fast zu viele Erwartungen an das Netzwerk, das 2009 durch Verträge zwischen den Partnerstaaten seine institutionelle Grundlage erhielt. Hier setzt man ganz auf »Internationalisierung«. Nur ein europäischer Dialog könne »die Ursachen, historischen Hintergründe und vielfältigen Konsequenzen« der Umsiedlungen, von Flucht und Vertreibung für die Öffentlichkeit verständlich machen. Nicht mehr die Politik und die Verbände, die dazu neigen, Geschichte zu instrumentalisieren, sollen im Netzwerk den Ton angeben, sondern Historiker. Sie finden leichter einen Konsens, allen nationalen Dissonanzen zum Trotz.
Wie aber kann dieses »grenzüberschreitende« Erinnern nun ausgefüllt werden? Markus Meckel, der aus der ostdeutschen Bürgerbewegung kommt und 1990 letzter DDR-Außenminister war, hat in Polen sondiert. Es sind eine Menge Ideen beisammen, erste Vorhaben laufen bereits an. Es geht um lokale Geschichtswerkstätten und Oral History, um ein Schülerprojekt über den Lebensweg und die Spuren der Deutschen aus Bessarabien, der Bukowina und der Dobrudscha von 1940 an und um eine Wanderausstellung zum Leiden der Zivilbevölkerung in Europa zwischen 1938 und 1948. Zudem ist eine Arbeit zur Vertreibung der Tschechen aus dem Sudetenland nach dem deutschen Einmarsch 1938 in Vorbereitung.
- Datum 13.04.2010 - 17:39 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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von diesem "netzwerk" hatte ich noch nie gehoert - immer nur von der "stiftung"; und ich wuerde mich durchaus als vielleser beschreiben. das sagt schon einiges ueber die behandlung des themas in den (deutschen) medien.
"Wenn man erfährt, dass allein der Umbau des Berliner Deutschlandhauses für das neue Vertriebenenmuseum 14 Millionen Euro kosten wird, das Netzwerk aber mit jährlich 300.000 Euro auskommen muss – eine Summe, die sich Deutschland und Polen teilen –, dann schmerzt das schon."
das schmerzt nicht nur, da kommt mir die galle hoch! soll der steinbach-verein sich sein museum doch selbst finanzieren - das geld waere in in solchen "netzwerken" sicher besser angelegt.
Solange Vertriebene und Nutznießer der Vertreibung mitreden, wird man die Aufrechnerei wohl nie ganz los.
Am besten ist es, wenn eine neue Generation in den Vertreibungsgebieten die Geschichte ihres Landes entdeckt -- und welches reiche Kulturerbe mit der Vertreibung vernichtet wurde.
Beispielhaft sei Antikomplex in Tschechien genannt:
http://www.antikomplex.cz...
Ich persönlich war schon immer indifferent was das alles angeht und ich finde die pulsierende Leidenschaft mit der fast ein Menschenleben nach Kriegsende noch über jedes Detail berichtet und diskutiert wird höchstens befremdlich. Insofern ist etwas mehr Distanz schon angebracht um die Dinge klar zu sehen. Als historische Tatsachen und nicht als persönliche Biographie, voller Emotion und Subjektivität.
Aber umgekehrt kann man es keinem vorwerfen wenn er sich allein gelassen fühlt, in der Essenz zu hören bekommt "geschieht dir recht" wenn er aus seiner Heimat vertrieben wurde weil er kein Pole sondern Deutscher war aber sonst nichts mit dem Krieg - gar den Naziverbrechen - zu tun hatte. Kollektivstrafen sind immer eine Form von Rassismus. Und da beginnt dann das Aufrechnen: "Die Deutschen" haben "zuerst"...
Will man sich mit diesem Kapitel sachlich befassen dann darf man doch nicht mental die Frontstellungen des 2. Weltkrieges einnehmen, schwarz-weiß, Opfer-Täter, und so weiter. Und dazu gehört für mich ganz klar die traumatischen Erfahrungen der deutschen Vertriebenen abzutun, "sind ja bloß Deutsche", und ehrfürchtig zuzuhören wenn polnische Zeitzeugen von ihren Erfahrungen berichten. Allen muss zugehört werden und jedes Individuum muss auch als solches bewertet werden. "Kollektivstrafen", aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Staat oder einer Kultur gar, sind vordemokratisch.
Ich persönlich war schon immer indifferent was das alles angeht und ich finde die pulsierende Leidenschaft mit der fast ein Menschenleben nach Kriegsende noch über jedes Detail berichtet und diskutiert wird höchstens befremdlich. Insofern ist etwas mehr Distanz schon angebracht um die Dinge klar zu sehen. Als historische Tatsachen und nicht als persönliche Biographie, voller Emotion und Subjektivität.
Aber umgekehrt kann man es keinem vorwerfen wenn er sich allein gelassen fühlt, in der Essenz zu hören bekommt "geschieht dir recht" wenn er aus seiner Heimat vertrieben wurde weil er kein Pole sondern Deutscher war aber sonst nichts mit dem Krieg - gar den Naziverbrechen - zu tun hatte. Kollektivstrafen sind immer eine Form von Rassismus. Und da beginnt dann das Aufrechnen: "Die Deutschen" haben "zuerst"...
Will man sich mit diesem Kapitel sachlich befassen dann darf man doch nicht mental die Frontstellungen des 2. Weltkrieges einnehmen, schwarz-weiß, Opfer-Täter, und so weiter. Und dazu gehört für mich ganz klar die traumatischen Erfahrungen der deutschen Vertriebenen abzutun, "sind ja bloß Deutsche", und ehrfürchtig zuzuhören wenn polnische Zeitzeugen von ihren Erfahrungen berichten. Allen muss zugehört werden und jedes Individuum muss auch als solches bewertet werden. "Kollektivstrafen", aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Staat oder einer Kultur gar, sind vordemokratisch.
@2: Antikomplex in Tschechien ist leider die seltene Ausnahme. Die neue Bevölkerung hat kein Interesse an Ausstellungen, die die deutsche Geschichte betreffen, auch wenn sich einzelne tschechische Freunde redlich bemühen. Geschichte und Kultur entwickeln sich eben über Jahrhunderte.
Das Problem in allen Vertreibungsgebieten: Es entstehen kultur-und geschichtsfreie Räume. Ein Trauerspiel!
Krieg und Vertreibung hängen doch nicht davon ab, ob ein paar Historiker einen Konsens finden oder nicht. Die Kausalität der Ereignisse sagt mir, dass die Historiker sich sogar augenblicklich in Luft auflösen könnten, ohne dass sich an den Geschehnissen etwas ändert.
Die Geschichte ist seit über siebzig Jahren bekannt, meist aus den eigenen Familien heraus. Nur sprechen durfte man darüber nicht und offiziell gab es den zweiten Teil der Kriegsfolgen nicht. Also, was soll´s? Und in dieser Zeitung ist das Thema sowieso verfehlt.
Ich persönlich war schon immer indifferent was das alles angeht und ich finde die pulsierende Leidenschaft mit der fast ein Menschenleben nach Kriegsende noch über jedes Detail berichtet und diskutiert wird höchstens befremdlich. Insofern ist etwas mehr Distanz schon angebracht um die Dinge klar zu sehen. Als historische Tatsachen und nicht als persönliche Biographie, voller Emotion und Subjektivität.
Aber umgekehrt kann man es keinem vorwerfen wenn er sich allein gelassen fühlt, in der Essenz zu hören bekommt "geschieht dir recht" wenn er aus seiner Heimat vertrieben wurde weil er kein Pole sondern Deutscher war aber sonst nichts mit dem Krieg - gar den Naziverbrechen - zu tun hatte. Kollektivstrafen sind immer eine Form von Rassismus. Und da beginnt dann das Aufrechnen: "Die Deutschen" haben "zuerst"...
Will man sich mit diesem Kapitel sachlich befassen dann darf man doch nicht mental die Frontstellungen des 2. Weltkrieges einnehmen, schwarz-weiß, Opfer-Täter, und so weiter. Und dazu gehört für mich ganz klar die traumatischen Erfahrungen der deutschen Vertriebenen abzutun, "sind ja bloß Deutsche", und ehrfürchtig zuzuhören wenn polnische Zeitzeugen von ihren Erfahrungen berichten. Allen muss zugehört werden und jedes Individuum muss auch als solches bewertet werden. "Kollektivstrafen", aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Staat oder einer Kultur gar, sind vordemokratisch.
Bezüglich des ersten Absatzes bedenken Sie bitte, dass die Erfahrungen der Vertreibung sicherlich so einschneidend waren, dass sie schon deshalb von den Vertriebenen (ich gehöre nicht dazu) immer wieder Gesprächsthema sind. Das trifft sicherlich auch auf die vertriebenen Polen zu.
Bis auf diese diese kleine Einschränkung: Ein sehr guter Kommentar, weil er auf das Handeln des Einzelnen abzielt. Es ist immer das Individuum, dass die Wahl zwischen gut und böse hat!
"offizielles Erinnern" in dieser Angelegenheit? 65 Jahre nach Kriegsende dürften in so einem Verband wie dem der "Vertriebenen" die puren Organisationsinteressen die unmittelbaren Erfahrungen der damals Betroffenen weit in den Schatten stellen. Dieser Verband könnte also schlicht sein eigenes Museum errichten, über die Qualität der Ausstellung entscheidet dann die öffentliche Debatte und der wissenschaftliche Dialog.
Stattdessen beschäftigt sich nun der Staat mit ideologischer Geschichtspolitik. Es wird von Vertreibungen die Rede sein, aber z.B. die Vertreibung zehntausender Aschkali, Roma, Sinti, Serben etc. auch unter den Augen siegreicher deutscher NATO-Soldaten im Kosovo wird nicht die Rede sein. Ideologie eben, aber die sollte bitte nicht staatlich daherkommen.
wird nicht "verhungern", Herr Hofmann, wenn auch Journalisten am Ball bleiben. Das Engagement der Historiker könnte dadurch beste Unterstützung erfahren. - Es ist typisch, wenn man die Beträge vergleicht, was sich die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung so ergattern kann; die bis heute an den Tag gelegte Unversöhnlichkeit, ja sogar der Haß, wird sie in sich selbst aufreiben, je mehr, je besser das Europäische Netzwerk seine Arbeit und seine Ideen präsentieren kann. - Versöhnung ist angesagt; dazu gehören klare Darstellungen der Geschichte. -
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