Pharmakonzerne Lizenzen für Babys?
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Wettlauf um die DNA

Die Kommission war schnell überzeugt. Und das Euro-Patentamt verteilte sowieso schon fleißig Biopatente. Erst als das Parlament in Straßburg aufbegehrte und erstmals in der Geschichte einem Brüsseler Gesetzeswerk die Unterstützung verweigerte, gingen die Eurokraten überhaupt auf die Bedenken der Kritiker ein. Schließlich schlossen sie Embryonen und Keimzellen von der Patentierung aus. Das besänftigte zumindest die Kirchen, die beim Thema Fruchtbarkeit empfindlich sind. Ansonsten unternahm Brüssel nichts gegen den Allmachtsanspruch der Arzneikonzerne.

So kam es zum Wettlauf um die DNA. Gewinner waren die, die sich gleich zu Anfang Patente auf die Gene sicherten, die für weitverbreitete Krankheiten wie Krebs oder Diabetes verantwortlich sind. Verlierer sind dagegen diejenigen, die seither an entsprechenden Arzneien forschen. Selbst wenn sie an völlig neuen Wirkmechanismen arbeiten, müssen sie der etablierten Konkurrenz Lizenzen zahlen. Und wenn Dermatologen feststellen, dass Hautwarzen durch ein Gen ausgelöst werden, das man einst als Krebsverursacher patentierte, dürfen auch sie ihr Medikamente nur mit Erlaubnis der Patentbesitzer auf den Markt bringen.

In den USA versucht man dem inzwischen Einhalt zu gebieten. Vergangene Woche annullierte ein New Yorker Gericht Patente des Diagnostikakonzerns Myriad Genetics, der sich die Rechte auf zwei Brustkrebsgene gesichert hatte und seine Tests nun als Monopolist anbot. Geklagt hatten Patienten, die sich durch den mangelnden Wettbewerb beeinträchtigt sahen. Möglicherweise gibt es für die Gerichte bald noch mehr zu tun, denn ein Fünftel des menschlichen Genoms ist verteilt. Natürlich würde kein Unternehmen freiwillig zugeben, dass es sich bei irgendeinem seiner Schutzrechte um ein taktisches Patent handelt – formuliert einzig, um die Konkurrenz vom Forschungsgegenstand fernzuhalten. Merck macht da keine Ausnahme: So gibt sich der Pharmachef im Interview demonstrativ als Freund des Wettbewerbs. »Ich bin der Meinung, es müssen immer mehrere Firmen an einem Ziel forschen – damit am Ende ein oder zwei davon erfolgreich sind«, sagt Schnee. Und sollte jemand zu der Auffassung gelangen, dass sein Unternehmen doch ein exklusives Recht auf die Eizelle erlangt habe, dann bekämen andere Firmen selbstverständlich die freie Lizenz, daran zu forschen, verspricht er. »Wir verteidigen dieses nicht«, sagt er. »Ich stehe zu dem Gesetz.«

Wenn das so ist, hat Schnee durchaus Gelegenheit, guten Willen zu zeigen: Inzwischen hat Patentwächter Then nämlich einen weiteren Antrag von Merck Serono zutage gefördert: EP1697504. Wieder geht es um eine Fertilitätstherapie, und wieder sind gleich mehrere Ansprüche auf das Ei gerichtet. Und weil das Patent noch nicht bewilligt ist, könne Merck es durch ein paar Streichungen entschärfen, sagt Then.

Der Pharmachef selbst will dazu nichts mehr sagen. Auch zum alten Spermapatent bleibt Schnee Antworten schuldig. Er werde sich erkundigen, wehrt er schon beim Gespräch in Genf ab. Später melden sich noch einmal seine Kommunikatoren mit der Botschaft, das Unternehmen habe in diesem und einem ähnlichen Fall inzwischen auf Schutzrechte verzichtet – an den Spermien wie auch an der Therapie selbst.

Schwer zu glauben, dass dies »aus ethischen Gründen« geschah, wie Sprecher Gangolf Schrimpf nahelegt. Die ökonomischen Gründe liegen näher: Denn Fortschritte in der Therapie bleiben seit Langem aus – ganz besonders bei der Behandlung von Männern. »Die wenigen Substanzen, die die Industrie in den vergangenen Jahren erforschte, fielen allesamt beim klinischen Test durch«, klagt Sabine Kliesch, Andrologin an der Uniklinik Münster. Bei der Behandlung von Frauen sieht es nur wenig besser aus. Die wichtigste Innovation war Anfang der neunziger Jahre die Einführung der rekombinanten Gonadotropine anstelle von Hormonen auf Urinbasis. Es folgte ein Patentstreit, den Serono gewann – ein Konkurrent zahlt seitdem Lizenzen, ein anderer verzichtet auf die Neuerung. Und selbst Marktführer Serono sucht vergeblich nach neuen Bestsellern. Er hat Steuern optimiert, die Konkurrenz kujoniert, aber in der Forschung letztlich nicht reüssiert.

Was bleibt, ist eine Firmenstrategie, die den Schutz weiter schwächt, den die Ursprünge menschlichen Lebens heute genießen. Dem Darmstädter Unternehmen Merck ergeht es derweil wie einst dem Faust, der sich mit den Mächten der Finsternis verband, um Glück und Erkenntnis zu gewinnen, und tragisch endete. Merck erbt nun die Debatte um ethische Grenzüberschreitungen, die dem Ruf des Unternehmens schadet. Der alte Merck fand übrigens vor mehr als 200 Jahren, sein Freund Goethe habe das Drama »mit der größten Treue der Natur abgestohlen«.

 
Leser-Kommentare
    • Fifty4
    • 10.04.2010 um 14:01 Uhr

    Hochbezahlte, studierte Menschen prügeln sich quasi um das Leben, insoweit man damit Geld scheffeln kann. So als wenn es nichts anständiges gäbe, mit dem man seinen Lebensunterhalt und noch einiges darüber hinaus verdienen könnte. Für mich sind diese Vertreter der Menschheit Abschaum.

    Alle Patente, die die DNA von Menschen, Tieren und Pflanzen betreffen, gehören aufgehoben.

    Allen Patienten ist anzuraten, soweit wie möglich auf Arzneimittel zu verzichten, am besten ganz. Ein gesundes Leben ist auch ohne Zusatz- und Hilfsstoffe möglich.

    Besser wäre noch die Krankenkassen zu meiden und so den Sumpf der sich "Gesundheitsbranche" nennt auszutrocknen und zu dem zu machen was er wirklich ist. Krank und überflüssig.

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    • farn
    • 10.04.2010 um 14:18 Uhr

    "Besser wäre noch die Krankenkassen zu meiden und so den Sumpf der sich "Gesundheitsbranche" nennt auszutrocknen und zu dem zu machen was er wirklich ist. Krank und überflüssig."

    Per se ist die Idee der Krankenkasse eine hochsoziale. Beschissen ist nur, was daraus im Laufe der Zeit gemacht wurde (Paradebeispiele gibt es zur Genüge, es sei der Film "Sicko" von Michael Moore empfohlen). Hier gehören unumgängliche Gesetzte geschaffen bzw. kontrolliert, um zB kranken Menschen die Aufnahme in eine Versicherung zu garantieren. Edelkassen für die Ewiggesunden mit dem hohen Lebensstandard darf es laut dem Gleichheitsprinzip nicht geben.

    • farn
    • 10.04.2010 um 14:18 Uhr

    "Besser wäre noch die Krankenkassen zu meiden und so den Sumpf der sich "Gesundheitsbranche" nennt auszutrocknen und zu dem zu machen was er wirklich ist. Krank und überflüssig."

    Per se ist die Idee der Krankenkasse eine hochsoziale. Beschissen ist nur, was daraus im Laufe der Zeit gemacht wurde (Paradebeispiele gibt es zur Genüge, es sei der Film "Sicko" von Michael Moore empfohlen). Hier gehören unumgängliche Gesetzte geschaffen bzw. kontrolliert, um zB kranken Menschen die Aufnahme in eine Versicherung zu garantieren. Edelkassen für die Ewiggesunden mit dem hohen Lebensstandard darf es laut dem Gleichheitsprinzip nicht geben.

    • farn
    • 10.04.2010 um 14:18 Uhr

    "Besser wäre noch die Krankenkassen zu meiden und so den Sumpf der sich "Gesundheitsbranche" nennt auszutrocknen und zu dem zu machen was er wirklich ist. Krank und überflüssig."

    Per se ist die Idee der Krankenkasse eine hochsoziale. Beschissen ist nur, was daraus im Laufe der Zeit gemacht wurde (Paradebeispiele gibt es zur Genüge, es sei der Film "Sicko" von Michael Moore empfohlen). Hier gehören unumgängliche Gesetzte geschaffen bzw. kontrolliert, um zB kranken Menschen die Aufnahme in eine Versicherung zu garantieren. Edelkassen für die Ewiggesunden mit dem hohen Lebensstandard darf es laut dem Gleichheitsprinzip nicht geben.

  1. Moin,

    das Problem mit vielen Patenten rührt u.a. aus der weniger bekannten Tatsache, dass das europäische Patentamt (EPO) sich aus Patentgebühren finanziert. Diese geniale Privatisierung der staatlichen Aufgabe der Gewährleistung der Rechtssicherheit führt dazu, dass die EPO bevorzugt daran interessiert ist Patente zu erteilen. Aber weniger daran die Auswirkungen auf das Allgemeinwohl zu berücksichtigen. Dann kommt es zu Auswüchsen wie im Artikel beschrieben.

    CU

    P.S.: weitere Stichworte sind Trivialpatent, Patent-Troll und U-Boot-Patent (-> Wiki)

  2. als die Parmaindustrie samt "Forschende Pharmaunternehmen". Sie erklären sich selbst zu Rettern aller kranken und nutzen ihre Stellung um sich auf usnere Kosten zu bereichern. Sie sparen nicht an Tierversuchen um möglichst viele unsinnige aber teure meidkamente auf den Markt zu bringen. Sie interessieren sich nicht für Menschen, sie sind eien industrie und kein Gemeinnütziger Ferein, wie ihre Werbung suggeriert.

    Wenn ich den Artikel so lese, wird mir ganz mulmig.
    Wenn es um Patente und persönlichkeitsrechte geht, brauchen wir dringend Piraten im Budnestag.
    Bei diesem Thema, darf der ethische Gesichtspunkt nicht utnergraben werden. Hier geht es um ethische Fragen, die unser slebstverständnis und usnere Zukunft evident betreffen.

  3. "Allen Patienten ist anzuraten, soweit wie möglich auf Arzneimittel zu verzichten, am besten ganz. Ein gesundes Leben ist auch ohne Zusatz- und Hilfsstoffe möglich."

    Genau das! Das müssen die Deutschen endlich lernen, die für jeden Murks tabletten schlucken! lasst die dinger liegen.

    • Pyr
    • 10.04.2010 um 16:14 Uhr

    Patente werden offensichtlich an allen Ecken und Enden missbraucht. Längst schützen sie nicht mehr den kleinen Mann, sondern zementieren die Übermacht großer Unternehmen. Denn nur diese können sich die Anwalts-Heerscharen leisten, um entsprechende Ansprüche auch durchzusetzen - für einen mittelständischen Betrieb ist es dagegen ein viel zu großes Risiko, gegen einen Riesenkonzern vorzugehen.

    Die einfache Lösung: Patente KOMPLETT abschaffen. JETZT!

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    • joG
    • 11.04.2010 um 15:34 Uhr

    ...konservativ und schütte nur ungerne Kinder mit dem Bade aus.

    • joG
    • 11.04.2010 um 15:34 Uhr

    ...konservativ und schütte nur ungerne Kinder mit dem Bade aus.

    • mtob
    • 10.04.2010 um 16:59 Uhr

    Ein Argument fehlt da noch: wenns wir nicht machen, machen es die anderen.

    Irgendwie hat die Pharmaindustrie (der Freudsche Fehler "Parmaindustrie" oben ist fast schon eine intelligente Umschreibung dieser Käsebranche) dringend eine moralische Wende nötig. Man wird den Eindruck nicht los, dass es den dort tätigen Menschen ziemlich heftig das Maß verrissen hat.

    Aber so lange wir alle von den Profiten der Käsekocher profitieren … wer soll, wer will sich wehren? Wer unterstützt jene Leute, die diese Patentkrimis bekannt machen? Alle zwei Jahre die Zeit. Danke dafür, aber reichen tut das mit Sicherheit nicht.

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    • farn
    • 10.04.2010 um 18:04 Uhr

    "Wer unterstützt jene Leute, die diese Patentkrimis bekannt machen? Alle zwei Jahre die Zeit. Danke dafür, aber reichen tut das mit Sicherheit nicht."
    Stimmt - Medienenthüllungen müssen auch für mehr Missmut auf dem Stimmzettel sorgen. Ansonsten: entsprechende Petitionen unterstützen, auf diesbezüglichen Demos mitlaufen, Kaufverhalten ändern (bzw. einfach zu einem gesünderen Lebensstil wechseln). Soetwas kann jeder und sollte im großen Stil, sofern in diesem Staate der Souverän wirklich das Volk sein sollte, auch helfen.

    • Fifty4
    • 11.04.2010 um 0:39 Uhr

    Es ist Schinken, der aus Parma kommt, der Käse heißt Parmesan.

    • farn
    • 10.04.2010 um 18:04 Uhr

    "Wer unterstützt jene Leute, die diese Patentkrimis bekannt machen? Alle zwei Jahre die Zeit. Danke dafür, aber reichen tut das mit Sicherheit nicht."
    Stimmt - Medienenthüllungen müssen auch für mehr Missmut auf dem Stimmzettel sorgen. Ansonsten: entsprechende Petitionen unterstützen, auf diesbezüglichen Demos mitlaufen, Kaufverhalten ändern (bzw. einfach zu einem gesünderen Lebensstil wechseln). Soetwas kann jeder und sollte im großen Stil, sofern in diesem Staate der Souverän wirklich das Volk sein sollte, auch helfen.

    • Fifty4
    • 11.04.2010 um 0:39 Uhr

    Es ist Schinken, der aus Parma kommt, der Käse heißt Parmesan.

  4. Bei jedem Forschungsprojekt möchten die Geldgeber den Erfolg oder Mißerfolg einfach ermitteln können. Da werden dann die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen und die Anzahl der Patente gezählt. Das führt dann dazu, daß die Wissenschaftler, die die Projekte bearbeiten, jeden Datenschnipsel veröffentlichen oder patentieren lassen, um eventuell eine Anstellung in einem möglichen Folgeprojekt zu bekommen. Das machen mittlerweile auch öffentliche Geldgeber so. Das erhöht den Druck auf die Wissenschftler, führt zu vielen Patenten mit wenig Innovation, sorgt aber auch dafür, das Wissenschaftler nicht im Elfenbeinturm einschlafen, wie es in den 70ern und 80ern offenbar oft passiert ist. Menschlich verständlich. Verbesserungsvorschläge sind willkommen.

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