Designer Richard Sapper Der WeltverbessererSeite 4/4

Seinen kommerziell größten Erfolg hatte Sapper bei IBM. "Alles, was Sapper macht, geht von einer fundamentalen Idee aus", sagt David Hill, der heute Designchef von Lenovo ist, dem chinesischen Computerhersteller, der die Notebook-Produktion von IBM aufgekauft hat. Zuvor verantwortete Hill die Gestaltung der IBM-PCs. Er kam zu IBM, als Sapper dort schon Berater war. Dieser inspizierte ein paar Produktentwürfe, darunter auch eine kleine Datenweiche, die man an den Computer anschließen konnte, Hill hatte sie gestaltet. Sapper deutete auf das kleine Kästchen: "Haben Sie das gemacht? Das ist sehr schön!" Es braucht schon das Auge eines Sapper, um Schönheit in einer kleinen Schachtel zu erkennen. Er sieht die Dinge von innen heraus, von ihrer Nützlichkeit. Von solcher Schönheit kann er schwärmen. Das Bedienfeld eines Computers verglich er schon einmal mit einem Bild von Monet.

Die Zukunft sucht Sapper noch immer, aber nicht mehr in Europa, sondern in China, wo er Geräte für Lenovo designt. "Ich bin sehr gerne dort", sagt Sapper, obgleich er froh wäre, wenn er etwas weniger reisen müsste in seinem Leben. Gerade hat er ein Produkt für Lenovo entworfen, es ist eben erst vorgestellt worden. Skylight heißt es – ein Mini-Laptop. Skylight ist fast so groß wie ein Notebook und lässt sich aufklappen, ist aber so flach wie ein Blackberry. "Das ist das erste Produkt einer ganz neuen Generation", ist Sapper überzeugt. "Es werden noch viele ähnliche Geräte folgen. Sie werden sehen!" Dann wäre Sapper wieder der Mann an der Spitze.

Die Entstehungsgeschichte dieses Geräts erzählt viel über die Besessenheit dieses Mannes: Als er den Auftrag bekam, Skylight zu entwickeln, war er begeistert – bis er erfuhr, dass ihm nur fünf Wochen bis zur Präsentation blieben. "Das soll wohl ein Witz sein", empörte er sich, "so etwas braucht Zeit." Er übernahm den Auftrag trotzdem – obgleich er gerade in die USA reisen wollte. In Massachusetts wollte er Freunde besuchen, in Los Angeles mit Frau und Sohn Thanksgiving feiern. "Wie sollte er etwas entwerfen, wenn er dauernd in Hotels oder bei Freunden war, Truthähne aufschneiden und Flugzeuge besteigen würde?", beschreibt David Hill Sappers Befürchtungen. Doch kurz nach der Landung rief Sapper den Designchef von Lenovo an, um ihm mitzuteilen, dass er in der Nacht von Aphrodite geküsst worden sei. Der Kuss der Aphrodite, so nennt er es, wenn ihm eine Idee gekommen ist. Alles beginnt bei ihm mit dem Kuss der Göttin der Sinnlichkeit.

Der Designer hatte ein schmales Gehäuse im Sinn, mit fließenden Formen, das dennoch kein "Puddingklacks" sein sollte. Allerdings brauchte Sapper nun ein Modell des Minicomputers, um weiterarbeiten zu können. Am Abend war er auf einer Cocktailparty in Gloucester eingeladen. Dort erzählte er einem Gast von seinem Problem. Der Mann stellte ihn einem anderen Partybesucher vor: einem Geigenbauer. Der bot an, er könne ein Modell bauen. Am nächsten Tag kam der Designer in den Musikladen, und sie hobelten gemeinsam das erste Modell des Skylight aus einem Olivenholz-Block. Sapper ließ zwei Modelle fertigen, eines in Rot und eines in Schwarz, und schickte sie pünktlich in die Lenovo-Zentrale. Wie knapp der Zeitplan war, sollten die Manager erkennen, als sie die Modelle aus den Kisten hoben: Die Farbe war noch nicht trocken. "Das einzige Problem war, die Dämmschutzfolie von der klebrigen Farbe zu entfernen", erinnert sich Hill. Einmal mehr hatte Q gezeigt, dass er keine unlösbaren Aufträge kennt.

Der Espresso ist ausgetrunken. Sapper stemmt sich aus seinem Ledersessel. Er guckt auf die Uhr, macht sich auf in Richtung Ausgang. Herr Sapper, was ist Ihr nächstes Projekt? "Ich entwerfe eine neue Pfeffermühle für Alessi. Ich weiß, Sie denken, noch eine Pfeffermühle, wer braucht denn das. Aber Sie werden schon sehen." Wahrscheinlich wird die Menschheit nach 1000 Jahren Pfeffermahlen endlich die ideale Mühle bekommen. Und wieder wird man von ihr als der "Alessi-Mühle" sprechen, nicht als der Sapper-Mühle. Sapper erreicht die Drehtür, hebt draußen eine Hand, um ein Taxi zu stoppen.

Und weg ist er.

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 12.04.2010 um 15:39 Uhr

    Richard Sapper!

    Es gibt sie noch... die Menschen, die die Welt allein deshalb schöner - formschöner - machen, weil sie die Dinge des täglichen Lebens funktionaler und weniger "anfällig" machen!

    Wie kommt auf solch einen schönen Beruf? Weil man sich über Heftklammern, Locher, Käsereiben, Herdplatten, Fernsehgeräte, Autorückspiegel, Laptops etc. so oft geärgert hat!

    Dieter Rams hat Design-Geschichte geschrieben! Richard Sapper hat Design-Geschichte geschrieben! Ettore Sottsass hat Design-Geschichte geschrieben! Charles und Ray Eames haben Design-Geschichte geschrieben.

    Wie ist das denn mit Luigi Colani? Er ist für sich selbst ja ein guter Marketing-Fachmann. Gehört er auch in die Kategorie der international besten "Industrie-Designer"?

    Ich jedenfalls kann mich an derart gut gestylten und funktional durchdachten Gegenständen sehr erfreuen. Allerdings: Manchmal fehlt mir das nötige Kleingeld für den Erwerb eines solch überlegt konstruierten Designteils.

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