Richard von Weizsäcker In der Wortewelt
Ein konservativer Protestant mit einem Faible für Linksliberale – der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker wird 90. Eine Würdigung
© Jens Schlueter/AFP/Getty Images

Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker
Seinen ersten öffentlichen, politischen Auftritt hatte Richard von Weizsäcker 1957 in der ZEIT. Vielleicht sollte man aus aktuellem Anlass ausnahmsweise zurückblenden auf diese Vorgeschichte, welche das Blatt, Marion Gräfin Dönhoff und Richard von Weizsäcker, der am 15. April 90 Jahre alt wird, miteinander verbindet.
Dem Freund aus der Industrie gab Marion Dönhoff Gelegenheit, die »Göttinger Erklärung« von 18 namhaften Atomphysikern im Blatt leidenschaftlich zu verteidigen. Gegen eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik hatten die Autoren sich gewandt, und zugleich plädierten sie für einen verantwortlichen Umgang der Wissenschaft mit den eigenen Forschungsergebnissen. Manche von ihnen waren gebrannte Kinder aus der Hitler-Zeit. Zu ihnen gehörte auch Carl Friedrich von Weizsäcker, der acht Jahre ältere Bruder Richards. Sie hatten gelernt aus diesen Jahren, in denen ihre Auftraggeber – grob gesagt – eine »Atombombe für Hitler« erhofften, und wünschten, die Republik solle mitlernen.
Schnee von gestern? Ja und nein, denn über die Selbstverständigungsprozesse in der Bundesrepublik kann man am Beispiel Weizsäckers, seiner frühen »Erzieherin« Marion Dönhoff oder des Freundes der späten Jahre, Helmut Schmidt, manches lernen. So viel vorweg: Für Weizsäcker wurde Schmidt der Referenzkanzler, für Schmidt Weizsäcker der Referenzpräsident. In dem Sinne sind beide spürbar bis heute nicht außer Dienst.
Der Freiherr
Richard Freiherr von Weizsäcker wurde am 15. April 1920 in Stuttgart geboren. Sein Vater Ernst von Weizsäcker war Diplomat und von 1938 bis 1943 Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin. Nach dem Krieg half Richard von Weizsäcker bei der Verteidigung seines Vaters in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Dieser wurde 1949 unter anderem wegen Verbrechen gegen den Frieden verurteilt.
Richard von Weizsäcker arbeitete zunächst bei verschiedenen Unternehmen, bevor er 1969 als Bundestagsabgeordneter in die Politik wechselte. 1974 kandidierte er vergeblich für das Amt des Bundespräsidenten. Von 1981 bis 1984 war Weizsäcker Regierender Bürgermeister von Berlin. Am 23. Mai 1984 wurde er zum Bundespräsidenten gewählt; er blieb bis 1994 im Amt.
Als Nukleus der geistigen »Familie« Richard von Weizsäckers seit 1945 muss man sich Axel von dem Bussche und Marion Dönhoff vorstellen. Freund und »Vorbild« von dem Bussche war wie er vom 1. September 1939 an im Infanterieregiment 9 in Polen, sie marschierten und kämpften an der Ostfront, 1942 befand Bussche, um das Schlimmste zu verhindern, helfe nur noch, Hitler umzubringen – der Attentatsversuch, den er selber wagte, scheiterte an Zufällen. Bussche, Dönhoff und Richard von Weizsäcker fuhren im Herbst 1945 gemeinsam zu den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg, verblüffend selbstsicher in der Einschätzung, dass die Deutschen den Reinigungsprozess auch ohne Alliierte in die Hand nehmen könnten.
Früh und gegen alle Familientradition wagte sich Richard von Weizsäcker in die Parteiendemokratie und schloss sich der »am wenigsten fremden Partei« an, der CDU. Seine Meinung aber wollte er deshalb nicht an der Garderobe abgeben. Damals so wenig wie später im erbitterten Streit mit der eigenen Fraktion um Brandts Ostverträge oder in den Konflikten als Präsident mit Kanzler Kohl. Konrad Adenauer, der alte »Weimarianer«, wie Weizsäcker ihn nennt, riet dem jungen Mann strikt ab von einem beruflichen Weg in die Politik, ja Weizsäcker fand, er habe ihn in »Sippenhaft« für den Vater genommen, der bis 1942 Staatssekretär Ribbentrops war.
1962 verteidigte Weizsäcker wiederum mit Marion Dönhoffs Hilfe in der ZEIT das »Tübinger Memorandum«, eine Denkschrift, die neben der Warnung vor einer nuklearen Aufrüstung für eine endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze plädierte. Ein mentaler Sprengsatz! Die Teilung Deutschlands sei kein selbstständiges Problem mehr, drängte er, sie lasse sich nur in der Aufhebung der Teilung Europas überwinden, und dahin könnten allein »langfristige Evolutionen« führen. Man schrieb 1962. Ein Jahr darauf, 1963, hielt Egon Bahr (SPD) in Tutzing seine berühmte Rede vom »Wandel durch Annäherung«. 1965 legte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit der Ostdenkschrift nach. Mit Herz und Kopf dabei: Weizsäcker.
Weizsäcker kritisierte die Parteien, Kohl empfand das als Affront
Das Memorandum befürwortete zudem ein renoviertes Bildungs- und Erziehungssystem. Zu den Unterzeichnern gehörten: Hellmut Becker, Präses D. Joachim Beckmann, Klaus von Bismarck, Werner Heisenberg, Günter Howe, Georg Picht, Ludwig Raiser, und erneut Carl Friedrich von Weizsäcker. Alle entstammten dem protestantischen Milieu der Republik, der Gegenwelt des Kölner Katholiken Adenauer. Auch der Pädagoge Hartmut von Hentig (Nachbar der Dönhoffs in Ostpreußen) und einige andere zählten zu diesen Zirkeln, die Adenauer als protestantische Mafia verspottete. Um Erziehung im weitesten Sinne kreisten damals die Gedanken. Drei Schulprojekte folgten aus den bildungspolitischen Reformideen: die Laborschule Bielefeld, der Birklehof und die Odenwaldschule. Durch die nun bekannt gewordenen Missbrauchsfälle liegt heute auf der Odenwaldschule ein dunkler Schatten. Auch Richard von Weizsäckers mittlerweile verstorbener Sohn Andreas war dort vor mehr als 30 Jahren Schüler.
- Datum 15.04.2010 - 06:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
- Kommentare 9
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....der seinen unschuldigen Vater und Mitglieds der SS nach dem Krieg verteidigte. Persönlich wusste ich nie, wann er wirklich glaubte was er sagte. Aber meine Mutter fand seine Art immer sehr würdevoll.
Wenn man R.v.Weizsäckers Lebenslauf studiert fragt man sich schon, wann der spätere Bundespräsident sein Gewissen entwickelt hat. Er war im Krieg an vorderster Front, hat Leningrad aushungern geholfen, sein Vater war Diplomat unter Hitler, er war Manager beim Hersteller von Agent Orange. Wo blieben da christliche Gebote? Er gehört zur Generation, die eines der düstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte mitgeschrieben hat. Wie bewahrt man sich da seinen "Gott"? Vielleicht in der Hoffnung auf himmlische Absolution für die Standhaftigkeit im Glauben, die nach protestantischem Verständnis jede Schuld reinwäscht? Auch die "berühmte" Rede zum 8. Mai scheint mir der Versuch, eigene und kollektive Versäumnisse aus der Geschichte zu tilgen. Desertierte er nicht zuletzt - aus Erkenntnis oder Kalkül? - als andere, nicht privilegierte, Kindersoldaten, Ausgelaugte, ihren Kopf bis zuletzt hinhalten mussten? Ausbadeten, was die "Oberen" angezettelt hatten. Das Kriegsende war eine Kapitulation, sie kam nicht "freiwillig" zustande. Wo waren die Eliten, zu denen dieser Mann gehört(e), als die Nazis aufstrebten, ihr Regime aufbauten, ihre Ungeheuerlichkeiten straff organisierten und vollendeten? Wenn's schiefgeht, danach, ist auch der Dümmste klüger....
Typisch die Nähe der Weizsäcker-Dynastie zur mächtigen Kirche: Thron und Altar vereint, auch das hat Deutschland trotz vieler REligionskriege noch nicht überwunden.
"Auch an die eigene Lebensgeschichte knüpfte unausgesprochen seine Rede vom 8. Mai 1985 an, 40 Jahre nach Kriegsende. Über die »Befreiung« von außen sprach er, über die Notwendigkeit der Erinnerung an die wahren Ursachen des Krieges im Jahr 1933 und darüber, dass jeder Deportationszüge rollen hörte, der hören wollte." wobei der in der "Wortewelt" Lebende aus der eigenen Lebensgeschichte unerwähnt ließ, dass der eigene Vater nicht nur Züge rollen hörte, sondern Deportationsbefehle nach Auschwitz unterschrieb. Er wars nicht, Ribbentrop ists gewesen, lautete die erfolgreiche Verteidigungsstrategie des Sohnes.
Als Elternvorsitzender der Odenwaldschule zur Zeit der Errichtung eines hermetischen Missbrauchssystem fehlten Gehör und Worte.
Zu den Leser"kommentaren" 1-3:
Ich finde diese Kommentare einfach widerlich - übrigens zu diesem und zu anderen Themen! Der Tenor ist immer der gleiche - für die "Zeit" einfach indiskutabel - und sicher werden sich auch die anderen bekannten, immer wieder gleiche LeserInnen in ähnlicher Weise melden (wetten?)!
Es ist einfach indiskutabel, wenn diese Leser ihren Frust - woher auch immer sie ihn haben - hier glauben loswerden zu müssen, wenn sie einfach mit Schmutz um sich werfen und keine ernst zu nehmende Diskussion führen (wollen? - nicht können wegen Überforderung des Intellekts?).
Jedenfalls kann Deutschland froh sein, Weizsäckers zu haben bzw. gehabt zu haben (Carl Friedrich, Andreas).
Herzlichen Glückwunsch dem Jubilar! Und noch viele Jahre mit Gottes Segen!
Zur Erinnerung ein Ausschnitt:
Was ist ein "guter“ Leserbeitrag?
* Ein guter Kommentar bezieht sich auf den jeweiligen Artikel oder das Thema der Diskussion. Mit anderen Worten: Er ist relevant.
* Die eigene Meinung sollte in Ihrem Beitrag mit klaren Argumenten begründet werden. Gehen Sie gerne kritisch auf konträre Standpunkte ein und vermeiden Sie Pauschalisierungen.
* Behalten Sie immer einen freundlichen, respektvollen Umgangston bei.
Es sollten die nicht mit Steinen werfen, die im Glashaus sitzen - und wie war das doch noch mit dem Splitter im Auge?
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Es sollten die nicht mit Steinen werfen, die im Glashaus sitzen - und wie war das doch noch mit dem Splitter im Auge?
helmut schmidt respektiere ich - v. Weizäcker achte ich. Schmidt nehme ich mit dem was er als elder Statesman sagt zur kenntnis - v. Weizäcker gebe ich weiter.
Ansomsten:
Forum wird in meinem DUDEN - Deutsches Universalwörterbuch - widergegeben als: Ein Kreis von geeigneter Persönlichkeiten, in dem die sachgerechte Erörterung von Problemen und deren Lösungen gewährleistet ist.
Geeignete Persönlichkeiten?
Sachgerecht?
"Gewährleistet"?
Was ist das dann hier?
Der frühere Mitarbeiter Richard von Weizsäckers, Friedbert Pflüger, hat veröffentlicht, dass Richard von Weizsäcker die Rede am 8. Mai 1985 mit der dort enthaltenen Aussage, wer Deportationszüge nach Auschwitz rollen hören wollte, sie hätte rollen hören können, mit der Bitte um Freilassung des letzten gefangenen NS-Funktionärs, Rudolf Hess, verbinden wollte.
Da drängt sich der Eindruck auf, dass Schuld entweder auf möglichst viele Schultern verteilt werden sollte, um die Interessen eines einzelnen hochrangigen Schuldigen vertreten zu können oder eine Schuldverschiebung auf den Vorgesetzten und Untergebene, wie im Falle der Verteidigung des Vaters im Wilhelmstraßenprozess, vorgenommen wurde.
Die Verteidigungsstrategie für den im Wilhelmstraßenprozess angeklagten Vater beinhaltete, dass er mit dem Begriff "Auschwitz" nichts verbinden konnte, als er Deportationsbefehle an diesen Ort unterschrieb.
Und das, obwohl ein Unterstaatssekretär im Außenministerium Teilnehmer der Wannseekonferenz war.
Kritische Nachfragen wurden und werden - wie vor wenigen Tagen im ZDF lebhaft dokumentiert - mit Eiseskälte in schneidendem Militärton abgekanzelt.
Nach diesem Interview bekommt man einen lebhaften Eindruck, wie es Co-Eltern gegangen sein mag, falls sie dem Elternvorsitzenden an der Odenwaldschule einen Missbrauchsverdacht mitteilen wollten.
Die von Weizsäckersche Aussage, von den hundertfachen Missbräuchen nie etwas vernommen zu haben, wird wohl den Tatsachen entsprechen.
Der frühere Mitarbeiter Richard von Weizsäckers, Friedbert Pflüger, hat veröffentlicht, dass Richard von Weizsäcker die Rede am 8. Mai 1985 mit der dort enthaltenen Aussage, wer Deportationszüge nach Auschwitz rollen hören wollte, sie hätte rollen hören können, mit der Bitte um Freilassung des letzten gefangenen NS-Funktionärs, Rudolf Hess, verbinden wollte.
Da drängt sich der Eindruck auf, dass Schuld entweder auf möglichst viele Schultern verteilt werden sollte, um die Interessen eines einzelnen hochrangigen Schuldigen vertreten zu können oder eine Schuldverschiebung auf den Vorgesetzten und Untergebene, wie im Falle der Verteidigung des Vaters im Wilhelmstraßenprozess, vorgenommen wurde.
Die Verteidigungsstrategie für den im Wilhelmstraßenprozess angeklagten Vater beinhaltete, dass er mit dem Begriff "Auschwitz" nichts verbinden konnte, als er Deportationsbefehle an diesen Ort unterschrieb.
Und das, obwohl ein Unterstaatssekretär im Außenministerium Teilnehmer der Wannseekonferenz war.
Kritische Nachfragen wurden und werden - wie vor wenigen Tagen im ZDF lebhaft dokumentiert - mit Eiseskälte in schneidendem Militärton abgekanzelt.
Nach diesem Interview bekommt man einen lebhaften Eindruck, wie es Co-Eltern gegangen sein mag, falls sie dem Elternvorsitzenden an der Odenwaldschule einen Missbrauchsverdacht mitteilen wollten.
Die von Weizsäckersche Aussage, von den hundertfachen Missbräuchen nie etwas vernommen zu haben, wird wohl den Tatsachen entsprechen.
Der frühere Mitarbeiter Richard von Weizsäckers, Friedbert Pflüger, hat veröffentlicht, dass Richard von Weizsäcker die Rede am 8. Mai 1985 mit der dort enthaltenen Aussage, wer Deportationszüge nach Auschwitz rollen hören wollte, sie hätte rollen hören können, mit der Bitte um Freilassung des letzten gefangenen NS-Funktionärs, Rudolf Hess, verbinden wollte.
Da drängt sich der Eindruck auf, dass Schuld entweder auf möglichst viele Schultern verteilt werden sollte, um die Interessen eines einzelnen hochrangigen Schuldigen vertreten zu können oder eine Schuldverschiebung auf den Vorgesetzten und Untergebene, wie im Falle der Verteidigung des Vaters im Wilhelmstraßenprozess, vorgenommen wurde.
Die Verteidigungsstrategie für den im Wilhelmstraßenprozess angeklagten Vater beinhaltete, dass er mit dem Begriff "Auschwitz" nichts verbinden konnte, als er Deportationsbefehle an diesen Ort unterschrieb.
Und das, obwohl ein Unterstaatssekretär im Außenministerium Teilnehmer der Wannseekonferenz war.
Kritische Nachfragen wurden und werden - wie vor wenigen Tagen im ZDF lebhaft dokumentiert - mit Eiseskälte in schneidendem Militärton abgekanzelt.
Nach diesem Interview bekommt man einen lebhaften Eindruck, wie es Co-Eltern gegangen sein mag, falls sie dem Elternvorsitzenden an der Odenwaldschule einen Missbrauchsverdacht mitteilen wollten.
Die von Weizsäckersche Aussage, von den hundertfachen Missbräuchen nie etwas vernommen zu haben, wird wohl den Tatsachen entsprechen.
Neue Variante - interessant aber nicht wirklich
Neue Variante - interessant aber nicht wirklich
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