Am Start - Kriminalität Leipzig Stadt der Bengel
Die neue Kripo-Chefin Sonja Krüßel will Leipzig sicherer machen. Dafür braucht sie auch Holzschrauben
Immer das gleiche Thema, klagt Kriminaloberrätin Sonja Krüßel. Neulich, in Leipzig, gab sie eine Pressekonferenz zur Kriminalitätsstatistik. »Die neueste Waffe im Kampf gegen Gangster und Ganoven ist blond«, schrieb daraufhin die Morgenpost .
Krüßel ist 37 Jahre alt und einigermaßen erschrocken ob all der Verwunderung darüber, dass eine junge, attraktive Frau in Rock und Ballerinaschuhen eine so wichtige Position in der sächsischen Polizei eingenommen hat. Die Wirtschaftsjuristin hat als Quereinsteigerin eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Bei der Dresdner Kripo leitete sie das Dezernat 1, zu dem auch die Mordkommission gehört. Nun ist sie seit wenigen Monaten Chefin der Leipziger Kriminalpolizeiinspektion, der größten in Sachsen – einer Behörde mit fünf Dezernaten und mehr als 300 Ermittlern, zuständig für die Bekämpfung schwerer Kriminalität.
Es ist eine besondere Behörde für besondere Aufgaben: Jede fünfte sächsische Straftat wird in Leipzig registriert – ein Drittel mehr als etwa in Dresden. Leipzig gilt als »Sachsens Kriminalitätshochburg«: schwierige Sozialstruktur, überdurchschnittliche Arbeitslosenquote, aber großstädtisches Flair. So viel zur Herausforderung.
Anfragen zu Homestorys und privaten Fotos am Herd – diese Wünsche gibt es wirklich – lehnt Sonja Krüßel ab. Nicht sie solle im Mittelpunkt stehen, sondern die Arbeit der Kollegen. Sie will nicht als Alpha-Frau in den Zeitungen gefeiert werden. »Gleichberechtigung«, sagt sie, »erreichen wir ohnehin nur, wenn das Geschlecht kein Thema ist. Eine Frau hat ihre Stelle nicht wegen der Quote, sondern weil sie gut ist.«
In der Leipziger Polizei zumindest dürfte hinreichend Bedarf herrschen an guten Leuten und kreativen Ansätzen: Viele Probleme sind seit Jahren nicht in den Griff zu bekommen. »Gerade bei der Eigentumskriminalität bleibt die Stadt ein Schwerpunkt«, sagt Krüßel: Wohnungseinbrüche, Diebstahl von Navigationsgeräten, Autoklau. Eine neue Strategie, von Krüßel angeschoben, ist die intensivere Beobachtung der Drogenszene – viele Delikte, sagt sie, ließen sich auf Beschaffungskriminalität zurückführen. Eine neue Arbeitsgruppe »Rauschgift« mit vier Beamten bezieht in diesen Wochen ihre Büros.
Auch die Wohnungseinbrüche bereiten der Ermittlerin Sorgen. Als Schwachstelle hat sie sogenannte Kantenriegel ausgemacht, Verbindungsteile bei zweiflügligen Wohnungstüren in sanierten Altbauten. Sie sind ein Leipziger Problem. Kriminelle können solche Riegel in 30 Sekunden öffnen – und tun es mit Vorliebe tagsüber. Schon eine einzige Holzschraube würde das erschweren. Und die Verbrechensstatistik, hoffentlich, einbrechen lassen. Wenn das gelänge, das ist die schlechte Nachricht für Sonja Krüßel, würden wieder alle Medien über sie berichten. Sie wird es ertragen.
- Datum 07.04.2010 - 11:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren