Stadtgeschichte Freiberg in Sachsen Vom Silber zur Sonne

Die Berg- und Universitätsstadt Freiberg macht aus ihrer Geschichte Zukunft

Fern der Heimat, im Sommer 2002, erfuhr der Reporter von Freibergs Untergang. Andalusien knisterte vor Hitze, der Guadalquivir schlich als grüne Suppe durch glühendes Land. Daheim rang Sachsen mit entfesselten Flüssen. Freiberg, meldete die Welt, sei in der Elbeflut ertrunken.

Unmöglich! Die alte Silberstadt thront auf einem Hochplateau, 300 Meter über der Elbe. Acht Jahrhunderte Bergbau haben den Grund durchlöchert wie einen Schweizer Käse. Schächte und Stollen können ersaufen, nicht die Stadt. Sie war denn auch keineswegs gemeint, sondern Freital bei Dresden. Nun ja, Wessi-Verwechslung, wie die übliche mit Freiburg im Breisgau. Derlei Unbildung kränkt den Freiberger, der sich als Bürger einer kleinen Weltstadt wähnt.

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Der Reporter kennt Freiberg seit 1972, aus Lehrlingstagen. Der Erzbergbau – Zinn, Zink, Blei – war 1969 eingestellt worden. Ein Verwaltungsblock im nahen Langenau wurde unser Filmvorführer-Internat. Das Flimmern übten wir in Freibergs Turmhof-Lichtspielen. ORWO- rötliche Dias sind erhalten und dokumentieren müde Häuser, mittelalterliche Gassen, den Obermarkt, in dessen Mitte Otto der Reiche bronzt. Auf seinem Löwen reitet Gerda, die dann den Lehrausbilder geheiratet hat. Schönste Freiberg-Erinnerung: ein Suffke in der Bahnhofswirtschaft. Er kippte sein Bier über Nachbars Schinkenplatte und lallte: Gratuliere! Jetzt haste Bierschinken.

Furchtbar fand ich Freiberg, sagt der Pfarrer Gottfried Breutel. 1981 zog er her. Grau, staubig, stinkig sei die Stadt gewesen. Wenn der Novembernebel runterkam, sagt Breutel, waren die Fußwegplatten mit grauschwarzer Schliere bedeckt, vom Hausbrand und der Hüttenindustrie. Es gab eine Redensart: Wenn du ’ne neue Autobatterie willst, musst du ’ne alte abgeben, oder zwei Freiberger, die haben den gleichen Bleigehalt.

Der Krieg hatte Freiberg verschont, bis auf einen Luftangriff am 7. Oktober 1944, der die Bahnhofsvorstadt traf und 172 Menschen tötete. Seit den fünfziger Jahren entstanden die Neubaugebiete Seilerberg und Wasserberg, von 1984 an Friedeburg. Dann sollten auch historische Quartiere Plattenbauten weichen, gegen starke Widerstände aus der geschichtsbewussten Bürgerschaft.

Die reiche Bergbauhistorie wirkt fort in den Laboren der Solarindustrie

Herbst 89: Die Prager Flüchtlingszüge passierten Freiberg. Krawalle. MG-Schützen besetzten das Bahnhofsdach. Ohnmacht, Zorn, erwachender Mut. Friedensgebete, Demonstrationen. Tausende versammelten sich in der Alten Mensa und der Petrikirche, überfüllten den Obermarkt und sangen Dona nobis pacem . Anfang Januar 1990 kam Alfred Dregger nach Freiberg. Ein Schlüsselerlebnis, sagt Breutel. Die Blockflöten gewannen die Oberhand. Wir Bürgerbewegten standen am Rande und wussten: Jetzt können wir einpacken.

81 Jahre ist Breutel heute. Von 1990 bis 2009 hat er als parteiloser Stadtrat gewirkt und ist im November 2009 in die SPD eingetreten. Freiberg, sagt er, war zeit seiner Existenz wohl noch nie so schön wie jetzt.

Denn nach der Wende begann das große Restaurieren – und die Immobilienschlacht. 2002, nach 28 Jahren, kehrte der Reporter zurück und fand eine auferstandene Stadt. Es strahlten Renaissanceportale, es leuchtete der Dom. Es prunkte das Rathaus, am Erker der Schädel des 1455 allhier geköpften Altenburger Prinzenräubers Kunz von Kauffungen, und ein porzellines Glockenspiel klingelte das Steigerlied Glück auf. Die Burgstraße freilich, prädestiniert zum Boulevard, mickerte vor sich hin, abgesehen vom entzückenden Taschenbuchladen der Heike Wenige. Mit ihr fuhr der Reporter damals Riesenrad. Von oben erblickte man ein marodes Monster: Schloss Freudenstein.

Was soll daraus werden?

Das, seufzte sie, weiß keiner.

Leser-Kommentare
  1. Der Prinzenräuber hieß nicht Götz, sondern Konrad, genannt Kunz, von Kaufungen.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Ansonsten ist das ein schöner Artikel über eine bemerkenswerte Stadt.

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