Er hat einen angenehmen Bariton, und seine Stimme gehorcht ihm gut. Er trägt einen schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte und schwarzem Hut. Er ist der Vorsänger. Es ist Freitagabend. Die Münchner Synagoge ist nicht voll, aber gut besucht. Die Männer sitzen in der Mitte des Gotteshauses, die Frauen, leicht erhöht und durch ein Geländer getrennt, an den Seiten. So sieht es das Gesetz vor. Der da singt, ist Benjamin Stein. Er ist Computerfachmann. Er berät Unternehmen. Und er schreibt Romane. Aber vor allem hält er sich an das Gesetz.

Es ist nicht ganz einfach, sich mit Benjamin Stein zu verabreden. Freitagnachmittag vor dem Gottesdienst ist schlecht. Mit dem Sonnenuntergang beginnt der Schabbes, und da muss alle Arbeit ruhen. Also geht es Freitagmittag in orthodoxen Familien hektisch zu. Alle Speisen für Schabbes müssen vorbereitet werden. Das lässt sich mit Journalisten-Terminen nicht vereinbaren. Der Samstag verbietet sich sowieso, denn ein Gespräch über Bücher, so erfreulich das auch sein mag, ist für einen Schriftsteller Arbeit. Also Donnerstagabend. Nur wo? Nun, wenn man nicht allein speisen will, muss es ein koscheres Restaurant sein. Wir verabreden uns im Einstein, gleich neben der Synagoge am Münchner Jakobsplatz (der eigentlich Sankt-Jakobs-Platz heißt, aber seit die Synagoge 2006 dort eingeweiht wurde, wird er nur noch Jakobsplatz genannt).

"Nirgends steht geschrieben, dass es eine Hochzeitsnacht wird, wenn man sich an die Gesetze hält." Diesen Satz wird Benjamin Stein immer wieder schmunzelnd sagen. Denn er weiß natürlich, dass er ein Leben führt, das sich nicht reibungslos in die Routinen einer modernen Gesellschaft einfügt. Er kennt den Unterschied genau. Denn er hat lange genug ein anderes Leben gelebt. Bis er im Jahr 2000 einen jüdischen Freund in Zürich besuchte. Der fragte ihn damals: "Warum lebst du nicht orthodox?" Und Stein antwortete abwehrend: "Ich bin ein moderner Mensch, wie soll das gehen?"

Stein hatte damals gerade seine Lebensphase als Journalist für Computerzeitschriften beendet. Er war zuletzt stellvertretender Chefredakteur der Deutschlandausgabe des Computermagazins Byte und Europa-Korrespondent des amerikanischen Byte Magazine gewesen. Das wurde dann von der Konkurrenz gekauft, die Mitarbeiter wurden entlassen, und der Laden wurde dichtgemacht. Benjamin Stein musste sich umorientieren und sagte sich: "Warum schlecht bezahlte Artikel schreiben, die von Leuten gelesen werden, die für ein Schweinegeld Firmen beraten?" Also wurde er selbst Unternehmensberater. Er gründete eine Firma, die für die Finanzbranche Grundlagenforschung im Bereich Künstliche Intelligenz macht. Das Geschäft brummte. Benjamin Stein verdiente sein Geld an der Spitze des technologischen Fortschritts.

Der Züricher Freund antwortete ihm damals: "Ich habe acht Kinder und kriege trotzdem ein orthodoxes Leben hin." Das muss Benjamin Stein beeindruckt haben. Ohnehin ist das Weichgespülte seine Sache nicht. Und dass etwas schwierig ist, reizt ihn – siehe Hochzeitsnacht – erst recht, solange es nur intellektuell radikal ist. Sein Roman Die Leinwand, der jetzt erschienen ist ( Beck Verlag, München 2010, 212 S., 19,95 € ), erzählt auch davon, wie sich Wissen und Glauben, Moderne und Ritus, Wissenschaft und Religion aneinander reiben. Und wer nun glaubt, dass ein orthodoxer Jude naheliegenderweise einer konservativen Ästhetik folgt, muss umdenken: Die Leinwand ist ein formal höchst avancierter Roman. Als Schriftsteller ist Stein eher orthodoxer Avantgardist. Vielleicht könnte man es so zuspitzen: Schon die Tatsache, dass es diesen Roman überhaupt gibt, ist eine Verkörperung der Spannung von sakralem und profanem Leben. Denn so viel ist ja wohl klar: Mit keinem Gesetz bedeutet Gott den Seinen, Romane zu schreiben. Einem orthodoxen Freund in Antwerpen hat Stein sein Buch mitgebracht. Der hat es nicht einmal angerührt. Warum weitere Bücher schreiben, wo es doch schon ein Buch gibt? Die Thora. Die soll man studieren. So gesehen ist Benjamin Stein dann doch eher der Punker unter den Orthodoxen.

Der die Gesetze so streng beachtet, kommt von weit her. Ihm wurde die Orthodoxie wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Benjamin Stein ist 1970 in Ost-Berlin geboren. Sein Großvater war überzeugter Kommunist. Der Urgroßvater wurde 1933 in der Blutwoche von den Nazis umgebracht – als Kommunist. Seine Eltern blendeten ihr Judentum komplett aus. Das Selbstverständnis der Großeltern lautete: "Wir sind Kommunisten, hallo???"

Irgendwann, da war er 14, bekam er von jemandem aus dem Westen eine Taschenbuchausgabe des Talmud geschenkt. "Nimm und lies!", so berichtet Augustinus von seinem Erweckungserlebnis. So ähnlich war es auch bei Benjamin Stein. Während draußen die DDR in sozialistischer Tristesse ihrem Untergang entgegendämmerte, entdeckte er sein Judentum. Er nahm den Talmud, las und wusste: "Da gehöre ich hin." Das darf man sich allerdings nicht als einen öffentlichen, bekenntnislauten Vorgang vorstellen. Im Gegenteil. So was behielt man in der DDR besser für sich. Auch den Eltern sagte Stein erst mal kein Wort. Als seine Mutter später davon erfuhr, war sie schockiert. Sie meinte: "Ausgerechnet jüdisch? Gehst du jetzt nach Israel ?"

Er wusste, dass es in der Rykestraße in Berlin , Prenzlauer Berg, eine Synagoge gibt. Die war damals noch das Gegenteil der Touristenattraktion, die sie heute ist. Es war überhaupt eine klandestine Angelegenheit. Also ging Benjamin Stein in die Synagoge. Man kann nicht sagen, er wäre dort mit offenen Armen begrüßt worden. Misstrauen schlug ihm entgegen. Ein 16-Jähriger (es brauchte einige Zeit, bis er sich in die Synagoge traute), der plötzlich sein Judentum entdeckt, das klang ein bisschen unwahrscheinlich. Da war es doch viel wahrscheinlicher, dass er von der Stasi kam.

Warum alle so abweisend waren, war ihm damals nicht klar. Aber er sagte sich: "Da musst du durch." Knapp 300 Leute zählte die jüdische Gemeinde in Ost-Berlin. "Aber das war eher so eine Art Kulturverein. Ein paar alte Holocaust-Überlebende aus Ungarn und Polen waren die Einzigen, die den Ritus ernst nahmen." Die Fremdheit ist bis zum Ende der DDR geblieben. Mit dem ersten Tag nach dem Fall der Mauer ging Benjamin Stein in die Westberliner Synagoge und ist nie mehr in die Rykestraße zurückgekehrt.

Benjamin Steins Roman Die Leinwand ist auch deshalb eine solche Sensation, weil er mit wunderbarer Frische ein Genre revitalisiert, das es in der deutschen Literatur der vergangenen 60 Jahre aus naheliegenden Gründen kaum gegeben hat: eine jüdische Diaspora-Literatur, die ihren Witz aus den Neurosen schlägt, die jüdische Identität in einer nichtjüdischen Umwelt hervorbringt. Man kennt dieses Genre vor allem aus der amerikanischen Literatur (Philip Roth ist nur das berühmteste Beispiel). Es ist kosmopolitisch, es lebt von Witz und Intelligenz, es reflektiert das Nichtselbstverständliche der eigenen Identität, es erlaubt sich gerne auch eingängige Einsprengsel religionskultureller Folklore, und die Rolle des Psychoanalytikers bleibt nur selten unbesetzt. Benjamin Stein bedient sich der Möglichkeiten dieses Genres beherzt, er hat es aber zugleich radikalisiert, indem er nicht mehr von einer assimilierten jüdischen Lebensform ausgeht, sondern von einer orthodox-gläubigen. Das ist eine entscheidende Gewichtsverschiebung, die dem Buch einen ganz anderen Grad an Gegenwärtigkeit gibt. Die Zeiten, da alles auf Säkularisierung zulief, sind vorbei. Religiöse Identitäten erstarken weltweit. Und es ist vermutlich kein Zufall, dass ein solcher Roman in einem Moment erscheint, wo auch in Deutschland jüdisches Leben (vor allem durch die Einwanderung aus der früheren Sowjetunion ) wieder eine deutlich wahrnehmbarere Rolle spielt.

Benjamin Stein ist ein ambitionierter Erzähler. Deswegen hat er das Genre des jüdischen Identitätsromans formal auf seine Komplexitätsspitze getrieben. Der Roman besteht aus zwei Teilen, die auch buchbinderisch so angeordnet sind, dass man den Roman von beiden Seiten lesen kann. Man fängt zum Beispiel mit der Geschichte Jan Wechslers an, die in der Mitte des Buches endet. Dann dreht man das Buch um 180 Grad, um die Geschichte von Amnon Zichroni zu lesen. Noch spannender – es bleibt ins Belieben des Lesers gestellt – ist ein Lektüreverfahren, bei dem man nach jedem Kapitel wechselt, sodass sich die beiden Plots verzahnen, während sie aufeinander zulaufen. Und wie die Romanstruktur als ganze, so bewegen sich auch die Protagonisten der beiden Teile, Jan Wechsler und Amnon Zichroni, wie die zwei Gegenspieler im Western aufeinander zu, um im Showdown in der Mitte des Buches aufeinanderzutreffen.

Der Roman handelt von Identitätskonstruktionen, von Identitätseinbildungen und traumatischen Identitätsverleugnungen. Auf der Grenze zwischen Psychopathologie, Religion und moderner Ichsuche. Auch die Geschichte (und den Literaturskandal) des Schriftstellers Binjamin Wilkomirski, der sich in den neunziger Jahren schreibend eine Auschwitz-Vergangenheit erfand, hat Benjamin Stein raffiniert eingebaut. Von Identitätsüberschüssen und ihren Fallstricken versteht dieser Autor wirklich etwas.

"Das ist immer mein Problem gewesen: zu viele Möglichkeiten", sagt Benjamin Stein auf seine lautere Art, in der sich Zurückhaltung und Entschiedenheit unkokett verbinden. Tatsächlich beschreibt seine religiöse Biografie ihn keineswegs vollständig. Wenn man ihn reden hört, hat man deshalb den Eindruck: So viel Lebensgeschichte geht doch auf keine Kuhhaut! Vielleicht hat Stein deshalb eine Neigung zu Brüchen, Zäsuren und Neuanfängen, um die vielen Möglichkeiten alle in einem Leben unterzubringen.

Schriftsteller wollte er schon immer werden. Mit zwölf Jahren veröffentlichte er sein erstes Gedicht in einer entlegenen DDR-Literaturzeitschrift. Der Dunstkreis des Künstlertums in Friedrichshainer Hinterhöfen war lange seine Lebenswelt, noch weit über die Wende hinaus. 1995 erschien im Ammann Verlag sein Roman Das Alphabeth des Juda Liva. Und obwohl das Buch ein echter Erfolg war, Preise bekam und ins Taschenbuch ging, zog Benjamin Stein plötzlich einen Strich, ging nach München und begann als IT-Journalist zu arbeiten. Die Literatur schob er zur Seite, die Religion trat immer mehr in den Vordergrund. Erst in den letzten Jahren fand er zurück zum Schreiben. (Unter www.turmsegler.net führt er seither einen literarischen Blog, der unter anderem zeigt, wie intensiv er die deutsche Gegenwartsliteratur beobachtet.)

Wenn Religiosität in unserer Vorstellung etwas mit selbstverständlichen Traditionen zu tun hat, dann ist Benjamin Stein kein passendes Beispiel. Aber vielleicht muss man sich in der Moderne manchmal neu erfinden, um zu den Ursprüngen zurückzufinden. Auch mit Blick auf sein eigenes Leben ist Benjamin Stein ein Biografie-Konstrukteur. Das macht seine Entscheidung zur Orthodoxie so anregend – geistig nervös und gegenwartsgesättigt. In ihr leuchtet nämlich die multioptionale Bastelbiografie der Postmoderne auf – nur unter entgegengesetzten Vorzeichen: als der Versuch, die Restriktionen zu erhöhen – in Freiheit die Gebundenheit zu wählen. So würde man das zumindest als außenstehender Religionssoziologe einordnen. Aber Glauben ist ja eine Erste-Person-Singular-Erfahrung.

Jedenfalls hat dieser Schriftsteller das Licht der Welt nicht als Benjamin Stein erblickt. Erst mit 16 hat er sich den Namen zugelegt, ihn dann 1988 in seinen Pass eintragen lassen. Der Name ist doppelt codiert: Er ist Künstlername und Ausdruck der religiösen Bekehrung in einem.

Wie kam er auf diesen Namen? Dazu muss man wissen, dass Benjamin Steins eines Auge unter einer Muskellähmung leidet. Es bewegt sich nicht und ist blind. Benjamin Stein sagt: "Das darf ich gar nicht erzählen, es klingt wie eine etwas überhebliche Story. Ich hatte seit meiner Kindheit immer starke Ablehnungserlebnisse. Das hatte auch etwas mit meinem kranken Auge zu tun. Und nun gibt es dieses Gebet, das Hallel, da heißt es: ›Der Stein, den die Baumeister verwarfen, ist zum Eckstein geworden.‹ Dieser Stein bin ich."

Wir sind ja heute in der modernen Gesellschaft manche Exzentrizität gewöhnt, aber mit der Orthodoxie (jeglicher Art) haben wir ein Problem. Und zwar weil die Orthodoxie Wahrheit beansprucht. Hinter dem Wahrheitsanspruch ahnen wir immer schon den Religionskrieg. Da halten wir es lieber mit Pilatus, waschen unsere Hände in Unschuld und fragen mit liberalem Großmut: "Was ist Wahrheit?"

Diese Haltung ist Benjamin Stein fremd. Aber das Anstößige seiner Ansichten steht ihm klar vor Augen. Und deswegen zögert er, bevor er zur Rolle des jüdischen Volkes sagt: "Wenn jemand den Schlüssel zu dem Tresor bekommt, in dem die Weisheit verschlossen ist, dann hat er eine besondere Verantwortung." Und jetzt wackelt er fast so ein wenig bedauernd mit dem Kopf, als wäre ihm eine andere Auskunft auch lieber, doch erlaube die Logik leider keinen anderen Schluss: "Das jüdische Volk hat diese besondere Verantwortung." Und er führt ein Beispiel aus dem Talmud an, wo ein Kind und ein Rabbiner ins Wasser fallen. Dann fragt er: "Wen soll man zuerst retten? Was meinen Sie?" Und weil wir ja mitdenken, sagen wir die ungeheuerliche Antwort: "Den Rabbiner, weil er den Schlüssel hat." – "Ja", seufzt Benjamin Stein, "aber erzählen Sie das mal jemandem da draußen!"

Doch schließlich ist es nicht die Idee der Religion, möglichst glatt durchs Leben zu kommen – siehe Hochzeitsnacht. Und dann lacht Benjamin Stein über sich selbst und nickt: "Wenn Sie meinen besten Freund fragen oder auch meine Frau, dann würden die sagen: ›Ja, der Benjamin ist manchmal schon ziemlich extrem.‹ Aber ich finde: Wenn man einen theologischen Gedanken denkt, dann muss man ihn auch konsequent zu Ende denken. Politisch betrachtet bin ich konsequent liberal. Nur in der Religion kann man es sich nicht aussuchen."

Deswegen hat er auch mit den typischen jüdischen Verbandsvertretern wenig am Hut. "Für mein Judentum", sagt Stein, "brauche ich keinen Zionismus und keinen Holocaust. Das spielt zwar eine Rolle, kommt aber von außen. Wenn sich jemand an mich wendet, weil er seine jüdische Identität sucht, dann sage ich ihm: ›Versuche doch mal, Schabbes-Kerzen anzuzünden, und schau, was das mit dir macht.‹"

Vielleicht ist das für deutsche Ohren unheimlich. Wir wollen lieber in schöner Symmetrie, dass auch für die Juden der Holocaust der Kern ihrer Identität darstellt. Darauf hat sich der öffentliche Diskurs eingespielt. Aber es knirscht, wenn man Benjamin Stein glaubt: "Wo immer ich angesprochen werde, vom Zentralrat haben die Leute die Nase voll. Und das muss einen nicht wundern. Auf der einen Seite wird mit dem Hammer draufgeschlagen, auf der anderen mit der Goldwaage abgewogen." Er hat da eine kritische Distanz, aber es regt ihn auch nicht wirklich auf. Er weiß, dass er ein Einzelgänger ist. Außerdem ist er Schriftsteller und deshalb schon von Berufs wegen auf Abweichung programmiert. Die jüdische Geschichte jedenfalls ist für ihn über 2500 Jahre alt und kann nicht auf die Schrecken des Nationalsozialismus reduziert werden.

Steins Tochter ist sieben Jahre alt. Sie geht auf eine jüdische Schule. Kürzlich bekam die Klasse Besuch von einer deutschen Grundschule. Da sagte einer der Schüler mit der Offenherzigkeit des Kindes: "Ich dachte, die Juden wären ausgestorben?" Steins Tochter erzählte dieses Erlebnis ihrem Vater. Dann fügte sie lachend hinzu – so wie man über die Begriffsstutzigkeit eines anderen den Kopf schüttelt: "Der hatte da wohl etwas verwechselt. Die Dinosaurier sind ausgestorben, aber doch nicht die Juden."

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