Wo hat es angefangen mit dem neuen Schwarz? Vielleicht an einem Ort wie diesem, in einer Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg und dem Gedanken eines Mannes, sein Leben zu ändern. Hans-Peter Jochum ist einer der renommiertesten Händler für Design in der Stadt, seit fast 30 Jahren hat er sein Geschäft in der Bleibtreustraße. Für einen Tisch kann man hier so viel Geld ausgeben wie für einen Mittelklassewagen. Und wenn Jochum die Hintergrundfarbe seines Alltags wechselt, ist das kein Zufall. Denn in Situationen, in denen andere Menschen die Frisur wechseln, wechselt er seine Wohnumgebung. Vor etlichen Jahren hatte er eine lange Beziehung beendet. Er hatte das Gefühl, sich finden zu müssen, also zog er um und richtete die Wohnung fast komplett weiß ein. "Wie ein Sanatorium", sagt er. Das Bad war rein wie ein Operationssaal. Doch bei allen Annehmlichkeiten dieses Single-Domizils fiel ihm auf: "Ich wohnte dort gar nicht." Er war ständig unterwegs, in seiner Wohnung war kaum etwas, das ihn hielt.

Das war Jochums Leben in Weiß.
Dann folgte sein Leben in Schwarz. Eine neue Beziehung. Hans-Peter Jochum zog wieder um, und zwar diesmal in eine Wohnung in Schwarz.

Der Eingangsbereich seiner Altbauwohnung ist schwarz getäfelt, Neonlicht strahlt von der gewölbten Decke. Den Boden bedeckt Parkett mit Fischgrät-Muster, es ist schwarz gebeizt. Die Möbel scheinen auf einem See aus Dunkelheit zu schwimmen. Er habe sich in einer Wohnung noch nie so geerdet gefühlt, sagt Jochum. Sein Schwarz faszinierte Architekturmagazine, die seine Räume ablichteten. Und für Jochum hat das Thema Schwarz gerade erst angefangen. Zurzeit arbeitet er an einer Ausstellung, die er demnächst in seiner Galerie eröffnen will. Titel: Back in Black.

Der Wechsel von Weiß zu Schwarz fand nicht nur im Leben des Design-Händlers statt. Man kann sagen: Die Gesellschaft hat mit dem Beginn des Jahrzehnts ihren Grundton ausgetauscht. Vereinfacht gesagt: Weiß war die Farbe der nuller Jahre, Schwarz ist die Farbe des neuen Jahrzehnts. Und noch einfacher gesagt: Es wurde auch Zeit!

Das neue Schwarz blieb nicht in den Privaträumen der ästhetischen Elite. Es breitet sich aus. Als Erstes tauchten in den Restaurants und Cafés der Großstädte mit Tafellack gestrichene Wände auf. Dort ließ sich das Menü des Tages prima mit Kreide aufkritzeln. Das signalisierte: Hier ist alles so frisch, es lohnt sich für uns gar nicht, unsere Speisekarte zu drucken, die Zutaten kommen direkt vom Wochenmarkt. Aber dazu sah es auch interessant aus. Die schwarzen Wände machten etwas Überraschendes mit den Räumen. Plötzlich waren sie definierter, mit mehr Form und Energie. Mittlerweile sind schwarze Wände in Cafés und Bistros fast Standard.

Nicht nur im Wohnraum wird Schwarz immer beliebter. In Mailand liefen die Models für Gianfranco Ferré in Schwarz über den Laufsteg. Auch Rick Owens und Gareth Pugh setzten Schwarz als Primärfarbe ein. In Paris zog Alber Elbaz den Frauen bei Lanvin zu schwarzen Kleidern noch schwarze Perücken auf, sodass es aussah, als laufe immer wieder Nana Mouskouri über den Catwalk. Uhrenhersteller setzen auf Uhren mit schwarzen Zifferblättern, Models wie die vormals sehr blonde Agyness Deyn zeigen sich nun mit sehr schwarz gefärbten Haaren.

Schwarz ist das neue Auswärtstrikot der deutschen Nationalmannschaft. Serge Noire heißt der neue Duft der französischen Parfüm-Ikone Serge Lutens. Ein neuer Energy-Drink trägt den Namen Schwarze Dose 28, in Paris gilt schwarze Pizza als Hit auf den Speisekarten. Schwarz, Schwarz, Schwarz, wohin man blickt. Schwarz ist auch wieder die beliebteste Autofarbe geworden, mehr als 30 Prozent der Neuwagen werden in Schwarz geordert.