Siebeck Die können alles, außer teuer
Wolfram Siebeck über die Wohltaten eines Sternerestaurants in Schwaben
Irgendwo im Südwesten, wo der Fuchs als Betthupferl eine Maultasche lutscht, gibt es die meisten Sternerestaurants Deutschlands. Jeder Zeitungsleser weiß es. Soll er aber einen Gourmet-Ort dort nennen, fällt ihm immer nur die Pilgerstätte Baiersbronn im Schwarzwald ein, wo die Sterne funkeln wie am Weihnachtsbaum. In Wirklichkeit sind die Restaurants in Schwaben, nicht in Baden, die besseren. Die Stuttgarter machen nicht viel Aufhebens darum. Sie wissen, dass sie die besten Autos haben, warum also nicht auch die besten Restaurants?
Ich kam von weit her, saß sechs Stunden am Steuer und wusste: Weiterfahren ist ungesund. Also befragte ich den Michelin-Führer. Er wies mich nach Asperg, Hotel-Restaurant Adler. Das ist nicht weit von Zuffenhausen, wo die Porsche-Fahrer ihre neuen Autos abholen. Man erkennt es an der Zimmerdeko: Auf meiner Bettdecke war eine Karte der Rennstrecke Solitude aufgedruckt; Tischmodelle des 911er standen herum; im CD-Spieler lag eine Scheibe mit den Motorgeräuschen, die ein Porsche beim Start macht – überall Reklame. Kurzzeitig befürchtete ich, zum Abendessen mit Motoröl angemachten Salat essen zu müssen.
Im Restaurant schwand diese Furcht jedoch schnell. Es ist modern und geschmackvoll gestaltet, mit intimen Nischen und Stuben, gut ausgeleuchtet und gut besucht. Letzteren Umstand verdankt die Familie Ottenbacher, die das Haus schon seit 110 Jahren führt, nicht nur der vorzüglichen Küche, sondern auch den erstaunlich maßvollen Preisen.
Ein dreigängiges Regional-Menü gibt es für 35 Euro; ein vegetarisches Menü (4 Gänge) für 46 Euro, à la carte bezahlt man für die Suppen 8 bis 9 Euro, einige Vorspeisen und Zwischengänge werden für weniger als 20 Euro angeboten, die klassischen Gourmetnummern für 10 Euro zusätzlich. Dafür hat man dann Kalbsbäckchen oder Kotelett und Rücken vom Alblamm gegessen oder Kabeljau oder Jakobsmuscheln oder ein Mosaik von Pulpo und Thunfisch und möglicherweise einen schwäbischen Rostbraten mit hausgemachten Spätzle. Das alles wird nicht etwa schwäbisch-deftig zubereitet, sondern nach allen Regeln moderner Spitzenküche. Das heißt, die Portionen sind zivilisiert bemessen und lassen einen deutlichen Kunstanspruch erkennen. Davon zeugen Algenrisotto und Safran-Gemüsepolenta, wie auch eine Erdnusscreme zur rosa Entenbrust.
Mag der württembergische Wein unterschätzt sein, anhand der Weinkarte des Adlers kann man sich davon überzeugen, dass die zurückhaltend kalkulierten Flaschen ihren Preis mehr als wert sind. Ich bedauere es jedenfalls sehr, die Weine von Dautel und Heidle, vor allem den Lemberger, schon 150 Kilometer weiter nicht mehr finden zu können.
- Datum 11.04.2010 - 09:22 Uhr
- Serie Siebeck
- Quelle ZEITmagazin, 08.04.2010 Nr. 15
- Kommentare 6
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Ich (Hamburger) kenne das Restaurant Adler seit 1987. Seit dieser Zeit besuchen wir den Adler etwa drei- bis viermal pro Jahr. Ich kann die Siebeckschen Erfahrungen nachvollziehen. Es gab keinen Besuch, der zu Beschwerden Anlass gegeben hätte, aber fast jeder Aufenthalt war mit positiven Erfahrungen und bleibenden Eindrücken verbunden. Stets war auch der Service Garant für zufriedene Gäste: aufmerksam, aber zurückhaltend. Und eins ist für jemanden, den es aus der Fremde ins Schwäbische verschlagen hat, von Bedeutung: Von wenigen bekannten Gourmet-Restaurants einmal abgesehen, bietet der Asperger Adler ausgezeichnete, vor allem trockene Weine aus der Region, die zudem noch gut zu den Gerichten passen. Und das ist leider im Schwäbischen eine Ausnahme. Selbst die so genannte gehobene Gastronomie bietet oft eine Weinauswahl an, bei der sogar Biertrinker melancholisch werden. Da bleibt dem Esser oft genug nur der Griff zum Wasserglas.
Leider ist der Adler mit seinem Weinangebot, seiner kreativen Küche und gehobenen Qualität nicht typisch für Württemberg. Restaurants dieser Kategorie muss man lange suchen. Der Grund wird schnell klar: Der richtige Schwabe kehrt dort nicht gerne ein. Bei ihm müssen Bratkartoffeln lätschig, Kutteln sauer und der Zwiebelrostbraten in einem riesigen Soßengewässer ertränkt auf den Tisch kommen. Die gehobene Gastronomie ist also auf Gelbfüßler, Fischköpfe und andere "Ausländer" angewiesen.
Ein Geschichtchen aus dem Adler in Asperg aus dem Jahr 2004 muss ich noch loswerden. Wir speisten zu zweit, es war "Trüffelzeit" - nur nicht auf der Speisekarte. Zaghaftes Anfragen bei der Bedienung - nach dem Essen - bescherte uns einen Besuch des Küchenchefs am Tisch. Er fragte nach unseren Vorlieben und Favoriten etc. und bot uns an, ein Überraschungsmenü zu komponieren. Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und bestellten zu einem Termin einige Wochen später ein dreigängiges Menü seiner Wahl. Hier ist es: 1. Hochdorfer Ackersalat mit gebratener Entenstopfleber und Trüffeljus, 2. Aufgeschlagene Sellerierahmsuppe mit Trüffel und gebratener Jacobsmuschel, 3. Steinbutt unter der Trüffelkruste auf Thaispargel und Olivenkartoffeln. Dazu gab es für jeden eine gedruckte Menükarte. Wohlgemerkt, keins dieser Gerichte stand auf der Karte, sie wurden also "nebenbei", zusätzlich zum normalen Geschäft zubereitet. Und die Qualität gab nicht den geringsten Anlass zu Beanstandungen. Der Preis auch nicht.
"In Wirklichkeit sind die Restaurants in Schwaben, nicht in Baden, die besseren." Und wie alle derartigen Verallgemeinerungen ist auch diese simpel und falsch.
mit welchem Maß der Kolumnenschreiber mißt. Vor Monaten wurde, wenn ich mich recht entsinne, in Thüringen ein italienisches(!) Sternerestaurant abgestraft, weil man dort keine regionale Küche machte, und hier wird sich lobend über schwäbische "Jakobsmuscheln oder ein Mosaik von Pulpo und Thunfisch" sowie "Algenrisotto und Safran-Gemüsepolenta, wie auch eine Erdnusscreme" ausgelassen. Ist der Verfasser ein Freund der regionalen Küche oder nur dann, wenn er Lust hat?
Immer wieder scheint es mir an der Lesekompetenz zu mangeln. W.S. schreibt doch deutlich - oder der Erdener Prälat hat eine andere Ausgabe - von 1. Regionalen Menüs, 2. Vegetarischen Menüs und 3. Klassischen Gourmetnummern. Also wird im Adler nicht nur regionale Küche etwa als Alibi angeboten, sondern gar in Menüform gepflegt. In hoher Qualität und nicht aus der im Schwäbischen so häufig anzutreffenden Tütensuppenkategorie. Und dazu gibt es noch 2. und 3. und das ein oder andere mehr. Hier hätte das Fehlen regionaler Küche sicher auch zu Abzügen geführt. Nun wird sie aber ausdrücklich als präsent erwähnt, aber scheinbar einfach ignoriert. So lässt sich ja besser nörgeln.
Immer wieder scheint es mir an der Lesekompetenz zu mangeln. W.S. schreibt doch deutlich - oder der Erdener Prälat hat eine andere Ausgabe - von 1. Regionalen Menüs, 2. Vegetarischen Menüs und 3. Klassischen Gourmetnummern. Also wird im Adler nicht nur regionale Küche etwa als Alibi angeboten, sondern gar in Menüform gepflegt. In hoher Qualität und nicht aus der im Schwäbischen so häufig anzutreffenden Tütensuppenkategorie. Und dazu gibt es noch 2. und 3. und das ein oder andere mehr. Hier hätte das Fehlen regionaler Küche sicher auch zu Abzügen geführt. Nun wird sie aber ausdrücklich als präsent erwähnt, aber scheinbar einfach ignoriert. So lässt sich ja besser nörgeln.
Immer wieder scheint es mir an der Lesekompetenz zu mangeln. W.S. schreibt doch deutlich - oder der Erdener Prälat hat eine andere Ausgabe - von 1. Regionalen Menüs, 2. Vegetarischen Menüs und 3. Klassischen Gourmetnummern. Also wird im Adler nicht nur regionale Küche etwa als Alibi angeboten, sondern gar in Menüform gepflegt. In hoher Qualität und nicht aus der im Schwäbischen so häufig anzutreffenden Tütensuppenkategorie. Und dazu gibt es noch 2. und 3. und das ein oder andere mehr. Hier hätte das Fehlen regionaler Küche sicher auch zu Abzügen geführt. Nun wird sie aber ausdrücklich als präsent erwähnt, aber scheinbar einfach ignoriert. So lässt sich ja besser nörgeln.
dieses persönliche Angehen mancher Foristen. Daß ein Menü zum Punkt "regionale Küche" Herrn Siebeck zufriedenstellt, war mir natürlich nicht bekannt und stellt meine Neugier (oben durch Fragezeichen ausgedrückt:-)) dahingehend zufrieden. Vielen Dank dafür, wenn auch der Ton freundlicher sein könnte...
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