Stilkolumne Es glimmt wieder
Tillmann Prüfer über Leuchtziffern
Die digitale Anzeige der mechanischen "Zeitwerk Luminous" von A. Lange & Söhne kann jetzt auch leuchten, für 69.000 Euro
Es gibt Uhren, die ticken doppelt. Einerseits wenn man sie aufzieht, aber auch wenn man einen Geigerzähler ans Ziffernblatt hält. Allerdings nur wenn es sich um eine alte Uhr handelt. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Ziffernblätter mit fluoreszierenden Substanzen beschichtet, die Licht speichern und es in Dunkelheit abgeben. Dazu verwendete man bis in die sechziger Jahre hinein auch radiumhaltige Leuchtfarben.
Radium ist radioaktiv, wenn auch nur in geringem Maße. Krank geworden sind davon nicht die Träger der Uhren, sondern die Frauen, die ihr Geld damit verdienten, die Leuchtfarbe auf die Ziffernblätter zu pinseln.
Die Leuchtziffern stammen aus einer Zeit, als die Nacht noch dunkel und das Licht noch kostbar war. Es galt, so viel wie eben möglich davon zu bewahren. So fand man, wenn man nachts hochschreckte und sich verloren in der Dunkelheit wähnte, Halt in einem Blick auf das Ziffernblatt. Man konnte feststellen, die Zeit war ganz normal weitergegangen.
Später wurde das Leuchten billig. Uhren konnten auf alle erdenklichen Arten blinken und blitzen, piepsen, funken und vibrieren – phosphoreszierende Kleckse störten da eher. Nur in der Gattung der Piloten- und Taucheruhren überlebte das grüne Glimmen, eine Taucheruhr von Panerai wurde sogar nach dem Leuchtstoff »Radiomir« benannt. Vielleicht war es aber auch so, dass die Piloten- und Taucheruhren nur deswegen begehrt blieben, weil sie weiterhin den geheimnisvollen nächtlichen Schimmer boten.
Für die Uhrenkäufer von heute ist das leuchtende Ziffernblatt ein Mirakel aus der Kindheit. Und weil Uhren ein Männerspielzeug sind, ist es nicht verwunderlich, dass Leuchtziffern bei allen mechanischen Uhren wieder sehr begehrt sind.
Sogar die Glashütter Manufaktur A. Lange & Söhne hat von ihrer Neuheit »Zeitwerk« eine Version mit Leuchtbuchstaben auf den Markt gebracht. Und auch die »Radiomir« von Panerai ist weiterhin beliebt. Allerdings strahlt darin nicht mehr die namensgebende Zinksulfid-Radiumbromid-Mischung den Betrachter an. Stattdessen greift man heute auf das Leuchtmittel Superluminova zurück, das keinerlei Radioaktivität mehr aufweist. Das Leben ist schließlich gefährlich genug.
- Datum 12.04.2010 - 14:27 Uhr
- Serie Stilkolumne
- Quelle ZEITmagazin, 08.04.2010 Nr. 15
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