Plattenläden Hat man da Töne?
Ein Plattenladen verlässt Bremerhaven und zieht nach Berlin. Die Provinz verödet, die Hauptstadt wird hipper.
Wo komm ich her, wo geh ich hin, das ist ja immer ein Thema. Adem Mahmutoglu kam am Schwarzen Meer zur Welt, Sohn eines türkischen Ärztepaares, mit drei kam er nach Deutschland, mit 13 nach Bremerhaven, und nun, mit 36, verlässt er die Stadt und geht dahin, wohin irgendwie ja alle gehen: nach Berlin.
23 Jahre lang hat er Bremerhaven geliebt und erlitten, hier wurde er zum Mann und zum Musiker, und in den letzten zehn Jahren hat er der Stadt einiges von seinem Welt- und Kulturverständnis zurückgegeben durch seinen Plattenladen: 33rpm Records in der Bürgermeister-Smidt-Straße 113.
Seine Kunden nennen den Mann mit der Hornbrille unter der Wollmütze nur beim Vornamen. Sie wissen: Ungefragt verkauft der keine Massenware, wichtiger als der Umsatz ist ihm der Ansatz. Es gibt ja so viel Musik zu entdecken. Den Gitarristen Gábor Szabó schon mal gehört?
Vor einigen Wochen hat er dann diese Mail verschickt, achthundertfach: Er ziehe um, samt Platten. »Ich weiß, Berlin ist ein zweischneidiges Ding, und Bremerhaven hat so einen Laden viel mehr nötig, aber nach langem Hin und Her hat sich diese Entscheidung so ergeben.« Seine alten Kunden lädt er herzlich ein, »wenn ihr mal in Berlin seid«, Wrangelstraße 95, Nähe Schlesisches Tor.
Kurz vor Ostern hat er seine Kisten gepackt, Mitte dieser Woche sollte in Kreuzberg schon Eröffnung sein. Der Moment des Übergangs bietet die Gelegenheit, zu fragen, was sich da verändert – möglicherweise nicht nur in Bremerhaven, sondern in der ganzen Provinz, die immer öder wird, während sich die Metropole mehr und mehr auflädt.
In Bremerhaven war 33rpm Records ein Informations- und Kraftzentrum, untergebracht in der runden Ecke eines geschwungenen Fünfziger-Jahre-Hauses hinter der Fußgängerzone, dort, wo schon wieder Autos fahren dürfen. Rumpelig war es drinnen, aber das Angebot konnte sich sehen lassen, kein Vergleich mit dem Kaufhaus Saturn, das ein paar Hundert Meter zentraler liegt. Dort gibt es Waschmaschinen und Staubsauger und CDs, »sternhagelgünstig«, vorzugsweise Meistgekauftes, »nee, Schallplatten führen wir nicht«.
Wenn Adem an Saturn denkt, fällt sein Blick auf eine Scheibe von Sun Ra & His Arkestra: What Planet Is This? Sun Ra, dieser verrückt orgelnde Kosmologe, der versicherte, vom Saturn zu stammen, und der auf der Erde nur für ein Menschenleben zwischengelandet war. Längst ist er weitergezogen, und Berlin ist auch ein anderer Stern.
Als die Mauer fiel und westlicher Techno die Bunker des Ostens erzittern ließ, war das dem jungen Adem und seinen Freunden in Bremerhaven noch »ultraegal«. Sie hörten amerikanischen Hardcore, und Musik war ihnen eine reine Nachschubfrage: »Man wusste, es gibt was, aber wie darankommen?« Wenig später gab er selber die Antwort. Die elektronischen Beats bewegten Adem bald, seine Stadt bis heute kaum. Als der musikhistorische Moment Bremerhavens gilt nach wie vor der 1. Oktober 1958, als hier der Soldat Elvis Presley an Land ging, von Zehntausenden bejubelt.
- Datum 09.04.2010 - 15:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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...einen langsamen Tod: Seit Jahrzehnten. Ende der 80er zog ich - der Liebe wegen - von Berlin dorthin. Um nach eineinhalb Jahren und der Geburt meines Sohnes schleunigst die Koffer zu packen: In den wilden Süden. Und denke doch oft in Wehmut an Columbuskaje und Weserufer, Marschlandschaft und Cuxhaven - wo mein Sohn geboren wurde. Vielleicht ziehe ich als Rentner wieder an die Weser. Der Ruhe und Weite der Landschaft wegen. Da brauch ich dann keinen Arbeitsplatz mehr.
Sehr cooler Text. Liest sich schön flüssig und macht Lust auf mehr davon. Außerdem beschreibt er supertreffend ein "Dilemma" in der sich wohl nicht wenige junge Leute befinden. (Mich nicht ausgeschlossen).
Wohin nach dem Studium? Nach der Ausbildung? Jobwechsel? Berlin, laut, dreckig & bunt lockt mit all seiner schroffen Schönheit. Aber nach Berlin? Berlin ist im Prinzip wie Hamburg, alle wollen hin oder jeder zweite kann sich vorstellen zumindest mal für ne zeitlang da zu leben. Besonders gut hat mir der Gedanke gefallen, aller Berliner trügen mal für einen Tag ein Schild mit ihrem Heimatort drauf.
So, muss mal eben kurz vor die Tür, frische Luft schnappen und an der Weser spazieren gehen, solange ich noch kann. Denn Hey Berlin, mach schon mal Tür auf, komme nämlich auch bald vorbei. Und wenn schon nicht für immer, dann im Herzen wohl für ewig.
Als ursprünglicher Berliner, später mal zu 12 Jahren Aufenthalt in München verdonnert und schon lange wieder zurück in Berlin fällt mir bei meinen München-Besuchen in den letzten 5 Jahren auch immer mehr auf, wieviele Leute nach Berlin gegangen sind und gehen.
Auch zu Besuch in anderen Städten wie Mannheim stellt man erschreckt fest, wie die Hauptstadt den bundesdeutschen Kreativ- und Kulturföderalismus immer weiter unetrgräbt.
Man macht sich wirklich Sorgen, dass irgendwann mal alles außer Berlin in diesem Land kreativ unter Provinz fällt. Das wünscht man sich nicht mal als Berliner...
Falls ihr euch für die letzten Plattenläden außerhalb von Berlin, Köln und München interessiert, klickt euch da mal rein:
http://www.zeit.de/2010/1...
Ist ein interessanter Artikel über den Record Store Day zu Ehren unabhängiger Plattenläden.
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http://www.schule-der-roc...
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