Plattenläden Hat man da Töne?Seite 2/2

Die Ladentür fliegt auf, ein Riese in einer gelben Reflektorjacke schwenkt eine CD: »Das Ding ist Mäusescheiße! Da sind nur die letzten fünf Stücke drauf!« Er will seine sieben Euro zurück. Während Adem nach dem Geld kramt: Ein Wort zur Schließung? »Tragisch, aber nicht zu ändern.« Und Berlin? »Viel Beschiss, Klauerei, Mob – aber auch ein gigantischer Umsatz!« Adem hört es unbewegt. Er hat keine Marktforschung betrieben.

Welche Wahl hätte er auch? Seine Band Faruk Green ist schon dort, auch seine Bremerhavener Freundin, er zieht ja nur nach und fühlt sich bei aller Vorfreude ein wenig elend. Wie viele seiner Kunden hat er nach der Schule weggehen sehen! »Was willst du noch hier?«, hätten sie ihm gesagt.

»Und nun«, sagt Adem, »gehe ich auch.« Die Luft in Berlin sei eine Katastrophe, und viele junge Leute sähen früh gealtert aus – aber das könnte natürlich auch am Nachtleben liegen.

Fünfzig Antworten habe er auf die Umzugs-Mail bekommen, Tenor: Das kann doch nicht dein Ernst sein! – »Ich dachte erst, ich kann den Leuten nicht mehr in die Augen schauen.«

»Berlin hat was Imposantes«, sagt er, »aber auch was Schafherdenmäßiges.« Er wünschte sich, dass alle jungen Hauptstädter mal für einen Tag ein Schild um den Hals trügen mit ihrem Heimatort: »Berlin, das ist, wie wenn ich mich vor einem schicken Jaguar fotografieren lasse.«

Richtig traurig wäre Adems Geschichte, wenn er der letzte Plattenhändler Bremerhavens gewesen wäre. Aber so ist es nicht. Da gibt es noch Michael Steffens, 55, der sein Cashmir am Bahnhof 1981 nach dem Song Kashmir von Led Zeppelin benannt hat. Mit Vollbart, Pferdeschwanz und umgekrempelter Jeans hält er die siebziger Jahre hoch. Verkaufen tut er nur secondhand, für Neuware sieht er keine Kundschaft. So wälzt er die Vergangenheit um, die Langspielplatte zu vier Euro: »Der Preis macht die Musik.«

Und Berlin? »Mutig. Mir wäre das zu hektisch.« Andererseits, wenn er sehe, was dort alles so stattfinde, dann habe er Tränen in den Augen. »Wo will man hier abends hingehen?«

Gegenüber der Hochschule liegt seit 2003 die Record Bar, ein geteiltes Geschäft, Tonträger und Drinks. »Eher trinkt ein Plattenkäufer mal einen Kaffee, als dass ein Kaffeetrinker eine Platte kauft«, sagt Andreas Ristel, 44, der Eigentümer. Zu den Platten nahm er kürzlich Kappen, Gürtel und Wecker ins Sortiment, Materialien rund um die Bands, getreu dem Motto: »T-Shirts kann man nicht runterladen, nur falsch waschen.«

»Berlin ist ein schwieriges Pflaster«, findet auch Ristel, »weil sich so schnell so viel ändert.« Bei ihm kaufen die Leute Beatles, Stones, Who, AC/DC, Kiss, neuerdings auch The White Stripes und Metal. Wenn Adem jetzt geht, wird mancher von dessen Kunden zu ihm kommen, das beschäftigt ihn schon. »Hip-Hop und Techno«, sagt er, »da fang ich bei null an.«

 
Leser-Kommentare
  1. ...einen langsamen Tod: Seit Jahrzehnten. Ende der 80er zog ich - der Liebe wegen - von Berlin dorthin. Um nach eineinhalb Jahren und der Geburt meines Sohnes schleunigst die Koffer zu packen: In den wilden Süden. Und denke doch oft in Wehmut an Columbuskaje und Weserufer, Marschlandschaft und Cuxhaven - wo mein Sohn geboren wurde. Vielleicht ziehe ich als Rentner wieder an die Weser. Der Ruhe und Weite der Landschaft wegen. Da brauch ich dann keinen Arbeitsplatz mehr.

    • nsustr
    • 22.04.2010 um 2:54 Uhr

    Als ursprünglicher Berliner, später mal zu 12 Jahren Aufenthalt in München verdonnert und schon lange wieder zurück in Berlin fällt mir bei meinen München-Besuchen in den letzten 5 Jahren auch immer mehr auf, wieviele Leute nach Berlin gegangen sind und gehen.
    Auch zu Besuch in anderen Städten wie Mannheim stellt man erschreckt fest, wie die Hauptstadt den bundesdeutschen Kreativ- und Kulturföderalismus immer weiter unetrgräbt.
    Man macht sich wirklich Sorgen, dass irgendwann mal alles außer Berlin in diesem Land kreativ unter Provinz fällt. Das wünscht man sich nicht mal als Berliner...

  2. Falls ihr euch für die letzten Plattenläden außerhalb von Berlin, Köln und München interessiert, klickt euch da mal rein:

    http://www.zeit.de/2010/1...

    Ist ein interessanter Artikel über den Record Store Day zu Ehren unabhängiger Plattenläden.

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