Fernsehen für Jugendliche Frischfleisch für das ZDF
Wie das Fernsehen Kölner Schüler ködern wollte
© Joel Saget/AFP/Getty Images

ZDF -Fernsehproduzenten im Einsatz
Die Schüler des städtischen Gymnasiums in Köln-Rodenkirchen staunten nicht schlecht, als sie den Zettel lasen, der vor ihrer Schule an einem Baum klebte und trotz knappen Taschengelds die Erfüllung eines ewigen Wunsches versprach. Ein »1A Handy mit super Videofunktion« versprach darin die TV-Produktionsfirma Eyeworks Entertainment »jungen Leuten zwischen 14 und 17, die Lust haben, bei einer neuen TV Dokumentation mitzumachen. … Zeigt uns, wie Ihr lebt, wie es Euch geht und was Ihr wirklich denkt.« Auch eine Handlungsanweisung enthielt der Aushang schon. »Falls Du auf Facebook, SchülerVZ oder einem anderen Portal angemeldet bist«, hieß es dort, »kannst Du mir einfach Deinen Username schicken, dann klick ich mich auf Dein Profil. Oder lade ein Video von Euch bei YouTube hoch und schicke mir den Link!« Mailadresse und Telefonnummer folgten.
Viele Eltern, denen die Kinder davon erzählten, waren alarmiert. Schnell verbreitete sich eine Mail mit dem Betreff »Neue Form der Verführung«. Elternpflegschaftsvorsitzende warnten vor dem unmoralischen Angebot. Der Protest zeigte Wirkung. Inzwischen beschäftigt das Eyeworks-Plakat die Kölner Stadtschulpflegschaft und die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen.
Hinter dem Lockangebot steckt kein privater Sender. Die Kölner Suche nach Frischfleisch fürs angegraute Programm hat das ZDF angeleiert. Im Auftrag des digitalen Spartensenders ZDFneo sollte der Dienstleister Eyeworks Entertainment die Jugendlichen ködern. Im November 2009 gestartet, versteht sich ZDFneo als »attraktive öffentlich-rechtliche Alternative für die jüngeren Zuschauer«. Man wolle »auffälligere Programmfarben testen – nicht zuletzt mit Blick auf deren Eignung für das ZDF-Programm«, hatte der Sender vor Beginn getönt. Wie das in der Praxis aussah, kommentierte schon drei Wochen nach dem Start süffisant der Branchendienst meedia.de: »Die Sendergruppen um RTL und Pro7/Sat1 sehen sich nicht ohne Grund angegriffen.«
Man stehe nicht unter Quoten- oder Konkurrenzdruck, widerspricht die ZDF-Redakteurin Ulrike Willner, die das Projekt mit dem Arbeitstitel »Meine Welt« verantwortet. Ziel sei der authentische Einblick in die Jugendszene in Deutschland, ohne dass die Jugendlichen durch die Anwesenheit eines Kamerateams automatisch in die Rolle von Darstellern gedrängt würden: »Wir hätten gern Selbstporträts von Cliquen, keine Selbstinszenierungen.«
Das Lockvogelplakat vor den Kölner Schulen vermittelt einen anderen Eindruck. Problematisch findet Peter Widlock, Sprecher der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen, die Aufforderung zu Einladungen in die Accounts der Jugendlichen in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder SchülerVZ: »So etwas lässt Ansätze einer zeitgemäßen Medienpädagogik ins Leere laufen. Wir halten in unseren Aufklärungskampagnen Kinder und Jugendliche dazu an, sparsam mit Daten von sich umzugehen – etwa mit der aktuellen EU-Klicksafe-Kampagne ›Ich schütze mein Privatleben – auch im Netz‹. Und in Köln sollen Jugendliche ihre Usernames freigeben…«
Daran sei nie ernsthaft gedacht gewesen, entgegnet Ulrike Willner. Natürlich werde sich das ZDF streng an die Vorgaben des Jugendschutzes und des Persönlichkeitsrechtes halten und die Eltern einbeziehen. Warum das nicht gleich geschah, – zum Beispiel über den Medienkundeunterricht in der Schule, das erklärt sie nicht. Sie verstehe aber die Kritik, sagt die Redakteurin: »Ich würde beim nächsten Mal anders vorgehen.«
- Datum 08.04.2010 - 11:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
- Kommentare 7
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ist sowieso langweilig und überflüssig
Ist das Thema wirklich einen Artikel wert?
...wurde ZDFDoku abgeschaltet...*kopfschüttel*
Aus diesem Betrachtungswinkel auf die epische Stimme aus der Zukunft zu warten, die beruhigt und in der Zwischenzeit die Füße bindet, entspringt einer Illusion. Dass Medienkonsumenten den Anbieter wechseln, wenn ihnen die Darbietungen nicht gefallen, sollte in erster Linie keine wirtschaftlichen Überlegungen auslösen.Auf die Verschüchterung durch die Medien, um dann auf die Politik zu setzen um Abhilfe zu schaffen, ist ein gesellschaftlicher Reflex. Ein Reflex der sich aus der Empörung der Massen ableitet.
Wie bitte möchte die Gesellschaft notwendige Kritik entgegennehmen,
wenn sie sich ihrer kollektiven Mediengegenwart nicht bewusst ist.
Das ist ein Punkt in der Medienpädagogik, welcher die Interaktion notwendig macht. Freiheit so zu verstehen, persönliche Daten freizügig weiter zu geben, oder schwer alkoholisiert Bekanntschaft mit einem Koma zu machen, kann nicht auf Konsens stoßen. Diesen kollektiv getriebenen Formen der Selbstbeschreibung fehlt es an einer vorgelagerten Kompetenz. Jede nicht konservativ untermauerte Mediengebetsmühle in den Giftschrank zu sperren, kann nicht zeitgemäß sein und sollte daher auch nicht nur als Experiment in der Medienküche sein weiteres Dasein fristen. Zur verhaltenen Freude ist der Medienmarkt global, dass war er vom Kern her immer, wenn auch nicht in der heutigen Geschwindigkeit.
Die Trägheit der Gesellschaft, beraubt sie der Freiheit innovativ zu sein.
Kann mir das mal einer beantworten?
So wie ich das verstanden habe, war das Einsenden der Usernamen nur 1 möglicher Weg. Und abgesehen davon, bereiten diese Leute die Jugendlichen doch gerade deshalb auf den "Ernstfall" vor, damit dieser auch ohne schlimme Konsequenzen eintreten kann...
Was ist daran denn jetzt genau unmoralisch?
Unglaublich aufgebauscht... unsere Kinder haben den Zettel gelesen uns sind mit der Information nach Hause gekommen.
Für uns war das ganz uninteressant.
[...]
Diese Aufforderungen (von vielen Castingunternehmen und Fernsehproduktionsfirmen) können Sie wöchentlich in jeder Tageszeitung oder in unserem Werbekurier lesen.
Ich muss wirklich sagen, ich empfinde diesen Artikel einfach unnötig - Kinder stellen so viel Blödsinn in die Plattformen Shüler VZ oder Facebook oder Twittern, (hier sollten die Eltern mal aufpassen, was genau bei diesen Eltern nämlich nicht der Fall ist), dass das Mitwirken in einer Fernsehsendung nicht halb so verwerflich ist.
Wo genau liegt das Problem?
Meine Tochter und ich, wir finden das Ganze nur lächerlich.
Bitte vermeiden Sie Anschuldigungen und Vorwürfe, die für uns nicht prüfbar sind. Danke. Die Redaktion/sh
... wenn auch ARTE und Phoenix beginnen, jugendliche Bildungsanalphabeten der Generation Twitter mit ebenso postmodernen wie kurzlebigen boulevardinspirierten Programminhalten ködern will.
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