Kolumne Wörterbericht

Braucht kein Mensch

Das oberste Indiz für die soziale Kälte in Deutschland ist die Flott- und Doof-Floskel »Braucht kein Mensch«. Die Farbe Beige. Die Insel Sylt. Der Nachbar Zorngiebel. Was haben sie gemeinsam? Dass kein Mensch sie braucht. »Braucht kein Mensch« steht als Ausdruck der Vernichtung hoch über dem sehr privaten »Interessiert mich nicht«. »Braucht kein Mensch« heißt: Der oder das Betreffende könnte vor meinen Augen aussterben und im Boden versinken, und ich wäre stolz darauf, es nicht mal zu merken. »Braucht kein Mensch« ist der vom Volksmund abgelutschte Rest eines Werbeslogans der Bank 24, einer einstmals sehr flotten Directbanking-Tochter der Deutschen Bank. Der Slogan hieß »Mehr Bank braucht kein Mensch«, und in seiner Kurzform ist er zum Leitmotiv der McKinsey-Zeit geworden: Erst mal den ganzen Kram zur Disposition stellen. Eine Rationalisierungsfloskel hilft uns dabei, uns über unsere Geschmackssachen zu verständigen. Eigentlich zum Heulen. Andererseits: Dieses Feuilletonistengeheul braucht nun wirklich – Sie wissen schon.

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    • Quelle DIE ZEIT, 08.04.2010 Nr. 15
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    • Schlagworte Deutsche Bank | Finanzen | Sylt
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