Wenige Tage vor Weihnachten 2002 kam ein Päckchen an in einem Labor in Exeter, England. Als die Wissenschaftler es aufrissen, sahen sie einen Schmetterling, Papilio ulysses, trocken und tot.

Sie legten ihn unter ein Mikroskop und benahmen sich wie Kinder. Jeder wollte mal durchgucken. Das leuchtende Blau sehen. Das tiefe Schwarz. Es war unverschämt schwarz. Physiker in Japan, England und den USA versuchten schon seit Jahren, das schwärzeste Schwarz der Welt künstlich herzustellen. Und da lag nun dieser Schmetterling aus einer Farm in England. Was war sein Geheimnis?

Der letzte im Labor aufgestellte Schwarz-Rekord lag nicht lange zurück. Wissenschaftler aus Teddington nahe London hatten sieben Jahre lang an etwas geforscht, das sie "Super Black" nannten. Sie tauchten eine Aluminiumplatte in eine Lösung, die vor allem Phosphor und Nickel enthielt, und legten sie in Salpetersäure. Nach Hunderten Versuchen bildete sich auf der Plattenoberfläche ein Belag, der dunkler war als alles, was die Welt jemals gesehen hatte. Würde man vor einer mit "Super Black" bemalten Wand stehen und sie mit einer Taschenlampe anstrahlen, dann würde die Wand fast alles Licht schlucken, quasi nichts käme zurück. Neben "Super Black" sieht das dunkelste Schwarz, das im Farbengeschäft zu kaufen ist, grau aus.

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Doch es ging noch schwärzer. Professor Roy Sambles fokussierte den Schmetterling unter seinem Mikroskop und hatte eine Vermutung. Die Forscher aus Teddington hatten bemerkt, dass die kleinen Krater, die sich auf der Oberfläche ihres schwarzen Belags gebildet hatten, entscheidend waren für den Grad der Dunkelheit. Doch das, was die Natur machte, war anders. Sambles startete eine chemische Versuchsreihe mit dem Schmetterling, die absurd klingen mag, wenn man Schwarz bisher nur als gewöhnlichen Farbeindruck neben Weiß, Gelb, Grün, Blau, Rot wahrgenommen hat. Er besprühte den Schmetterling mit Gold, temperierte ihn auf 21 Grad, fixierte ihn mit Glutaraldehyd, dehydrierte ihn in Aceton und spießte Teile seiner Flügel auf Nadeln auf. Was er unter seinem Elektronenmikroskop sah, war ein Scoop.

Sambles sah auf der Oberfläche der Flügel mikroskopisch kleine Röhrchen, nanotubes genannt, die angeordnet waren wie ein dichter Wald. Sie fingen das Licht ein und ließen es nicht mehr heraus. Zwischen den Röhren klafften mikrometergroße Lücken. Wie Tausende kleine Fallen, in denen sich das Licht verfängt. Sambles Studie bewies, dass die Natur mit Oberflächen spielt, um sie besonders schwarz zu machen. Das war der entscheidende Punkt.

Shawn-Yu Lin experimentierte 2007 in seinem Labor in New York gerade mit Photonenstrahlern, als er sich dazu entschloss, bei der Jagd nach dem tiefsten Schwarz mitzumachen. Was die Natur auf dem Rücken dieses Schmetterlings schaffte, müsste man doch auch im Labor herstellen können. Es wäre der Durchbruch: Nicht mehr das Material würde über die Dunkelheit entscheiden, sondern die Forscher selbst könnten komplexe Oberflächenstrukturen manipulieren, auf Nanoebene. So könnte Kohlenstoff, das im unbehandelten Zustand etwa acht Prozent des einfallenden Lichts reflektiert, durch geschickte Anordnung der Nanoröhrchen praktisch gar kein Licht mehr reflektieren. "Humans control darkness", der Mensch kontrolliert die Dunkelheit, war so ein Satz, den Lin im Kopf hatte.

Um die Wucht des Satzes zu verstehen, muss man in die Geschichte blicken, die Schwarz meistens mit Unheil, Gefahr und Existenzangst verband. Die Macht der Dunkelheit und die Furcht, die sie in Menschen auslöst, gehen auf den Anfang der Schöpfungsgeschichte zurück: Bevor Gott das Licht schuf, war es schwarz und dunkel auf der Welt. Bis heute wird Schwarz mit dem Tod und dem Nichts assoziiert.

Lin arbeitete mit einem Partnerlabor in Texas zusammen. Mit seinen Mitarbeitern forschte er nachts im Dunkeln, um Mitternacht schalteten sie die Mikroskope ein, kein Tageslicht sollte sie ablenken. "Normalerweise sagt man ja, ein blauer Himmel macht die Menschen glücklich, aber ich empfand das stundenlange Arbeiten mit Schwarz als beruhigend und friedlich", sagt Lin. Dabei waren sich die Wissenschaftler anfangs sehr unsicher, ob ihr Projekt funktionieren würde. "Ich erinnere mich noch, wie skeptisch wir waren, weil die Carbonplatte, die wir über Wochen behandelt hatten, am Ende noch so glänzte von der Säure. Eigentlich hätte sie wahnsinnig matt aussehen müssen."

Als die Platte trocken war, erkannten die Forscher: Das Schwarz war noch viel dunkler, als sie es erwartet hatten. Hielten sie ihre Augen ganz nah an die Platte, hatten sie das Gefühl, in eine Schlucht zu blicken. Vor sich hatten sie eine ebene Fläche, doch sie hätte auch Hunderte Meter tief sein können. Ein Loch in der Welt. Die Lichtreflexion lag bei 0,045 Prozent, das war Weltrekord. Es begann der Schlussspurt einer Jagd, die heute kurz vor ihrem Ende steht. Bald wird Shawn-Yu Lin sein neuestes Werk vorstellen. Es wird wieder ein Rekord sein, eine Fläche, so schwarz wie nie, das schwärzeste Material, das je von Menschen hergestellt wurde. Lichtreflexion: 0,03 Prozent.